| "Wettbewerbsintensität und Bewertungsniveau sind nach wie vor hoch" (Ausgabe 3/10) - Interview mit Dr. Martina Ecker, Jefferies, und Marc Thiery, Deutsche Private Equity
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Am Rande der diesjährigen SuperReturn im Intercontinental Hotel Berlin sprach Mathias Renz vom VentureCapital Magazin mit Dr. Martina Ecker von der Investmentbank Jefferies und Marc Thiery von Deutsche Private Equity im Vis-à-vis-Interview über abwartende Buyout-Investoren, restriktive Banken und nach wie vor hohe Multiples.
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VC
Magazin: Frau Dr. Ecker, wie haben sich die Anforderungen an eine
Investmentbank in den letzten Jahren verändert?
Ecker: Das lässt sich nur schwer verallgemeinern. Wenn ich auf unsere
Erfolgskriterien blicke, würde ich sagen, dass es heute sehr wichtig ist, nach
Sektoren aufgestellt zu sein, und zwar mit einem internationalen Team. Wer z.B.
an Strategen verkaufen möchte – derzeit sind wir in einem Prozess mit Asiaten,
Amerikanern und Europäern –, benötigt unbedingt eine internationale Plattform
und entsprechend spezialisierte Experten. Zudem ist es gerade bei größeren
Transaktionen hilfreich, eine integrierte Bank zu sein und nicht nur ein
M&A-Beratungshaus. Darüber hinaus gilt es, flexibel zu sein und je nach
Ablauf einer Transaktion die komplette Palette – vom einfachen Verkauf bis hin
zum IPO – durchführen zu können. Gerade hier wird sich künftig die Spreu vom
Weizen trennen.
VC Magazin: Und wie haben sich die Anforderungen an ein Private Equity-Haus
verändert, Herr Thiery?
Thiery: Private Equity-Häuser müssen zwangsläufig mit weniger Fremdkapital
auskommen. Daher müssen sich Ausrichtung und Fokus der Fonds ändern. Es gilt
heute mehr denn je, echte Wachstumsunternehmen zu identifizieren. Gerade
Limited Partner haben derzeit wenig Interesse, die nächste Welle an Deals mit
hohem Leverage zu finanzieren. Daher spielen inzwischen Fähigkeiten der
operativen Begleitung von Unternehmen die ausschlaggebende Rolle.
VC Magazin: Man sagt, die besten Investments würden in Krisenzeiten
eingegangen. Warum sind Private Equity-Investments dann im letzten Jahr so
stark zurückgegangen?
Ecker: Weil 2009 einfach ein sehr schwieriges Jahr war, in dem alle Arten
von Transaktionen zurückgegangen sind. Es war phasenweise gar nicht mehr
abzuschätzen, welches Geschäftsmodell überhaupt noch funktioniert.
Thiery: In der sehr unsicheren ersten Jahreshälfte wollten wir nicht
finanzieren, in der zweiten Jahreshälfte wollte niemand unser Geld. Zu
Jahresbeginn stellte die Ertragslage der Unternehmen, die wir uns angesehen
haben, keine kalkulierbare Basis dar, weil die Umsätze stark eingebrochen
waren. Anschließend waren die Verkäufer zu verunsichert.
VC Magazin: Welche Rolle spielten die Banken?
Ecker: Auch die Banken mussten diesen Anpassungsprozess vollziehen und
hatten dabei ebenso das Problem, in einer derart unsicheren Phase die
Rentabilität und die Schlüssigkeit von Geschäftsmodellen zu bewerten und darauf
basierend Fremdkapital zu geben.
Thiery: Insgesamt haben die Banken das Eigenkapitalproblem der
Unternehmen in Grenzen gehalten, indem sie bei Refinanzierungen von
Mittelständlern keinen hohen Druck ausgeübt haben. Ich hatte den Eindruck, dass
mit Stundungen und Moratorien relativ großzügig verfahren und vieles
ausgesessen wurde. Bei einem stärkeren Druck wäre sicher eine wesentlich höhere
Zahl von Insolvenzen die Folge gewesen und auch eine höhere Nachfrage nach
Eigenkapital.
VC Magazin: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Banken und Private
Equity-Häusern verändert?
Ecker: Hier hat sich die Welt in den letzten Jahren einmal komplett
gedreht. Vor nicht allzu langer Zeit wurden Fremdkapitalpakete zugesagt, die
höher als der Kaufpreis waren. Das hat damals völlig falsche Signale gesandt.
Zwischenzeitlich war es dann nahezu unmöglich, Fremdkapital zu bekommen, heute ist
dies wieder in begrenztem Maße möglich. Allerdings beobachte ich – selbst bei
kleinen Transaktionen – eine Fremdkapitalvergabe fast ausschließlich in
Konsortien, weil der Syndizierungsmarkt noch nicht wieder funktioniert.
Thiery: In unserem Bereich, dem kleineren Mittelstand, haben wir bei
Transaktionsvolumina von rund 20 Mio. EUR kein Problem, Fremdkapital zu
bekommen. In dieser Größenordnung gibt es bei Wachstumsfinanzierungen nach wie
vor günstige Möglichkeiten bei den Kreditinstituten, die noch Geld haben, also
bei Sparkassen, Volksbanken etc.
Ecker: Meiner Meinung nach wird es ab ca. 30 Mio. EUR schwierig. Ich
weiß von einem Prozess, bei dem u.a. mit Finanzinvestoren über einen
dreistelligen Verkaufspreis gesprochen wird. Eine Adresse hat beschlossen, „All
Equity“ einzusetzen. Ein anderer Bieter hat mit 42 Banken gesprochen und acht
Commitment Letter an das Angebot gehängt, um ein Multiple auf EBITDA von 2,5
darzustellen. Ich glaube, das illustriert anschaulich, dass der Markt noch
schwierig und die Bandbreite groß ist.
Thiery: Ich denke, dass auch einige Banken ihre eigenen Bilanzen noch in
Ordnung bekommen müssen.
Ecker: Auf der anderen Seite habe ich gehört, dass die Citigroup schon
wieder Finanzierungsschecks in Milliardenhöhe schreibt und dass bei Siemens
Hörgeräte angeblich das 14-fache EBITDA aufgerufen ist. Hierzu sollte man
jedoch wissen, dass dieses Multiple ein High Yield-Kapitalmarktprodukt
beinhaltet, das nach anderen Regeln funktioniert und keine Sanierung der
Bankbilanz beinhaltet. Und das Multiple besagt auch nicht, dass es sich bei
Hörgeräten um einen wirklich stark wachsenden Markt handelt.
VC Magazin: Wie würden Sie den Wettbewerb im Midmarket-Segment aktuell
einschätzen?
Thiery: Ich habe den Eindruck, dass die Wettbewerbsintensität nach wie vor
hoch und dass deutlich zu viel Kapital vorhanden ist. Viele Fonds haben in den
letzten Jahren teuer eingekauft und wollen jetzt – vor dem nächsten Fundraising
– unbedingt noch ein paar gute Deals machen.
Ecker: Ich kann das nur unterstreichen. Letztes Jahr hat man auf dieser
Konferenz gemunkelt, welche Adressen Probleme bekommen und wer aus dem Markt
ausscheiden könnte. Das ist bislang nicht eingetreten. Somit sind
Wettbewerbsintensität und Bewertungsniveau nach wie vor hoch, und es gibt zu
wenige Assets.
Thiery: Man muss hier sicherlich differenzieren zwischen relativer und
absoluter Bewertung. Die Multiples sind nicht zurückgegangen. Stark
eingebrochen sind jedoch die Erträge und damit die absoluten Bewertungen. Hier
liegt auch das Problem für die Unternehmer, die von einer Investmentbank vor
zwei Jahren vielleicht gesagt bekommen haben: „Ihr Unternehmen ist 50 Mio. EUR
wert“, und die nicht verstehen wollen, weshalb sie jetzt für deutlich weniger
verkaufen sollen.
Ecker: Mittelständler denken hier einfach anders. Dass ein absoluter
Preis aufgrund von Multiplikatoren heute auch ansatzweise nicht mehr
darstellbar ist, können sie nur schwer nachvollziehen.
VC Magazin: Nach welchen Branchen besteht die größte Nachfrage?
Thiery: Nach allem, was stabil ist, wie z.B. Energie oder Lebensmittel. Das
ist eigentlich ein klassisches Fehlverhalten, denn Private Equity-Investoren
sollten antizyklisch handeln und Branchen kaufen, in denen es nicht läuft. So
gilt Automotive aktuell als toxische Branche. Wenn man Investoren erklärt, dass
man einen Automotive-Deal plant, schießt man sich beim Fundraising ins Abseits.
Folglich traut sich leider kaum ein Investor an Automotive, und das ist schade
für die deutsche Volkswirtschaft.
VC Magazin: Sehen Sie Large Buyout-Häuser, die heute eine Liga tiefer
investieren?
Thiery: Ich sehe schon, dass einige große Häuser kleinere Transaktionen
anschauen. Aber ich denke, dass größere Fonds hier grundsätzliche Probleme bei
der Akzeptanz haben, weil sie in anderen Größen denken und den Umgang und die
Zusammenarbeit mit Familienunternehmern und kleineren Mittelständlern nicht
gewohnt sind.
VC Magazin: Wie würden Sie die Stimmung auf der diesjährigen SuperReturn
beschreiben?
Ecker: Zweckoptimismus … und das meine ich nicht zwangsweise negativ. Die
Unsicherheit ist nach wie vor vorhanden, auch wenn ich mir eigentlich sicher
bin, dass wir die tiefste Talsohle bereits gesehen haben.
Thiery: Das sehe ich ähnlich. Ich finde es zudem schade, dass die
Diskussion nach wie vor von den großen Fonds geführt wird.
mathias.renz [at] vc-magazin.de
Zu den Gesprächspartnern
Dr. Martina Ecker ist Managing Director und Cleantech-Expertin in der
Frankfurter Niederlassung der international tätigen Investmentbank Jefferies. Marc
Thiery ist Gründungspartner und geschäftsführender Gesellschafter der in
München ansässigen DPE Deutsche Private Equity GmbH, die, ausgestattet mit
einem Fondsvermögen von 250 Mio. EUR, in kleine und mittelgroße
mittelständische Unternehmen investiert.
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