„Entdecken
und formen“
Es sind zwei
gegensätzliche Probleme, unter denen viele Venture Capital-Gesellschaften
derzeit leiden: Die weitaus größere Gruppe verfügt über zu wenig Kapital, weil
sich institutionelle Investoren zurückhalten. Die deutlich kleinere Gruppe
leidet dagegen unter etwas, das man Luxusproblem nennen könnte – Kapital steht
ausreichend bereit, aber die Anlageziele fehlen. „Wir finden wenige Deals, die
es wert sind, dass man sie macht“, beschreibt Dr. Hansjörg Sage die Lage bei
dem belgischstämmigen Venture Capital-Geber Gimv. In den ersten Jahren der 1980
gegründeten Gesellschaft stand ausschließlich die Industrie im flämischen Teil
Belgiens im Zentrum. „Das ist kein wachsender Markt, die Anzahl der
Hightech-Start-ups ist dort beschränkt“, erklärt Sage. Also wurde der Fokus
erst auf die Niederlande und Luxemburg erweitert, später auf Frankreich und
Deutschland. Um die Expansion nachhaltig zu gestalten, wurden Satellitenbüros
in Den Haag (2000), Paris (2007) sowie München (2008) eröffnet. „Vorher wurden
wir hauptsächlich als Co-Investor eingebunden. Jetzt können wir spannende Deals
selbst entdecken und können sie auch formen“, erläutert Sage. Der Leiter und
bislang einzige Mitarbeiter der deutschen Niederlassung scheint dafür bestens
gerüstet: Branchenerfahrung sammelte er ab 2001 in führenden Positionen erst
bei Lehman Brothers und dann bei 3i. Nach Kapital suchenden Gründern dürfte
gefallen, dass er den hohen Kapitalstock der börsennotierten
Beteiligungsgesellschaft im Rücken hat.
Die Börse gibt Freiheit
„Wir haben uns früh auf die derzeitige Krise eingestellt und eine starke
Cash-Position aufgebaut, um jetzt investieren zu können“, beschreibt Sage die
Finanzlage. Das sei Gimv damals zwar sehr negativ ausgelegt worden, da andere
börsennotierte Gesellschaften Aktienrückkaufprogramme starteten oder
Sonderdividenden auflegten. Jetzt aber würden Analysten dies als strategischen
Weitblick bewerten, berichtet er mit einem Lachen. In der Börsennotierung kann
Sage nur Vorteile erkennen: „Wir nehmen das Geld aus der eigenen Bilanz und
müssen kein Fundraising durchführen. Es gibt weder Limited Partner, die ihren
Verpflichtungen unter Umständen nicht nachkommen, noch Fondslaufzeiten, die
unsere Strategie einschränken.“ Über den Daumen gepeilt stehen mehr als 350
Mio. Euro zur Verfügung, die frei über die Zielregionen Deutschland, Belgien,
Frankreich und Niederlande verteilt werden können. Grobe Zielvorgaben bestehen
allerdings für die Zahl der Unternehmen, die pro Jahr finanziert werden sollen
– Ubidyne Mitte August war der erste Streich (siehe S. 65). Ein bis zwei
Investments sollen es in diesem Jahr in Deutschland noch sein. Bei einem steht
Sage kurz vor dem Abschluss. Hinsichtlich der Sektoren – Cleantech, Technologie
und Life Sciences – herrscht allerdings wieder Freiheit. Die beiden
erstgenannten Aspekte sieht und betreut der studierte Elektrotechniker Sage
ganzheitlich, eingehende Anfragen für den dritten Bereich reicht er an die
Kollegen im Westen weiter.
Internationale Zweierteams
Hinsichtlich des gewählten Ansprachewegs ist Sage leidenschaftslos: per Post,
via E-Mail oder über Netzwerke wie Xing – das sei gleichwertig. Günstig sei es
immer, einen Fürsprecher aus Sages Netzwerk zu gewinnen. „Bei einer
persönlichen Empfehlung ist die Aufmerksamkeit gleich viel höher als bei einer
kalten Ansprache“, erläutert er. Ebenso freut er sich, wenn er statt eines
70-seitigen Businessplans lieber eine Präsentation geschickt bekommt. So könne
er schneller das Wesentliche erkennen. Außerdem sollten Gründer auf die
gewählte Sprache achten. „Natürlich können sie mir ihre Texte auf Deutsch
schicken. Es ist aber vorteilhaft, das gleich auf Englisch zu machen“, sagt
Sage. Denn auch wenn er abseits der Antwerpener Zentrale wie seine Kollegen in
Den Haag und Paris als Einzelkämpfer agiert, läuft der Investmentprozess
schnell im sechsköpfigen Partnerteam ab. Nachdem Sage die Vorauswahl getroffen
und ein spannendes Unternehmen identifiziert hat, bildet er mit einem der anderen
Partner ein internationales Dealteam. Durchläuft das Unternehmen auch diese
Phase erfolgreich, muss es sich dem Votum der gesamten Partnerschaft stellen.
„Zwischen 0,5 und 25 Mio. Euro“
Wie viel Zeit zwischen erster Anfrage und erster Überweisung verstreicht, hänge
von den Unternehmen und der seitens Gimv gewünschten Due Diligence ab, meint
Sage. Zwar könne man einen Deal in zwei Monaten durchziehen, realistisch seien
aber vier Monate. Ein Patent oder gar nur ein schriftlich ausgearbeitetes
Geschäftsmodell ist Gimv zu wenig für eine ernsthafte Begutachtung der
Geschäftsidee. Die Gesellschaft erwartet einen Prototyp und erste Pilotkunden,
die man zu ihren Erfahrungen befragen kann. „Diese Gespräche sind in der Due
Diligence ganz wichtig, um den Unternehmenswert zu ermitteln. Nur so erfährt
man wirklich, ob ein Kundennutzen besteht“, erklärt Sage. Je nach Segment
stehen pro Unternehmen zwischen 0,5 und 25 Mio. Euro zur Verfügung. „Wir
investieren wirklich vorwiegend in frühere Phasen. Im Internetsektor reicht
weniger Kapital, bei Cleantech muss man halt auch mal eine Fertigung aufbauen“,
erläutert Sage lakonisch diese Spanne. Wenn es dann zur Beteiligung kommt,
strebt Gimv branchentypische Haltefristen zwischen drei und sieben Jahren an,
auch wenn es keine festen Vorgaben gibt. So gehört der Softwarespezialist
CoWare bereits seit 1997 zum Portfolio. Beim Exit bevorzugt Sage den
strategischen Investor, der bar zahlt, weil dies die klarere Sache sei. „Im
Falle eines IPO muss man immer Haltefristen beachten. Und meist sinkt der Kurs
nach dem Börsengang“, begründet Sage seine Vorliebe. Aktuell besteht bei ihm
aber kein Interesse an einer Veräußerung: „In zwei bis drei Jahren werden die
Bewertungen besser sein. Augenblicklich sollte man lieber investieren.“
Fazit:
Sprachgewandte Gründer sind leicht im Vorteil, wenn sie Finanzierungsanfragen
an das Münchner Büro des belgischstämmigen Investors Gimv schicken. Der hiesige
Vertreter bevorzugt knackige Präsentationen statt langatmiger Businesspläne und
bindet bei Interesse schnell seine englischsprachigen Kollegen im Ausland ein.
Die Börsennotierung seiner Gesellschaft sieht er als wesentlichen Vorteil an:
Wer kein Fundraising betreiben muss, kann sich auf seine Portfoliofirmen
konzentrieren; dazu fallen in der Strategie limitierende Faktoren wie feste
Fondslaufzeiten weg. In den kommenden Monaten wird es über das eine Investment
hinaus, das sich gerade in der Endphase befindet, bis zu zwei weitere geben.
Außerdem sucht Hansjörg Sage gerade personelle Unterstützung durch einen
Associate. Falls es dann zu einem Umzug in ein größeres Büro kommt, sollten
auch Paketboten den Weg finden.
torsten.passmann (at) vc-magazin.de
Kurzprofil
Typ: VC- und PE-Gesellschaft
Firma: Gimv
Standort: Antwerpen, Den Haag,
Paris, München
Gründung: 1980
Zahl der Investment-Professionals: 40
Bisher investiertes Kapital: 1,6
Mrd. Euro (davon 323 Mio. für Technologie)
www.gimv.com
Investitionsschwerpunkte
Phase: Early
bis Later Stage
Branchenschwerpunkte: Cleantech,
Technologie (IKT), Life Sciences
Region: Europa,
insbesondere Benelux, Frankreich, Deutschland
Portfolio (Auswahl): Coreoptics (D),
Greenpeak (NL), Novopolymers (B), Movea (F)