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Investor im Portrait Artikelübersicht   
Gimv (Ausgabe 9/09) - Börsengeld für Technologiegründer

Selbst Paketboten ziehen manchmal unverrichteter Dinge ab: Zu unscheinbar präsentiert sich die deutsche Dependance des börsennotierten paneuropäischen Investors Gimv. Hiesige Hightech-Gründer sollten sich aber nicht davon abschrecken lassen, dass die Gesellschaft unauffällig in einer Bürogemeinschaft residiert – der Deutschland-Statthalter für den Technologiebereich Dr. Hansjörg Sage kann direkt auf den großen Topf am Hauptsitz in Antwerpen zugreifen.

„Entdecken und formen“
Es sind zwei gegensätzliche Probleme, unter denen viele Venture Capital-Gesellschaften derzeit leiden: Die weitaus größere Gruppe verfügt über zu wenig Kapital, weil sich institutionelle Investoren zurückhalten. Die deutlich kleinere Gruppe leidet dagegen unter etwas, das man Luxusproblem nennen könnte – Kapital steht ausreichend bereit, aber die Anlageziele fehlen. „Wir finden wenige Deals, die es wert sind, dass man sie macht“, beschreibt Dr. Hansjörg Sage die Lage bei dem belgischstämmigen Venture Capital-Geber Gimv. In den ersten Jahren der 1980 gegründeten Gesellschaft stand ausschließlich die Industrie im flämischen Teil Belgiens im Zentrum. „Das ist kein wachsender Markt, die Anzahl der Hightech-Start-ups ist dort beschränkt“, erklärt Sage. Also wurde der Fokus erst auf die Niederlande und Luxemburg erweitert, später auf Frankreich und Deutschland. Um die Expansion nachhaltig zu gestalten, wurden Satellitenbüros in Den Haag (2000), Paris (2007) sowie München (2008) eröffnet. „Vorher wurden wir hauptsächlich als Co-Investor eingebunden. Jetzt können wir spannende Deals selbst entdecken und können sie auch formen“, erläutert Sage. Der Leiter und bislang einzige Mitarbeiter der deutschen Niederlassung scheint dafür bestens gerüstet: Branchenerfahrung sammelte er ab 2001 in führenden Positionen erst bei Lehman Brothers und dann bei 3i. Nach Kapital suchenden Gründern dürfte gefallen, dass er den hohen Kapitalstock der börsennotierten Beteiligungsgesellschaft im Rücken hat.

Die Börse gibt Freiheit
„Wir haben uns früh auf die derzeitige Krise eingestellt und eine starke Cash-Position aufgebaut, um jetzt investieren zu können“, beschreibt Sage die Finanzlage. Das sei Gimv damals zwar sehr negativ ausgelegt worden, da andere börsennotierte Gesellschaften Aktienrückkaufprogramme starteten oder Sonderdividenden auflegten. Jetzt aber würden Analysten dies als strategischen Weitblick bewerten, berichtet er mit einem Lachen. In der Börsennotierung kann Sage nur Vorteile erkennen: „Wir nehmen das Geld aus der eigenen Bilanz und müssen kein Fundraising durchführen. Es gibt weder Limited Partner, die ihren Verpflichtungen unter Umständen nicht nachkommen, noch Fondslaufzeiten, die unsere Strategie einschränken.“ Über den Daumen gepeilt stehen mehr als 350 Mio. Euro zur Verfügung, die frei über die Zielregionen Deutschland, Belgien, Frankreich und Niederlande verteilt werden können. Grobe Zielvorgaben bestehen allerdings für die Zahl der Unternehmen, die pro Jahr finanziert werden sollen – Ubidyne Mitte August war der erste Streich (siehe S. 65). Ein bis zwei Investments sollen es in diesem Jahr in Deutschland noch sein. Bei einem steht Sage kurz vor dem Abschluss. Hinsichtlich der Sektoren – Cleantech, Technologie und Life Sciences – herrscht allerdings wieder Freiheit. Die beiden erstgenannten Aspekte sieht und betreut der studierte Elektrotechniker Sage ganzheitlich, eingehende Anfragen für den dritten Bereich reicht er an die Kollegen im Westen weiter.

Internationale Zweierteams
Hinsichtlich des gewählten Ansprachewegs ist Sage leidenschaftslos: per Post, via E-Mail oder über Netzwerke wie Xing – das sei gleichwertig. Günstig sei es immer, einen Fürsprecher aus Sages Netzwerk zu gewinnen. „Bei einer persönlichen Empfehlung ist die Aufmerksamkeit gleich viel höher als bei einer kalten Ansprache“, erläutert er. Ebenso freut er sich, wenn er statt eines 70-seitigen Businessplans lieber eine Präsentation geschickt bekommt. So könne er schneller das Wesentliche erkennen. Außerdem sollten Gründer auf die gewählte Sprache achten. „Natürlich können sie mir ihre Texte auf Deutsch schicken. Es ist aber vorteilhaft, das gleich auf Englisch zu machen“, sagt Sage. Denn auch wenn er abseits der Antwerpener Zentrale wie seine Kollegen in Den Haag und Paris als Einzelkämpfer agiert, läuft der Investmentprozess schnell im sechsköpfigen Partnerteam ab. Nachdem Sage die Vorauswahl getroffen und ein spannendes Unternehmen identifiziert hat, bildet er mit einem der anderen Partner ein internationales Dealteam. Durchläuft das Unternehmen auch diese Phase erfolgreich, muss es sich dem Votum der gesamten Partnerschaft stellen.

„Zwischen 0,5 und 25 Mio. Euro“
Wie viel Zeit zwischen erster Anfrage und erster Überweisung verstreicht, hänge von den Unternehmen und der seitens Gimv gewünschten Due Diligence ab, meint Sage. Zwar könne man einen Deal in zwei Monaten durchziehen, realistisch seien aber vier Monate. Ein Patent oder gar nur ein schriftlich ausgearbeitetes Geschäftsmodell ist Gimv zu wenig für eine ernsthafte Begutachtung der Geschäftsidee. Die Gesellschaft erwartet einen Prototyp und erste Pilotkunden, die man zu ihren Erfahrungen befragen kann. „Diese Gespräche sind in der Due Diligence ganz wichtig, um den Unternehmenswert zu ermitteln. Nur so erfährt man wirklich, ob ein Kundennutzen besteht“, erklärt Sage. Je nach Segment stehen pro Unternehmen zwischen 0,5 und 25 Mio. Euro zur Verfügung. „Wir investieren wirklich vorwiegend in frühere Phasen. Im Internetsektor reicht weniger Kapital, bei Cleantech muss man halt auch mal eine Fertigung aufbauen“, erläutert Sage lakonisch diese Spanne. Wenn es dann zur Beteiligung kommt, strebt Gimv branchentypische Haltefristen zwischen drei und sieben Jahren an, auch wenn es keine festen Vorgaben gibt. So gehört der Softwarespezialist CoWare bereits seit 1997 zum Portfolio. Beim Exit bevorzugt Sage den strategischen Investor, der bar zahlt, weil dies die klarere Sache sei. „Im Falle eines IPO muss man immer Haltefristen beachten. Und meist sinkt der Kurs nach dem Börsengang“, begründet Sage seine Vorliebe. Aktuell besteht bei ihm aber kein Interesse an einer Veräußerung: „In zwei bis drei Jahren werden die Bewertungen besser sein. Augenblicklich sollte man lieber investieren.“

Fazit:
Sprachgewandte Gründer sind leicht im Vorteil, wenn sie Finanzierungsanfragen an das Münchner Büro des belgischstämmigen Investors Gimv schicken. Der hiesige Vertreter bevorzugt knackige Präsentationen statt langatmiger Businesspläne und bindet bei Interesse schnell seine englischsprachigen Kollegen im Ausland ein. Die Börsennotierung seiner Gesellschaft sieht er als wesentlichen Vorteil an: Wer kein Fundraising betreiben muss, kann sich auf seine Portfoliofirmen konzentrieren; dazu fallen in der Strategie limitierende Faktoren wie feste Fondslaufzeiten weg. In den kommenden Monaten wird es über das eine Investment hinaus, das sich gerade in der Endphase befindet, bis zu zwei weitere geben. Außerdem sucht Hansjörg Sage gerade personelle Unterstützung durch einen Associate. Falls es dann zu einem Umzug in ein größeres Büro kommt, sollten auch Paketboten den Weg finden.

torsten.passmann (at) vc-magazin.de


Kurzprofil
Typ:                  VC- und PE-Gesellschaft
Firma:              Gimv
Standort:          Antwerpen, Den Haag, Paris, München
Gründung:         1980
Zahl der Investment-Professionals:         40
Bisher investiertes Kapital:                    1,6 Mrd. Euro (davon 323 Mio. für Technologie)
 www.gimv.com

Investitionsschwerpunkte
Phase:                         Early bis Later Stage
Branchenschwerpunkte: Cleantech, Technologie (IKT), Life Sciences
Region:                         Europa, insbesondere Benelux, Frankreich, Deutschland
Portfolio (Auswahl):       Coreoptics (D), Greenpeak (NL), Novopolymers (B), Movea (F)

 


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