„Innovationen
müssen auch von außen kommen“
Zwei Dinge haben
Bosch zu einem der erfolgreichsten deutschen Technologieunternehmen werden
lassen: Nachhaltige Innovationskraft – und die Fähigkeit zur Selbstkritik. „Wir
haben eine exzellente interne Forschung, wir können aber nicht alle Bedürfnisse
des Marktes nach neuen Technologien und Services selbst abdecken“, gibt Dr.
Claus Schmidt offen zu. Er ist seit Ende 1992 im Unternehmen und konnte seitdem
einen breiten Erfahrungsschatz aufbauen. Zu seinen Stationen zählen der Bereich
Zentrale Forschung sowie die Ausgründung einer Firma und die Automobil- und
Halbleiterelektronik als Filetstücke. Damit kennt Schmidt die Stärken und
Schwächen aus der Praxis. Dr. Markus Thill dagegen gehört erst seit Januar 2005
zu dem schwäbischen Traditionsunternehmen mit globaler Aufstellung, konnte in
der Abteilung Corporate Strategy die Dinge aber aus der Vogelperspektive
betrachten. „In den letzten Jahren war mehr und mehr wahrzunehmen, dass stetig
wachsende Innovationen aus dem VC-Sektor für Bosch von Bedeutung sind“, fasst
er seine Erfahrungen zusammen. Gemeinsam haben die beiden daher von Ende 2007
an die Robert Bosch Venture Capital GmbH (RBVC) als Managing Directors
aufgebaut, um diese Lücke zu füllen. Die junge Einheit eröffnet dem
Mutterkonzern den vielfältigen Zugang zu Innovationen – entweder zu neuen
Geschäftsfeldern oder disruptiven Technologien. Allerdings verfolgt der
Corporate Venture Capital-Arm auch wirtschaftliche Interessen.
Virtuell eine private VC-Gesellschaft
„Wir haben immer auch wirtschaftliche Ziele im Blick“, erklärt Schmidt. Dafür
gebe es einerseits interne Gründe, denn das zur Verfügung gestellte Kapital
soll risikoadäquat verzinst werden. Nach außen hin sei es aber wichtig, den
Unternehmern zu zeigen, dass man sie und ihre Firmen voranbringt, und den
Co-Investoren deutlich zu machen, dass man gleiche Ziele verfolgt. Überhaupt
betrachten die beiden führenden Köpfe die privaten Investoren als Maßstab: RBVC
ist zwar eine 100%ige Konzerntochter, wurde operativ aber möglichst gleichartig
zu privaten Venture Capital-Gesellschaften aufgestellt, so Thill. So wurde eine
virtuelle Fondsstruktur entwickelt, bei der über zehn Jahre 200 Mio. EUR
investiert werden. Wie auch bei anderen konzerneigenen VC-Einheiten zu beobachten,
wird allerdings nur ein Teil der Mittel direkt investiert. „Rund zwei Drittel
stehen für direkte Investments zur Verfügung, die restlichen Mittel verwalten
wir als eine Art Dachfonds“, erklärt Schmidt. Als strategische Investments
sollen diese Kapitalspritzen in andere Venture Capital-Gesellschaften das
operative Geschäft von RBVC erleichtern. „Wir investieren in Fonds, die mit uns
ihren Dealflow austauschen. Wir suchen Verbündete“, ergänzt Thill. Dieser
Ansatz erklärt sich aus dem Umstand, dass RBVC mit gerade einmal elf Investment
Managern weltweit aktiv ist. Die kleine schlagkräftige Truppe, die in dieser
Form seit Sommer 2009 besteht, unterhält Büros in der Nähe der Bosch-Zentrale
in Gerlingen bei Stuttgart, in Frankfurt am Main, in Tel Aviv und über die
amerikanische Bosch-Landesgesellschaft im Silicon Valley.
Auf sechs Branchen fokussiert
Neben anderen Investoren tragen auch sonstige Netzwerkkontakte sowie die
eigene Aktivität zum Dealflow bei. „Wir besuchen regelmäßig Konferenzen und gehen
aktiv auf interessante Unternehmen zu“, sagt Thill. Allerdings begrüßen es die
Leute bei RBVC auch, wenn sie eigeninitiativ angesprochen werden. „Wir haben
auf unserer Website bewusst detaillierte Angaben zu unserer Strategie gemacht,
damit Gründer zielgerichtet auf uns zugehen können“, hebt Schmidt hervor. Daher
gibt es auch ein Kontaktformular auf der Website. Konkret hat RBVC Interesse an
fünf Technologiefeldern und einem Querschnittsthema. „Services sind ein
wichtiges Thema der Zukunft. Auch Bosch wird verstärkt Dienstleistungen
anbieten“, unterstreicht Thill.
Im Mittel rund 10 Mio. EUR Kapital
Das Augenmerk liegt auf Finanzierungsrunden von Early bis Later Stage,
wobei sich Robert Bosch Venture Capital bewusst für nicht exakt definierte
Mindestvoraussetzungen entschieden habe, erläutert Schmidt. Harte Zahlen wie
Höhe des Umsatzes oder Anzahl der Mitarbeiter fallen als Kriterium bewusst aus,
erwartet wird am Anfang jedoch mindestens ein Proof of Concept. Wenn eine
Entscheidung positiv ausgefallen ist, fließen in der ersten Runde 1,5 bis 4
Mio. EUR, in weiteren Runden kann die Summe dann auf 6 bis 10 Mio. EUR
ansteigen. „Bei relevanten und besonders interessanten Firmen kann die Summe
aber auch höher liegen“, verrät Schmidt. Insgesamt sollen aus dem Topf von 200
Mio. EUR rund 20 Unternehmen finanziert werden.
Im dichten Netzwerk von Bosch
„Da wir auch ein klares strategisches Interesse haben, stellen wir immer den
Kontakt zu den passenden Abteilungen bei Bosch her. Ob es dann bei losen
Kontakten bleibt oder es sich gar zu einem Joint Development weiterentwickelt,
müssen dann beide Seiten selbst entscheiden“, sagt Schmidt. Auch sonst zeigt
sich das Team zurückhaltend, was den Konzernhintergrund angeht. „Am liebsten
investieren wir mit zwei weiteren Investoren. Wir streben dabei etwa 10 bis 20%
Anteil am Eigenkapital der Firma an, so wie viele andere traditionelle
VC-Investoren“, so Thill. Obwohl bislang nur investiert wurde, bestehen bereits
klare Vorgaben für zukünftige Exits. Falls die Robert Bosch GmbH ein
Portfolio-Unternehmen übernehmen möchte, muss das Unternehmen mit eventuellen
anderen Kaufinteressenten konkurrieren und marktübliche Preise zahlen. „Eine
Bevorzugung gibt es nicht“, gibt Schmidt die Richtung vor. Bezüglich des
Exit-Kanals besteht Offenheit: „Ein IPO ist immer gut, um zu zeigen, dass man
Erfolg hatte. Aber ein Trade Sale ist der traditionelle Weg“, erklärt Thill. Da
er sich auch Secondary Deals mit Finanzinvestoren als Käufern vorstellen kann,
soll es jeweils auf Einzelfallentscheidungen hinauslaufen. Konkrete
Verkaufspläne werden aktuell nicht verfolgt, da die älteste Beteiligung erst
seit gut einem Jahr besteht.
Ausblick
In der zweiten Jahreshälfte will RBVC das in den ersten sechs Monaten
vorgelegte Tempo halten: Zwei Investments wurden bereits eingegangen,
mindestens zwei weitere sollen folgen. An der Teamgröße soll sich aber
mittelfristig nichts ändern – mit elf Leuten sieht sich Robert Bosch Venture
Capital selbst ausreichend breit aufgestellt, um die Mittel des ersten, virtuellen
Fonds zu verwalten. Erst wenn die Mutter neues Kapital bereitstellt und damit
quasi ein neuer Fonds aufgelegt wird, soll es wieder Einstellungen geben. Bis
dahin können junge Unternehmen, die es in das Portfolio geschafft haben, aus
dem Vollen schöpfen: Sie haben Zugang zum weltweiten Netzwerk des Konzerns und
bekommen direkte Kontakte in die relevanten Abteilungen auf dem Silbertablett
serviert.
torsten.passmann (at) vc-magazin.de
Kurzprofil: Robert Bosch Venture Capital GmbH
Typ: Corporate
Venture Capital-Gesellschaft
Standorte: Gerlingen bei Stuttgart, Frankfurt,
Tel
Aviv, Palo Alto (über Robert Bosch LLC, USA)
Gründung: Januar 2008
Verwaltetes Kapital: 200 Mio. EUR
Zahl Investment Professionals: 11
Website: www.rbvc.com
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