13.01.12

Indien – David oder Goliath?

M&A-Kolumne von Dr. Hans Bethge

LH 764 setzt kurz nach Mitternacht auf dem Flughafen von Mumbai auf. Die Maschine rollt durch eine schier endlose wilde Unordnung bestehend aus Flugcontainern und schrottreifen Fahrzeugen. Hinter dem Zaun der Flughafenbegrenzung türmen sich undefinierbar geschichtete Müllhalden, die offenbar Menschen als Behausung dienen. Nach Verlassen des Flughafens bahnt man sich nachts bei 28 Grad durch eine laute Menschenmenge den Weg zu einem Taxi. In einem endlosen Verkehrsstrom, unter permanentem Gebrauch akustischer Warnsignale, geht es ins Hotel. Die Bürgersteige sind voll von schlafenden, unterernährt wirkenden Menschenleibern. Der Eindruck einer Megapolis der dritten Welt, mit ca. 25 Millionen Einwohnern ein Riese unter den Städten, hinterlässt Beklemmung. Am nächsten Tag geht es mit dem PKW rund 100 km ins Landesinnere. Für die Strecke benötigt man gut vier Stunden. Nicht etwa wegen der Verkehrsdichte, sondern aufgrund der ausgewaschenen Fahrbahnen mit einer durchschnittlichen Schlaglochtiefe von 25 bis 30 cm. Ohne Geländefahrzeug ist ein Durchkommen unmöglich. Indien, ein Zwerg der Infrastruktur. Wie will dieses Land antreten, wirtschaftlich mit den Riesen mitzuhalten?

Vor vorschnellen Urteilen sei jedoch gewarnt. Dies zeigt das Beispiel des kleinen Anbieters von Textilfarben, Kiri Dyes, der sich mit ca. 45 Mio. EUR Umsatz anschickte, Weltmarktführer zu werden. Nicht etwa durch organisches Wachstum, sondern durch eine Akquisition des in Frankfurt sitzenden Weltmarktführers Dystar. Das Unternehmen war durch Verschmelzung der einschlägigen Aktivitäten von Bayer, BASF und Höchst entstanden und fristete als ungeliebter Exot im Portfolio des US-Investors Platinum ein kränkelndes Dasein. Weder von den Eigentümern noch von den Banken und zu einem späteren Zeitpunkt auch nicht von den Insolvenzverwaltern wurde Kiri Dyes ernst genommen. Doch nach ca. sechs Monaten beharrlicher Verhandlungen war es mit Unterstützung der State Bank of India gelungen, sämtliche Wettbewerber aus dem Feld zu schlagen. Ein vermeintlicher Zwerg hatte einen zwanzigfach größeren Riesen an die Kette gelegt und unter seine Kontrolle gebracht. Wer ist nun hier David, wer Goliath?

 

Indien hat die große Chance, Kraft seines Marktpotenzials, aber auch durch einen unbändigen Willen zu wachsen. Dies unterstreicht unter anderem die Studie „Die Welt im Jahre 2050“ der Bank HSBC, die das Schwellenland Indien künftig als drittgrößte Volkswirtschaft der Erde sieht. Das Interesse indischer strategischer Investoren am Kauf von europäischen Unternehmen wächst rapide. Es sind nicht allein Unternehmen wie Mittal oder die Tata Group angetreten, den Weltmarkt zu erobern. Vielmehr gibt es eine Vielzahl häufig familiengeführter Unternehmen, denen es nicht an Selbstbewusstsein fehlt, Visionen zu entwickeln, die uns zunächst lächeln lassen. Aber Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.

 

Chancen bieten aber auch Übernahmen von indischen Unternehmen, die in vielen Branchen bis zu 100% möglich sind. Indien bietet trotz aller infrastrukturellen Probleme einen hervorragenden Produktionsstandort mit weltweit konkurrenzfähigen Lohnkosten sowie ein großes Potenzial an bestens ausgebildeten Fachkräften. In den vergangenen Jahren sind die Inbound-Transaktionen auf ein Rekordniveau gestiegen. Der Akquisitionsprozess stellt hierbei die geringste Hürde dar. Die Professionalität ist in jeder Hinsicht gegeben. Probleme ergeben sich meist erst später im Betrieb des Unternehmens und bei der Integration in bestehende Strukturen. Wie auf der Straße ist auch hier viel Geduld gefragt.

 

Zum Autor

Dr. Hans Bethge ist geschäftsführender Partner der Angermann M&A International GmbH. Das Unternehmen mit Standorten in Hamburg und Stuttgart berät Mandanten im gehobenen Mittelstand und ist deutscher Partner der weltweit größten Organisation unabhängiger Beratungsunternehmen M&A International Inc.



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