„Wir verspüren keinen Exit-Druck“

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VC Magazin: Welche Überlegungen haben 2006 zur Gründung des medTech Capital Fonds geführt?
Müller: Geistiger Vater des Projekts ist Walter Paulus-Rohmer, der seit vielen Jahren dem Aufsichtsrat der S-Refit AG angehört. Nach seiner Berufung zum Vorstand der Stadt- und Kreissparkasse Erlangen hat er sehr schnell erkannt, dass ein Risikokapitalfonds ein geeignetes Instrument darstellt, die Vision der Stadt Erlangen – Medizintechnik-Hauptstadt Deutschlands zu werden – zu befördern.
Terhart: Die Sparkasse wollte das vorhandene Potenzial nachhaltig beleben. Ihr war schnell klar, dass ein lokaler Fonds das nicht schafft. Daher hat sie einen Partner gesucht, der Know-how, sein Back-Office und auch etwas Geld einbringt. Wir haben uns auf eine faire Arbeitsteilung geeinigt.
Müller: Das Management wird komplett von S-Refit übernommen. Ich bin als S-Refit-Angestellter abdelegiert, den Fonds zu verwalten. Die Sparkasse Erlangen ist immer Hausbank der Beteiligungen und für uns ein ganz wichtiger Netzwerkpartner, der viele Unternehmen zuträgt und uns das gesamte Netzwerk der Region zur Verfügung stellt.

VC Magazin: Aus welchen Quellen kommen die Anfragen der Gründer?
Terhart: Einige Unternehmer sprechen uns direkt an, andere kommen über die Sparkasse Erlangen oder den Businessplan-Wettbewerb Nordbayern.
Müller: Als der Fonds gegründet wurde, verzeichneten wir im ersten Jahr rund 50 Pläne aus der Region, die inhaltlich gepasst haben. Es gab offensichtlich einen hohen, nicht gedeckten Bedarf. Das hat sich jetzt bei rund 30 Anfragen eingependelt. Dazu sprechen uns auch Gründer von außerhalb an, die sich einen Umzug vorstellen können. So konnten wir vor kurzem eine Ausgründung der TU Dresden bei uns ansiedeln.

VC Magazin: Anders als private Venture Capital-Investoren dient der medTech Capital Fonds der Standortpolitik. Welche Maßstäbe lassen sich dann an Start-ups anlegen?
Terhart: Diese Frage wird jedem Fonds gestellt, der regional fokussiert agiert. Da wir mit den Start-ups arbeiten müssen, die wir vorfinden, liegt unser Schwerpunkt darauf, die Beteiligungen zu entwickeln. Klassisches Hands-on-Management also.
Müller: Wir erwarten weder den perfekten Businessplan noch das perfekte Team, noch die einzigartige Technologie. Wenn ein Team beispielsweise „nur“ gut ist, muss aber die Bereitschaft bestehen, z. B. einen externen Geschäftsführer zu akzeptieren. So haben wir in zwei Fällen externe CEOs mit an Bord genommen. Das hat im Einvernehmen mit den Gründern geklappt, weil wir von Anfang an offen kommuniziert haben. Letztlich ist unser Ziel, die Gründer anzufinanzieren und VC-fähig zu machen.

VC Magazin: Ende 2007 waren laut Ihrer Website 65% der insgesamt vier Mio. Euro verausgabt. Wie ist der aktuelle Stand?
Müller: Wir können maximal 400.000 Euro pro Unternehmen investieren. Mit acht Start-ups im Portfolio und der Managementgebühr sollten unsere Mittel damit zu rund 90% verplant sein. Wir können jetzt noch kleinere Investments tätigen oder bei Kapitalerhöhungen in geringem Umfang mitgehen. Große Neuinvestitionen sind erst nach Exits oder durch eine Kapitalerhöhung möglich.

VC Magazin: Wie realistisch sind die beiden Optionen?
Müller: Ein erster Exit sollte innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahre möglich sein.
Terhart: Kapitalerhöhungen sind derzeit kein Thema. Wir begleiten den medTech Fonds nicht nur auf der Managementseite, sondern auch kapitalmäßig. Als Co-Investor haben wir schon signifikante Summen investiert.
Müller: Der Punkt ist ganz wichtig. Mit unseren 400.000 Euro kann kein Start-up durchstarten. Das funktioniert nur im Verbund mit starken Partnern wie S-Refit oder der KfW. Pro Unternehmen können dann auch schon bis zu drei Mio. Euro in einer ersten Runde fließen. In Summe haben wir über 20 Mio. Euro extern mobilisiert. Weil immer die Gefahr des Verwässerns gegeben ist, achten wir deshalb auf Investoren, die uns nicht an den Rand drängen.
Terhart: Es ist uns schon oft gelungen, private VC-Geber von der Güte der Engagements zu überzeugen. Zu den derzeit aktivsten privaten Investoren, mit denen wir oft gemeinsam investieren, gehören die MIG Fonds aus München.

VC Magazin: Der medTech Capital Fonds versteht sich als Partner auf Zeit. Welcher Beteiligungszeitraum ist angestrebt?
Müller: Wir sind als Evergreen-Fonds aufgelegt und verspüren keinen Exit-Druck. Natürlich achten wir beim Anfinanzieren schon darauf, wer ein potenzieller Käufer sein kann, aber das ist nicht der wichtigste Punkt bei den Überlegungen. Wenn alles passt, streben wir eine Beteiligungsdauer zwischen vier und sieben Jahren an.

VC Magazin: Können Sie nach drei Jahren schon ein Zwischenfazit ziehen?
Müller: Fast alle unserer Investments sind erfolgreich, jedenfalls aus Sicht der Gründer. Die Unternehmen konnten ihre technologischen Ziele erreichen, es wurden in der Summe rund 70 Arbeitsplätze geschaffen. Über unsere Erfolge können wir nach dem ersten Exit sprechen.
Terhart: Für uns war die Gründung des medTech Capital Fonds ein großer Erfolg. Wir hatten 2006 viele Desinvestitionen und konnten uns auf einen Schlag ein zweites Standbein schaffen. Wir sind damit in beiden nordbayerischen Technologiehochburgen Regensburg und Erlangen vertreten. Das hat uns Glaubwürdigkeit und auch Anerkennung eingebracht.

VC Magazin: Herr Dr. Terhart, Sie stehen seit April mit Dr. Hanns Ostmeier dem BVK als Doppelspitze vor. Welche Impulse kann die Branche von Ihnen erwarten?
Terhart: Im Kern ist es meine Aufgabe, das Segment der frühen Phase nach vorne zu bringen. Im Bereich Biotech z. B. haben wir viele kleine staatliche Initiativen und kleinzellige Fonds, die anfinanzieren – die eigentlichen Aufgaben sind viel großvolumiger. Hier brauchen wir noch einen stärkeren Schulterschluss mit der Pharmaindustrie, um die Sogwirkung für mögliche Exits auch in frühen Phasen zu erhöhen. Dazu müssen die Entscheider motiviert werden. Mitte Mai stand eine Roadshow in den USA auf dem Programm, bei der wir Investoren in den USA unseren Markt vorstellen konnten. Außerdem wollen wir die Assetklasse stärken. Solange Wahlkampf herrscht, wird politisch nicht viel passieren. Nach der Wahl wollen wir uns für ein Private Equity-Gesetz engagieren, das auch diesen Namen verdient.

VC Magazin: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Torsten Paßmann.

Zu den Gesprächspartnern
Dr. Peter Terhart ist Vorstand der regional fokussierten Beteiligungsgesellschaft S-Refit AG aus Regensburg. Im April 2007 wurde er erstmals in den Vorstand des BVK gewählt, seit April 2009 bekleidet er dort die Position des Vorstandsvorsitzenden. Christian Müller ist Geschäftsführer des medTech Capital Fonds, einer gemeinsamen Gründung von S-Refit und der Sparkasse Erlangen.