Innovationen im Food- und Agrarsektor

Da kommt etwas ins Rollen

Innovationen im Food- und Agrarsektor: Da kommt etwas ins Rollen
Innovationen im Food- und Agrarsektor: Da kommt etwas ins Rollen
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Digitalisierung, Disruption von Geschäftsfeldern, technologische Innovationen sind in der Food- und Agrarindustrie erst recht spät angekommen. Inzwischen hat die Entwicklung aber auch hier Fahrt aufgenommen. Die Zahl technologisch innovativer Start-ups steigt auch in Deutschland stetig.

Die fleischlosen Burger von Beyond Meat oder Impossible Foods sind in aller Munde. Beide Firmen sind schon nach wenigen Jahren erfolgreich am Weltmarkt. Beyond Meat ist 2019 an die Börse gegangen und hat seinen Aktienkurs seither vervielfacht; Impossible Foods ist noch nicht ganz so weit, wird aber von großen internationalen Adressen mit Riesensummen finanziert. Sie folgen dem Trend, den Fleischkonsum zu verringern. Doch neben diesen beiden bekannten Namen findet sich eine wachsende Zahl von Start-ups, die ebenfalls auf die Veränderung und Verbesserung von Lebensmitteln setzen. In Osnabrück beispielsweise bietet Bugfoundation ein Burger-Patty an, das aus Würmern hergestellt wird. Ziel ist es hier, den Proteinbedarf der Menschen durch Fleischalternativen zu decken. Andere Firmen arbeiten daran, Proteine synthetisch herzustellen. Das Start-up Prolupin extrahiert Proteine aus Lupinensamen, um mit ihnen pflanzliche Lebensmittel anzureichern. Was vor ein paar Jahren noch ein Hype unter Hipstern schien, ist mittlerweile zu einem ernst zu nehmenden Trend geworden. Der Grund dafür ist recht einleuchtend: Die Weltbevölkerung wächst weiter. In ein paar Jahren schon werden zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Zudem hält der Trend der Urbanisierung an, es müssen also immer mehr Menschen auf immer engerem Raum satt gemacht werden. Vor allem in den Städten steigt auch das Bewusstsein für eine nachhaltige Ernährung, die Zahl der Vegetarier und Veganer nimmt dort rasant zu. Schließlich wird auch immer deutlicher, dass ein Sachzusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit besteht. Kein Wunder also, dass Innovationen in die Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren und konsumieren, hoch im Kurs stehen und Unternehmen, die hier die Nase vorn haben, einen riesigen Markt erobern können.

Trend statt Hype

Doch dafür braucht es große Investitionen – und die sind in Deutschland nach wie vor nicht leicht zu bekommen. Deshalb sind zahlreiche vielversprechende Start-ups schließlich bereits Michael Sailer, MVP Munich Venture Partnerabgewandert. „Es ist ein altes Problem, dass es hier kein Venture Capital für größere Runden gibt. In den USA ist das anders. Da gibt es größere Fonds und höhere Mittel“, sagt Michael Sailer, Partner und CFO bei MVP Munich Venture Partners. MVP will deshalb zusammen mit dem französischen Wagniskapitalgeber Demeter einen Fonds über 250 Mio. EUR auflegen, der aber eher in wenige Zielunternehmen investieren soll. „Beim Green European Tech Fund wollen wir die richtigen Targets finden und die dann auch voll durchfinanzieren“, plant Sailer. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf nachhaltigen Ressourcen, darunter Landwirtschaft und Lebensmittel, denn darin sieht man einen großen Trend – nicht zuletzt, weil man beobachtet, dass auch die großen Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, Danone oder Müller verstärkt auf der Suche nach Innovationen sind. Der neue Fonds soll also mehr Schlagkraft haben. Er könnte damit als Modell für mehr Kooperationen von Venture Capital in Europa dienen, findet Sailer.

Deutschland ist vorne mit dabei

MVP und Demeter sind nicht die einzigen, die im Food-Bereich eine Zukunft sehen. Der Frühphasenfinanzierer Atlantic Labs hat dazu extra einen eigenen Finanzierungsarm Christophe Maire, Atlantic Labsgegründet: Atlantic Food Labs. „Bislang gibt es in Europa noch sehr wenig Fonds, die sich auf diesen Bereich fokussieren; allerdings steht Deutschland im europäischen Vergleich noch recht gut da“, sagt Christoph Maire, Gründer und CEO von Atlantic Labs. Die Finanzierungszurückhaltung kann er nicht gut nachvollziehen: Schließlich gebe es hierzulande viele gute Ideen und auch reichlich talentierte Gründer – wie zum Beispiel das junge Start-up Peat. Dieses hat eine App entwickelt, mit der man Pflanzenkrankheiten erkennen kann. Anhand eines Fotos ermittelt ein auf künstlicher Intelligenz basierender Algorithmus, welche Krankheiten oder Schädlinge die Pflanze befallen haben könnten. Ziel ist es, im Laufe der Zeit die weltweit umfangreichste Datenbank hierfür aufzubauen. Die App ist für den Nutzer kostenlos. Erst sobald er die ebenfalls vorgeschlagenen Mittel zur Bekämpfung des Problems bestellt, generiert Peat einen Ertrag. „Die App hilft vor allem Kleinbauern, ihre Nutzpflanzen besser zu verstehen. Im Moment sind Kleinbauern in Südostasien im Visier. In Indien gibt es schon über eine Million Nutzer“, berichtet Maire.

Innovationen an allen Ecken und Enden

Die Lebensmittelindustrie zählt zu den größten weltweit; ihre Facetten sind kaum zu überblicken. Es geht um den Anbau von Rohstoffen, die Entwicklung neuer Produkte, die Tiergesundheit, die Distribution der Waren, den großen Gastronomiebereich und schließlich auch um die Lebensmittelsicherheit, das Eingrenzen von Verderb und Verschwendung – und am Ende der Wertschöpfungskette um einem optimierten Umgang mit den Resten im Rahmen einer modernen Kreislaufwirtschaft. Die Möglichkeiten der Optimierung mithilfe neuer Technologien sind somit immens und werden weltweit angegangen. Ein Schwerpunkt ist derzeit kaum auszumachen, wenn auch die Innovationen, die den Verbraucher einbeziehen, stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit kommen.

Ideen vom Land fürs Land

Die Gegend um Osnabrück gilt in Deutschland nicht gerade als Start-up-Hotspot. Dennoch besteht dort eine Ballung von Jungunternehmen, die mithilfe neuer Technologie Innovationen im Food- und Agrarbereich umsetzen. Das hat etwas mit der ländlichen Umgebung zu tun: Viele Gründer haben einen bäuerlichen Hintergrund, sind selbst Bauern oder haben auf einem Hof gearbeitet – so wie Victor große Macke, der nach der Ausbildung zum Bauern noch in Osnabrück Agribusiness studierte. Er hatte erkannt, dass Tiere sich wohler fühlen, wenn es im Stall gut duftet. Dieses Wohlgefühl steigert dann auch ihre Leistung, etwa die Milchproduktion. Also gründete er Farmerscent und entwickelt Lösungen, mit denen sich Düfte gezielt in den Florian Stöhr, SeedhouseStall bringen lassen. „Gründer aus dem Agrarbereich sind bodenständiger. Sie wollen auch schnell expandieren, aber sie brauchen keine hippe Umgebung“, sagt Florian Stöhr, Geschäftsführer von Seedhouse. Der noch junge Accelerator aus Osnabrück wird weitgehend vom Land Niedersachsen finanziert. Angeschlossen ist eine Beteiligungsgesellschaft, in der mittlerweile 28 Unternehmen aus der Region vertreten sind. „Die Unternehmen wollen dazu beitragen, dass hier ein Ökosystem für Agar-Start-ups entsteht“, erklärt Stöhr. Dazu gehört auch die PHW-Gruppe, der größte deutsche Geflügelzüchter und besser bekannt unter dem Markennamen Wiesenhof. „PHW sucht intensiv nach neuen Proteinquellen. Sie haben immer gesagt, dass sie die nicht selber entwickeln wollen, sondern Start-ups suchen, die auf diesem Gebiet vielversprechend sind“, sagt Stöhr. PHW ist daher zum Beispiel bei der Bugfoundation investiert. Maire hat beobachtet, dass viele Konzerne in puncto Innovationen und neue Geschäftsmodelle im Agrar- und Food-Bereich inzwischen mehrgleisig fahren, wie das sonst vor allem in der Pharmaindustrie üblich ist. Sie investierten in entsprechende Fonds, aber auch direkt in Start-ups, um die eigene Organisation mit externer Innovation vertraut zu machen. Schließlich kauften sie junge Unternehmen, wenn sie vor dem Exit standen. „Vor allem große Familienunternehmen hier in Europa verstehen das. Da gibt es schon eine gewisse Reife“, so Maire.

Fazit

Die Dynamik im Food-Bereich dürfte in den nächsten Jahren noch zunehmen. Aus Sicht zahlreicher Experten steht man erst am Anfang einer langen Entwicklungsreise, in deren Verlauf die Investitionen deutlich zunehmen werden – nicht zuletzt auch eine Folge der gegenwärtigen Pandemie. „Wenn die Corona-Krise uns etwas lehrt, ist es, dass Lebensmittel und Lebensmittelsicherheit und Gesundheit sehr relevant sind“, sagt Maire.