Medienstandort Potsdam

Pioniergeist aus Tradition

Potsdam ist vieles: Schlösser, Parks, Wasser … Die Stadt steht aber auch für Film und Medien, Wissenschaft, Pioniergeist, Weite und offenen Raum. 1911 war dieser „Raum“ – genauer gesagt eine alte Papierblumenfabrik – für den Filmpionier Guido Seeber ein Grund, Potsdam-Babelsberg als den perfekten Standort für ein neuartiges gläsernes Filmstudio im Auftrag der Deutschen Bioscop GmbH auszuwählen. Mehr als 100 Jahre und fünf politische Systeme später steht Potsdam für einen medientechnologischen Standort, der in einzigartiger Weise Medien, IT und Industrie verbindet. Seit den Anfängen lebt es vom Wandel – von dem Bau des ersten Großatelier-Filmstudios der Welt bis zum international bekannten und global vernetzten Medien- und Innovationsstandort.

In Potsdam wird der Treibstoff der Digitalisierung produziert: Content. Hier werden heute Zukunftsbilder bewegt, konzipiert, geplant und Welten erschaffen, Ideen in Daten verwandelt statt in Zelluloid. Technologien verändern grundlegend Kulturen, Geschäftsmodelle, Inhalte und Prozesse. Medientechnologien sind hier treibende Kraft. Es braucht interdisziplinäres Know-how und verschiedene Perspektiven, um diese Veränderungen zu gestalten, und die Geschwindigkeit wird sich nicht verringern. Gerade diese Interdisziplinarität macht den lebendigen Kosmos in Potsdam aus. Mehr als 130 Filmstudios, Radio- und Fernsehsender, innovative Start-ups sowie global erfolgreiche Medien- und Technologieunternehmen wie auch die Hochschulen mit ihren mehr als 23.000 Studierenden und wissenschaftliche Einrichtungen profitieren von den kurzen Wegen vor Ort. Diese Faktoren haben zu einem Hub geführt, in dem heute Technologien und Geschäftsmodelle erforscht, entwickelt und realisiert werden, die für die Produktion oder Nutzung von Audio- oder visuellen Inhalten neue Effizienz oder Erfahrungen bieten – und zwar auch branchenunabhängig jenseits bekannter Grenzen. 2017 wurde Potsdam als einer von zwölf Hubs der Digital Hub Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ausgewählt – als einziger mit dem Schwerpunkt Mediatech.

Start-up City Potsdam

Dass es innovative Start-ups nach Potsdam zieht, ist nicht nur der Geschichte und Attraktivität des Standorts geschuldet. Die Stadt, das Land Brandenburg und auch Investoren, Unternehmen sowie Hochschulen unterstützen Gründungen und neue innovative Zentren aktiv. Laut KfW-Gründungsmonitor 2019 hat Brandenburg mittlerweile Platz drei unter den Bundesländern erobert. Ob Augmented Reality-Anwendungen für Industriekunden, Plugins für den Bereich Corporate Design, Audio-Gadget oder Edutainment – die Gründerszene in Potsdam ist vielfältig und gut vernetzt. Dazu trägt auch die jährliche MediaTech Hub Conference in Potsdam-Babelsberg bei, die sich als zweitägiges Event mit über 50 internationalen Speakern zukunftsweisenden Medientechnologien widmet und Best Practices wie auch neueste Innovationen aus Entertainment und Industrie vorstellt. 2018 wurde mit ein Büroangebot für Mediatech-Start-ups geschaffen, die in Potsdam ihre Ideen realisieren und sich mit etablierten Unternehmen vernetzen können. Seit Januar 2019 gibt es das erste Accelerator-Programm im Land Brandenburg. Gezielt ausgerichtet auf Gründungsteams, die sich in der Frühphase befinden, bietet diese deutschlandweit einzigartige Hochschulkooperation zwischen der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, dem Hasso-Plattner-Institut, der Universität Potsdam und in Zusammenarbeit mit APX – Axel Springer und Porsche den Teams ein maßgeschneidertes und kostenfreies Programm.

Der „begehbare“ Film

Von der Schlagkraft der Potsdamer Community erzählt auch das Start-up Volucap: Eine einzigartige Kooperation zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik brachte 2018 das erste volumetrische Studio Europas auf den Weg. Wenn Gäste die 170 Quadratmeter große und knapp vier Meter hohe Lichtrotunde zum ersten Mal betreten, fühlen sie sich oftmals selbst wie im Film. Mit den 32 ringsum installierten Kameras werden sie zum Hauptdarsteller in Virtual- und Augmented Reality-Welten – als echter Mensch mit echten Emotionen und Gesten. Erzeugt werden hologrammartige Darstellungen der realen Personen, die sich wie computergenerierte Modelle bearbeiten lassen. Diese können in realen und virtuellen Welten platziert werden, die der Zuschauer mithilfe von VR-Technik betreten kann. Für die kommerzielle Nutzung wurde von den Gesellschaftern Arri, Fraunhofer-Gesellschaft, Interlake, Studio Babelsberg und UFA eigens die Volucap GmbH gegründet. Ob Inszenierungen für Messeauftritte, virtuelle Aufführungen und Catwalks in der Musik- oder Modeindustrie, Anwendungen im medizinischen Kontext oder immersive Edutainment-Erlebnisse im Museum – das Spektrum an Möglichkeiten ist bemerkenswert.

Fazit

Mit dieser Version des „begehbaren“ Films kommt Volucap der Vision des Holodeck schon sehr nah. Damit ergeben sich viele neue Fragen und Herausforderungen – zum Beispiel: Welche Rolle übernimmt in Zukunft der Nutzer oder Zuschauer? Wie wird sich Interaktion gestalten? Welche Technologien wird das Publikum in Zukunft akzeptieren? Vom heutigen Standpunkt aus gesehen wird die Erfolgsgeschichte wahrscheinlich in einer realitätsnahen Mensch-Maschine-Interaktion geschrieben – wenn unsere Realität sich virtuell ausweitet (Augmented Reality) und Sprache und Gesten unser natürliches Kommunikationswerkzeug werden und bleiben. Hiermit schließt sich der Kreis in der Geschichte des medientechnologischen Pioniergeists in Potsdam – mit der Begeisterung für den Traum, die Wirklichkeit real abbilden zu können.

 

Andrea Wickleder, MediaTech Hub PotsdamAndrea Wickleder studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin. Ihre erste berufliche Station führte sie an das Babelsberger Erich Pommer Institut für Medienrecht, Medienwirtschaft und Medienforschung. In den darauffolgenden 20 Jahren war sie in unterschiedlichen Positionen im Bereich Marketing und Management für Medien-, Bildungs- und Kultureinrichtungen tätig. Seit Ende 2018 ist sie Hubmanagerin des MediaTech Hub Potsdam.