„Digitalisierung ist für viele Branchen weiterhin der Strukturbrecher schlechthin“

Interview mit Hubert Aiwanger, Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Dr. Florian Mann, Werk1, Prof. Dr. Carsten Rudolph, BayStartUp

„Digitalisierung ist für viele Branchen weiterhin der Strukturbrecher schlechthin“
„Digitalisierung ist für viele Branchen weiterhin der Strukturbrecher schlechthin“ - Interview mit Hubert Aiwanger, Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Dr. Florian Mann, Werk1, Prof. Dr. Carsten Rudolph, BayStartUp (v.l.)
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Bayerns Unternehmenslandschaft ist so vielfältig wie die Dialekte, die im Freistaat gesprochen werden. Neben DAX-Konzernen zeichnet insbesondere ein starker Mittelstand das Bundesland aus. Darüber hinaus entwickelt sich seit einigen Jahren eine vitale bayerische Start-up-Szene – nicht nur in den Metropolen wie München, Augsburg oder Nürnberg, sondern zunehmend auch in der Fläche.

VC Magazin: Herr Minister Aiwanger, wie steht es um den Unternehmensstandort Bayern – sowohl aufseiten der Start-ups als auch bei den Mittelständlern und Konzernen?
Aiwanger: In Bayern stimmen neben den harten Standortfaktoren wie Infrastruktur und Ausbildungsniveau auch die „weichen“ Faktoren. Dazu gehören die Wertschätzung für Unternehmer oder das Kultur- und Freizeitangebot. München findet deshalb im europäischen Standortwettbewerb das Interesse von Google, IBM oder Microsoft – übrigens bei wesentlich günstigeren Mietpreisen als in London oder Paris. Wir können den Start-ups neben den Seen und Szenelokalen auch starke Firmen der sogenannten Old Economy als potenzielle Partner anbieten. Vor wenigen Jahren gab es ein gemeinsames Projekt mit einer Hochschule aus Tel Aviv. Unsere mittelständischen Partnerunternehmen haben die israelischen Gäste begeistert. All dies stützt die Nachhaltigkeit eines Investments. Wir reden also über „Wertbeständigkeit“ in jeder Hinsicht. Zum Beispiel interessieren sich manche nur für die Zahl der Start-ups an einem Standort; ich frage lieber nach Lebensdauer und geschaffenen Arbeitsplätzen – und dabei schneidet Bayern nicht schlecht ab. Unsere Stärke ist, dass nicht ein attraktiver Standort wie München allein an der Spitze steht, sondern in ländlichen Regionen viele starke Cluster ein erfolgreiches Umfeld bieten.

VC Magazin: Sehen Sie Branchen, die in den nächsten Jahren vor besonderen Herausforderungen stehen?
Aiwanger: Die Corona-Krise hat uns gezeigt: Kaum eine Branche kann automatisch davon ausgehen, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung ein Selbstläufer ist. Klar ist aber auch, dass neben den neu hinzugekommenen Herausforderungen die bisherigen ja nicht einfach verschwunden sind. Die Digitalisierung ist für viele Branchen weiterhin der Strukturbrecher schlechthin. Das gilt zum Beispiel für die Automobilindustrie. Autonomes Fahren und vernetzte Mobilität werden unter anderem dazu führen, dass dort Daten das Öl der Zukunft sein werden. Umso mehr freue ich mich, dass gerade in diesem Bereich viele Start-ups mit den etablierten Playern der Automobilwirtschaft eng zusammenarbeiten. Das ist genau der richtige Weg, um gemeinsam für den Wirtschaftsstandort Bayern die künftige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern – in der Automobilwirtschaft und ganz generell.

VC Magazin: Welchen Ansatz verfolgt das Bayerische Wirtschaftsministerium bei der Förderung der Gründungsaktivitäten im Freistaat?
Aiwanger: Wir verfolgen bei der Gründungsförderung einen ganzheitlichen Ansatz: von der Schule über Ausbildung und Studium bis hin zum Start und Wachstum des Unternehmens. Unser Unterstützungsangebot mit den Schwerpunkten Infrastruktur, Netzwerke, Coaching und Kapital gilt bayernweit. Jeder soll seine Idee in seiner Region verwirklichen können. Die Digitalisierung schafft hierfür eine wichtige Grundlage. Lassen Sie mich diese Leitlinien unserer Gründerpolitik an Beispielen verdeutlichen: Mit insgesamt 19 Digitalen Gründerzentren an 27 Standorten gibt es in allen Regionen Bayerns zentrale Anlaufstellen für innovative Start-ups, Investoren und bestehende Unternehmen. Allein hierfür stellen wir 120 Mio. EUR zur Verfügung. Unsere Zuschussprogramme Flügge, Start?Zuschuss! und BayTOU sind gerade jetzt eine besonders wertvolle Unterstützung, damit innovative Gründer und Start-ups ihre Ideen in die Tat umsetzen können. Diesen Unternehmergeist brauchen wir nun mehr denn je. Für die Leser des VentureCapital Magazins interessant sind sicherlich auch unsere umfangreich ausgestatteten Venture Capital-Fonds sowie das von BayStartUp organisierte Investorennetzwerk, das zu den größten in Europa zählt.

VC Magazin: Herr Dr. Mann, Sie leiten mit dem Werk1 eines von 19 Digitalen Gründerzentren in Bayern. Wie stark sind Sie mit den anderen 18 Zentren vernetzt und wie gut gelingt der Austausch von Informationen?
Mann: Wir sind gut miteinander vernetzt, sowohl auf Ebene der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch auf Ebene der Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer. Der Austausch, strukturiert in Form von regelmäßigen Workshops wie auch unstrukturiert – etwa in Form von informellen Events oder durch unseren gemeinsamen Slack-Workspace –, ist eine unserer großen Stärken, denn wie in jeder guten Unternehmensgruppe oder in jedem Portfolio teilen wir offen unsere Erfahrungen, ohne uns etwa gegenseitig etwas beweisen zu müssen. Dabei tauschen wir uns darüber aus, welche Unterstützungsangebote für Start-ups besonders fruchten, welche Trendthemen, Cluster und herausragenden Start-ups wir in Bayern sehen. Und in der aktuellen Krise geben wir uns gegenseitig Hilfestellungen, etwa zum Modus und Möglichkeiten, den Unternehmerinnen und Unternehmern in unseren Gründerzentren Erleichterungen anbieten zu können, die sie gerade dringend benötigen.

VC Magazin: Stichwort Vernetzung: Herr Prof. Dr. Rudolph, wie gut arbeitet aus Ihrer Sicht die bayerische Investorenszene zusammen?
Rudolph: Ich denke, die Szene hat die Synergien in der Vergangenheit schon sehr gut genutzt. Dies hat sich gerade in den vergangenen fünf bis zehn Jahren deutlich verbessert – damit meine ich insbesondere die gemeinsamen Engagements von Venture Capital-Gesellschaften und Privatinvestoren bei Start-up-Investments. Hier haben wir sehr viel mehr gesehen als noch vor rund zehn Jahren. Damit steht eigentlich – abgesehen von den nach wie vor schlechter verfügbaren sehr großen Tickets – ausreichend Kapital für Start-ups zur Verfügung, und ich erwarte eigentlich nicht, dass die grundsätzliche Investitionsbereitschaft abnimmt. Dennoch merken wir bereits jetzt eine intensivere Prüfung insbesondere auch auf die „Nach-Corona-Fähigkeiten“ eines jeden einzelnen Start-ups, verbunden mit vermutlich sinkenden Bewertungen.

VC Magazin: Welche Stellschrauben sehen Sie für das weitere Voranbringen des Freistaats als Gründer- und Unternehmensstandort?
Aiwanger: Natürlich haben wir weiterhin einen Blick auf klassische Rahmenbedingungen wie zum Beispiel die Finanzierung junger, technologieorientierter Unternehmen. Hier konnten wir nicht zuletzt aufgrund des Engagements von Bayern Kapital, der LfA Förderbank Bayern und von BayStartUp deutlich an Schubkraft zulegen. Beim Bund habe ich mich für ein temporäres Fremdkapitalprodukt starkgemacht, um die Liquidität der von der Corona-Krise in ihrer Existenz bedrohten Start-ups kurzfristig zu sichern. Eigenkapitalbasierte Ansätze erscheinen mir zu diesem Zweck zu langsam. Viel Gutes in Sachen Gründung entsteht auch im Umfeld der Hochschulen; das wollen wir für Bayern noch gezielter nutzen. Der Exist-Potentiale-Wettbewerb des Bundeswirtschaftsministeriums ist für Bayern eine Steilvorlage. 23 bayerische Universitäten und Hochschulen haben sich hier erfolgreich durchgesetzt. Diese Chance wollen wir aufgreifen und eine möglichst nahtlose Verknüpfung zwischen Studium, Promotion und Unternehmensgründung in oder im Umfeld eines unserer digitalen Gründerzentren schaffen.
Rudolph: Mit dem „aktiven Schrauben durch Dritte“ ist es so eine Sache; manche Dinge kann man nicht erzwingen. Bayern bietet aber mit einer tollen Deeptech- und B2B-orientierten Start-up-Szene, verbunden mit dem leistungsfähigen Mittelstand und Großkonzernen, beste Voraussetzungen, auch künftig einer der Top-Techstandorte der Welt zu sein. Eine weitere beiderseitige Öffnung von Start-ups und etablierten Unternehmen für eine echte Zusammenarbeit wäre da ein großer Schritt. Ich denke, Plattformen zum gegenseitigen Beschnuppern sind mehr als genug geschaffen worden. Jetzt geht es darum, Muster erfolgreicher Zusammenarbeit zu identifizieren und zu multiplizieren. Nur so kommt man von Modellprojekten zu gemeinschaftlich wirtschaftlichen Vorhaben und dauerhaften Kooperationen.
Mann: Wir brauchen mehr öffentliches Geld in die funktionierenden Kanäle. Wir haben in Bayern mit den digitalen Gründerzentren, von denen das Werk1 die Münchner Dependance ist, wunderbare konkrete Angebote geschaffen, die von Gründerinnen und Gründern äußerst gerne angenommen werden und die funktionieren. Im Werk1 fördern wir derzeit rund 40 handverlesene Digital-Start-ups. Die Ablehnungsquote von bis zu 90% spricht für die Qualität der Teams, die es ins Werk1 geschafft haben. Gleichzeitig zeigt diese Quote eindrücklich, welches Potenzial wir uns derzeit in München noch entgehen lassen. Unsere Leistungen wie günstige Start-up-Büros, Coaching- und Mentorenangebote sowie fast tägliche spezifische Events (derzeit virtuell) in ganz besonderer Atmosphäre im „Werksviertel-Mitte“ treffen genau die Bedürfnisse der Start-ups – und sie lindern einen zentralen Schmerzpunkt der Gründerinnen und Gründer in München, nämlich die hohen Preise und unflexiblen Konditionen für Gewerbeimmobilien. Davon brauchen wir also mehr.

VC Magazin: Welche Herausforderungen, aber auch Chancen gehen mit der Corona-Pandemie einher?
Rudolph: Worauf es jetzt ankommt, ist eine schnelle Reaktion seitens der Start-up-Unternehmen. Dies gilt sowohl für diejenigen, deren Geschäft komplett wegbricht, als auch für die Wenigen, für die die Pandemie eine unmittelbare Chance ist. Die größte Herausforderung ist sicher für alle Seiten die Unsicherheit, wann wir wieder zu einem einigermaßen normalen Betrieb übergehen können. Das permanente Schielen und Hoffen auf staatliche Unterstützung halte ich dabei für falsch. Die unternehmerische Anforderung besteht jetzt darin, kurzfristig die richtigen Maßnahmen auf der Kostenseite zu treffen, die das Überleben des Start-ups sichern, den langfristigen Erfolg des Unternehmens aber nicht gefährden. Und dann geht es parallel um die richtige Einschätzung der „künftigen Lage“, ganz spezifisch für das einzelne Start-up. Es ist für mich klar, dass nicht einfach ein Schalter zurück auf den Normalbetrieb umgelegt wird, sondern diese Näherung über einen großen Zeitraum passiert. Das bedeutet, dass ich als Start-up sehr sorgfältig prüfen muss, ob meine bisherige Story noch unverändert „fliegt“ oder ob ich Produkte, Leistungen und auch den Charakter meines Geschäfts anpassen muss. Persönlich erwarte ich einen Trend eher zu „Must-have-Themen“ zulasten der „Nice-to-have-Dinge“.
Mann: Ich sehe zwei große Chancen: Erstens geht derzeit ein regelrechter „digitaler Ruck“ durch Deutschland. Wir alle nutzen jetzt in einem Ausmaß digitale Tools und Anwendungen, wie ich es mir schon lange gewünscht habe: digitale Lernangebote, Videokonferenzen, kontaktloses Bezahlen sowie die digitale Vermittlung von Nachbarschaftshilfe. Diese Dienste werden jetzt auch von vielen Menschen genutzt, die dies bislang aufgrund von allgemeiner Skepsis, vor allem aber Unwissenheit und daraus resultierender Unsicherheit, vermieden haben. Die zweite große Chance ist, dass viele von uns derzeit grundlegende Fragen nach der „Systemrelevanz“ bestimmter Produkte, Dienstleistungen und Unternehmen stellen. Das hat zur Folge, dass Prioritäten in gesunder, menschennaher Art und Weise neu sortiert werden. Natürlich bietet dieser Prozess für etablierte Unternehmen, vor allem aber auch für innovative Start-ups enorme Chancen. Jetzt können Lösungen platziert werden, die echte (Grund-)Bedürfnisse stillen, etwa nach Gesundheit, körperlichem Schutz, Grundversorgungsmitteln oder aber für die Familie. Die Herausforderungen sind klar: akute Liquiditätsengpässe – gerade bei Start-ups, Kleinunternehmen und Selbstständigen. Hilfen, die zwar richtig und gut sind und dennoch entweder nicht schnell genug ankommen, missbraucht werden oder viel zu gering sind. Und letztlich bürden wir uns durch den Erguss des solidarischen „Milliardenregens“ einen Schuldenberg auf, dessen Ausmaß so unbeschreiblich groß ist, dass derzeit wohl noch niemand recht weiß, welche Auswirkungen dessen Bewältigung für uns und unsere Kinder haben wird.

VC Magazin: Herr Minister Aiwanger, Herr Prof. Dr. Rudolph, Herr Dr. Mann, vielen Dank für das Interview.

 

Hubert Aiwanger ist seit November 2018 Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie sowie stellvertretender Ministerpräsident. Er war zuvor zehn Jahre lang Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Bayerischen Landtag. Aiwanger ist zudem Bundes- und Landesvorsitzender der Freien Wähler. Dr. Florian Manns Mission als Werk1-Geschäftsführer ist es, das große Potenzial an Digital-Start-ups in München zu heben. Als Herzblutunternehmer ist er selbst Gründer des Start-ups Fertila sowie Mitgründer des InsurTech Hub Munich. Frühere Stationen führten ihn als Leiter Unternehmensentwicklung zu Burda Digital und nach Wien als Geschäftsführer der Arbeitgeberbewertungsplattform kununu. Prof. Dr. Carsten Rudolph leitet mit BayStartUp die zentrale Institution für Unternehmensgründung und Finanzierung in Bayern. Er gestaltete als Geschäftsführer der BayStartUp GmbH die Entwicklung vom Wettbewerb zum heutigen Angebotsspektrum seit 2009. Er verfügt über langjährige Erfahrung in Sachen Start-ups und Techunternehmen; seine beruflichen Stationen waren Unternehmen wie Microsoft, McKinsey & Co., Siemens, das netzwerk nordbayern sowie ein Start-up im E-Health-Umfeld. An der TU Berlin studierte und promovierte er in Elektrotechnik. Darüber hinaus lehrt er als Prof. für Entrepreneurship an der TH Nürnberg.