Telegramm aus Thüringen

Drei Insider berichten

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Telegramm aus Thüringen - Drei Insider berichten
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Geht es um deutsche Start-up-Hotspots, kommt die Sprache eher selten direkt auf Thüringen. Unicorns und aufsehenerregende Exits, wie beispielsweise der Verkauf von fayteq an Facebook, sind dort nach wie vor eher rar gesät – doch das soll nicht bedeuten, dass sich in Thüringen nicht eine kleine, aber feine Szene entwickelt hat.

VC Magazin: Wie hat sich die Start-up-Szene in Thüringen in den letzten Jahren entwickelt?
Münnich: Dank einiger Leuchtturmprojekte – fayteq (Trade Sale an Facebook) und InflaRx’ IPO an der Nasdaq – ist Thüringen in den Fokus der Start-up-Szene gerutscht, was zu einer spürbaren Belebung der Thüringer Start-up-Szene geführt hat.
Reeder: Die Start-up-Szene in Thüringen ist sehr lebendig und agil. Die Entwicklungen der letzten Jahre sind sehr erfreulich. Aus meiner Sicht ist die Qualität stabil geblieben, zumindest in Bezug auf die Gründerteams, deren Geschäftspläne und die Stärke des Co-Investoren-Kreises; aber natürlich werden nur die endgültigen Erfolge diese Behauptung belegen können.
Müller: Aus meiner Sicht ist die für Venture Capital-Geber relevante Start-up-Szene erwachsener geworden. Speiste sich der potenzielle Dealflow dieser Investoren in Thüringen in der Vergangenheit auch wesentlich aus Hochschulausgründungen, so weisen die aktuellen Teams deutlich mehr Substanz auf. Letzteres ist sowohl in Bezug auf die Technologien als auch bezüglich der Erfahrung der Gründerteams zu beobachten.

VC Magazin: In welchen Bereichen sehen Sie noch Nachholbedarf/Luft nach oben?
Münnich: Die Anzahl der Ausgründungen aus den Hochschulen ist noch deutlich unter den Möglichkeiten. Es fehlt jedoch nicht an technologischer Exzellenz, sondern an unternehmerischem Mut.
Reeder: Wir haben sehr wenige Start-ups in Thüringen, die von der erste Runde an größere Venture Capital-Geber dabei haben. Persönlich finde ich das sehr schade, da viele Firmen in Thüringen das nötige Potenzial und einen großen adressierbaren Markt haben, um für solche Investoren interessant zu sein. Firmen in Thüringen werden – zumindest in den früheren Stadien – häufig nicht von den größeren institutionellen Investoren. Das Land hat insbesondere bei Unternehmen in der frühen Entwicklungsphase bei der Gewinnung beziehungsweise Wahrnehmung durch größere Investoren noch Luft nach oben.
Müller: Der wohl größte Nachholbedarf – oder besser: Wiederaufholbedarf – liegt im Bereich der Hochschulausgründungen. Die Thüringer Hochschulen haben sich in den vergangenen Jahren zwar jede für sich bemüht, dies zu ändern – aber geschafft haben sie es nicht. Die Daumen sind gedrückt, dass es mit den enormen finanziellen Mitteln aus Exist und Co. sowohl den Universitäten als auch Fachhochschulen gelingt, den Trend der vergangenen Jahren zu stoppen und in eine positive Richtung zu kehren. Voraussetzung hierfür ist meines Erachtens die Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen, ganz ohne Konkurrenzdenken, sowie zwischen Hochschulen und privater Wirtschaft – unbürokratisch und pragmatisch.

VC Magazin: Wie steht es um die Investorenlandschaft vor Ort und wie gut gelingt die Zusammenarbeit der Akteure?
Münnich: Leider gibt es in Thüringen nur sehr wenige institutionelle Investoren. Folglich ist es enorm wichtig, dass die bm-t hier mit einem breiten Investitionsspektrum zur Stelle ist. Daher ein großes Lob und Dankeschön für die sehr vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit.
Reeder: Die bm-t ist sicherlich der Dreh- und Angelpunkt für Frühphaseninvestments im Freistaat, und aus unserer Sicht funktioniert die Zusammenarbeit mit unserem Netzwerk aus Co-Investoren aller Arten sehr gut. Aber, zugestanden: Die Mehrheit unserer Co-Investoren kommen aus den alten Bundesländern oder aus dem Ausland, sodass unser Netzwerk geografisch breit gestreut ist. In Thüringen haben wir ein paar super Business Angels, aber es fehlt an Masse; und ich glaube, deswegen hat sich bis jetzt kein sehr starkes lokales Netzwerk entwickelt. Die Sparkasse Jena hat kürzlich einen Investment Club ins Leben gerufen, und wir freuen uns sehr, mit diesem zusammenzuarbeiten.
Müller: In den letzten Jahren hat sich mittlerweile ein kleines Netz an privaten Business Angels aufgebaut, die aus vorherigen Exits profitieren konnten und nun ebenfalls offen für neue Themen sind. Die Zahl an Investoren aus der lokalen Wirtschaft der Old Economy ist jedoch sehr überschaubar, sodass derzeit die Finanzierung über die bm-t beteiligungsmanagement thüringen immer noch zwingend erforderlich ist. Hier kann sich die Thüringer Start-up-Landschaft glücklich schätzen, auf ein so erfahrenes Investmentmanagementteam mit entsprechender Kapitalausstattung zurückgreifen zu können. Leider ist den meisten nationalen und internationalen Wagniskapitalinvestoren der Freistaat immer noch unbekannt. Dies zu ändern wird eine der Hauptaufgaben für alle im Bereich Start-up und Venture Capital tätigen Player sein.

VC Magazin: Stichwort „Zusammenarbeit“: Gibt es thüringische Paradebeispiele, für erfolgreiche Kooperationen zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen?
Münnich: Die Zusammenarbeit zwischen der evan GmbH und der etablierten Lindig Unternehmensgruppe ist beispielhaft, denn hier treffen technische Innovationen auf jahrzehntelang bewährte Geschäftsmodelle und gestalten gemeinsam die Wirtschaft von morgen.
Reeder: Natürlich gibt es hier und da regionale oder lokale Zusammenarbeit zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen, jedoch wünschen wir uns in diesem Bereich deutlich mehr Offenheit und Bereitschaft, sich mit innovativen Start-ups zu vernetzen und gemeinsame Projekte umzusetzen. Leider haben viele der mittelständisch geprägten Unternehmen noch nicht erkannt, dass sie von einer solchen Zusammenarbeit erheblich profitieren können.
Müller: Als positives Beispiel für ein Unternehmen, was eine Offenheit und breite Unterstützung von Start-ups zeigt, ist die NT. AG aus Erfurt, die als klassischer IT-Dienstleister bereits zahlreiche Gründerteams wie eine Art Inkubator unterstützt und bis zur Gründung oder ersten Finanzierungsrunde finanziert haben. Aus meiner Sicht gibt es zwei Paradebeispiele. Neben der evan.network aus Eisenach/Dresden ist dies die ilmsens aus Ilmenau. Beide Unternehmen haben es geschafft bzw. schaffen es gerade, einen Link zwischen Old- und New Economy hervorzubringen.

VC Magazin: In welchen Bereichen/Branchen sehen Sie in den nächsten zwölf bis 18 Monaten die größten Chancen für den Standort und seine Unternehmen?
Münnich: Der Biotechnologie-Standort Jena wird aufgrund der Corona-Krise stark an Bedeutung gewinnen und auch in den Fokus internationaler Investoren rücken.
Reeder: Wenn die Effekte des Corona-Krise nicht die Welt auf Dauer extrem negativ beeinflussen, dann sehe ich weiterhin sehr gute Chancen, spannende neue Investee-Partnern in Thüringen zu gewinnen und wie in den letzten Jahren auch gute Exits zu erreichen. Da wir sehr auf Hightech-Unternehmen fokussiert sind und sehr wenig in B2C-Firmen investiert haben, hoffe ich, dass wir ein bisschen vor den direkten First Order-Effekten geschützt sind. Insbesondere die Life Sciences-Branche hat sich in den letzten Jahren in Thüringen, besonders im Photonics Cluster Jena, extrem gut entwickelt und ich bin optimistisch, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird. Aber Thüringen insgesamt steht sicherlich vor herausfordernden Zeiten durch die hohe Dichte an Automobilzulieferer- und Maschinenbauunternehmen im Freistaat. Thüringen ist aber immer sehr gut, wenn es darum geht, erfinderisch zu sein und mit geringen Ressourcen viel zu erreichen. Deswegen bin ich weiterhin optimistisch für Thüringen und für den Hightech-Standort sogar sehr optimistisch.
Müller: Aus meiner Sicht liegen hier sämtliche Medizinprojekte, mit Schwerpunkt in Jena, sowie Sensorik-Projekte, die in Ilmenau stark vertreten sind, vorne auf – gefolgt von Projekten im Bereich AI, wo sich ebenfalls in Ilmenau ein Hotspot entwickelt.

VC Magazin: Herr Reeder, Herr Müller, Herr Münnich, vielen Dank für Ihre Einschätzungen.

 

 

Sven Müller ist Geschäftsführer von Reporting.VC, die sich auf das Portfoliomanagement von Venture Capital- und Private Equity-Gesellschaften spezialisiert hat. Kevin Reeder ist seit 2017 Geschäftsführer der bm-t. Er war vorher Senior Fondsmanager für Life Sciences bei der Bank am Bellevue in Zürich, wo er den BB Alpha Health Fonds aufgebaut und gemanagt hat. Reeder ist US-Amerikaner und hat seine Investmentkarriere bei Invesco Fonds in den Staaten begonnen. André Münnich ist Geschäftsführer des Blockchain-Start-up evan. Zuvor gründete er unter anderem das Start-up fayteq, das er gemeinsam mit Jan Herling und Wolfgang Broll führte und im Sommer 2017 an Facebook veräußerte.