„Wir suchen nach den Perlen der Start-up-Szene“

Interview mit Bernhard-Stefan Müller, SII Ventures

Bernhard-Stefan Müller von Sii Ventures
"Wir suchen nach den Perlen der Start-up-Szene": Interview mit Bernhard-Stefan Müller, SII Ventures
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Bildnachweis: @Sii Ventures.

VC Magazin: Wofür steht das Early Stage Angel Netzwerk Tirol? Was zeichnet die dortige Start-up-Szene aus?
Müller: Die in Tirol ansässige Sii Ventures GmbH versteht sich als Business Angel und Company Builder. Wir investieren sehr frühphasig, helfen den Start-ups im Anschluss am weiteren Ausbau des Geschäftsmodells, arbeiten daran, die noch bestehenden Knoten zu lösen, stellen ihnen unser Expertenteam, unser Know-how und Netzwerk zur Verfügung und begleiten sie so durch die Early Stage. Wir sind von unserer Struktur mehr der Co-Founder. Wir funktionieren selbst in unserer Organisation wie ein Start-up, was die Zusammenarbeit stark erleichtert und die Ergebnisse deutlich verbessert. Nah am Gründerteam zu sein und als Sparringspartner auf Augenhöhe akzeptiert und wahrgenommen zu werden ist eines unserer wertvollsten Assets.

Die Szene in Tirol ist sehr klein strukturiert. Man kennt sich eben. Es gibts zwar einige Gründungen, aber tatsächlich wenige Start-ups, die wirklich auch PS auf den Boden bringen. Auch die VC Szene ist überschaubar. Wir als Sii Ventures sind deshalb von Tirol aus in ganz Österreich und Teilen Deutschlands aktiv um unser Portfolio mit den besten Gründern und aus unserer Sicht vielversprechendsten Ideen aufzubauen und zu diversifizieren.

VC Magazin: In welchen Branchen sind Tiroler Start-ups besonders stark unterwegs?
Müller: In Tirol sehen wir unter den vorhandenen Start-ups eine breite Diversifizierung. Die Plattformökonomie-Bewegung tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Der Rahmen reicht vom FinTech über Argiculture bis hin zu Medizin und Deep Tech. Aus unserer Struktur heraus sind wir per se weniger industrielastig und auch mehr Fempreneure würden der Szene sicherlich gut anstehen.

VC Magazin: Wie finanzieren sich Tiroler Start-ups aktuell bevorzugt, wie aktiv ist die Investorenszene?
Müller: Vordergründig funktioniert die Finanzierung über Eigenkapital, Family and Friends  und staatliche Förderungen, die sowohl vom Land als auch vom Bund in einem guten Umfang bereitgestellt werden. Darüber hinaus gibt es auch eine kleine aber feine Investorenszene. Neben bekannten Namen wie der Tiroler Adlerrunde oder Hermann Hauser (I.E.C.T) gibt es Einzelinvestoren, aber auch Zusammenschlüsse von Business Angels, wie wir es sind.

VC Magazin: Welche Pläne und Ziele verfolgt SII Ventures?
Müller: Wir suchen nach den Perlen der Start-up-Szene. Interessante Ideen mit exzellenten Gründerteams. Eine Idee ist natürlich die Grundvoraussetzung. Viel entscheidender ist aber das Team, das die Idee umsetzt. Deshalb investieren wir im Normalfall auch nicht in Einzelgründer. Nach unserem Investment stellen wir dem Unternehmen neben Geld auch Know-How und Experten zur Verfügung. Unsere Investoren kommen überwiegend aus den bereichen Unternehmensberatung, Steuerberatung, Wissenschaft und sind erfolgreiche Unternehmer. Durch diese Konstellation dem Start-up die Hilfe zukommen lassen, die es braucht.

Unsere Arbeitspakete im ersten Jahr haben meist zwischen 600 und 1000 Stunden – das könnte ein Einzelinvestor nie leisten.  Ja nach Bedarf splitten wir das Investment auch mit interessierten Investoren aus unserem Netzwerk und übernehmen den Lead. Natürlich ist Early Stage die größte Risikophase – das funktioniert nur, wenn du sehr viel Zeit, Sparring und ein bisschen auch Kontrolle einsetzt. Dann macht es aber riesig Spaß. Im Durchschnitt bleiben wir dann 36 Monate im Unternehmen, begleiten das Start-up dann in des Investorensuche und dem Onboarding, bevor wir dann unseren Exit einleiten.

VC Magazin: Wie sehr hat das vergangene Corona-Jahr die Tiroler Start-up- und Investoren-Szene beeinflusst. Welche Learnings nehmen Sie daraus mit?
Müller: Das Corona-Jahr hat gerade die Start-up Szene eiskalt erwischt. Start-ups leben von Austausch, Vernetzung, neuen Kontakten…. Eben alles das, was im letzten Jahr plötzlich nicht mehr möglich war. Darüber hinaus hat man stark gemerkt,dass die Investoren vorsichtiger geworden sind und ihr Geld eher als Working Capital für bereits getätigte Investments bereit gehalten haben. Auch für den Vertrieb in den Bereichen Gastronomie, Hotellerie und Co. war und ist die Situation sehr schwierig. Staatliche Zuschüsse blieben aufgrund der Kriterien vielfach aus. Es wird hieraus definitiv einige Verlierer der Krise in der Szene geben.

Mit einer Krise wie Corona konnte niemand rechnen – im Organisatorischen ist es unseren Start-ups sehr leicht gefallen, weil wir in der Szene ohnedies den New Work Ansatz verfolgen. Ich denke aber auch, dass es durch die Krise wichtiger geworden ist, sich innerhalb der eigenen Landesgrenzen umzusehen. Gerade die Start-up-Szene schaut immer gerne über den großen Teich, wo vielfach die größeren Brötchen gebacken werden. In einer Situation wie dieser mussten die Gründer umdenken und sich neu organisieren. Der Faktor Regionalität sollte in zukünftigen strategischen Entscheidungen jedenfalls nicht mehr ganz außer Acht gelassen werden.

 

Bernhard-Stefan Müller ist Gründer und Geschäftsführer der Sii Ventures GmbH mit Sitz in Innsbruck. Als Serial Entrepreneur und Unternehmensberater für Start-ups kennt er die Bedürfnisse und Herausforderungen von Start-ups und Gründerteams.