Erfolgreich in Start-ups investieren und Innovationen erschließen

Aufbau von Corporate Venture Capital-Einheiten

Enrico Reiche, Serge Reh (PwC)
Enrico Reiche, Serge Reh (PwC)

Bildnachweis: PwCP.

Warum lohnt sich der Aufbau einer eigenen Corporate Venture Capital-Einheit?
Worauf kommt es an, wenn man sich dafür entschieden hat? Und welche Rolle spielt das aktuelle Marktumfeld?

Vor dem Hintergrund des stetig wachsenden Transformationsdrucks suchen Unternehmen verstärkt nach innovativen Möglichkeiten, ihr Wachstumspotenzial zu steigern und neue Technologien zu erschließen. Eine Strategie, die sich in den letzten Jahren als effektiv erwiesen hat, ist der Aufbau einer eigenen Corporate Venture Capital-Einheit – denn für Start-ups mit hohen Wachstumsambitionen ist Venture Capital die zentrale Finanzierungsquelle. Doch auch Corporate Venture Capital spielt dabei unter den bevorzugten Kapitalquellen mittlerweile eine entscheidende Rolle: Laut des Deutschen Startup Monitors (DSM) 2022 kann sich jedes zweite Start-up mit dem Wunsch nach Venture Capital eine Finanzierung durch einen Corporate-Investor vorstellen (49,2%). An dieser so wichtigen Schnittstelle zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen sind also enorme Potenziale zu heben.

Zugang zu Technologie, Wissen und Talenten

Die Vorteile eines eigenen Investitionsarms sind für Unternehmen vielfältig. Dabei lassen sich jedoch meist zwei übergeordnete Ziele unterscheiden: finanzielle oder strategische Rendite. Für viele Unternehmen geht es hierbei oft um nichts Geringeres als die Sicherung der eigenen Zukunftsfähigkeit. Folgende strategische Vorteile lassen sich zusammenfassen:

  • Zugang zu Innovationen: Durch Investitionen in Start-ups erhalten Unternehmen Zugang zu neuen Märkten, Produktideen und Geschäftsmodellen, die ihr eigenes Wachstumspotenzial steigern können.

 

  • Früher Zugang zu disruptiven Trends: Corporate Venture Capital-
    Einheiten können frühzeitig Trends und Technologien identifizieren
    und somit die Wahrscheinlichkeit verringern, dass der Mutterkonzern
    von Disruptionen überrascht wird.

 

  • Zugang zu Talenten: Corporate Venture Capital-Einheiten können talentierte Unternehmer und Fachkräfte identifizieren und für diese eine
    attraktive Möglichkeit für den Einstieg in das Unternehmen bieten.

Worauf es beim Aufbau von Corporate Venture Capital-Einheiten ankommt

Damit der Aufbau einer Corporate Venture Capital-Einheit gelingt, sollten sich Unternehmen auf die vier Kernbereiche Strategie, Struktur, Prozesse und Kultur konzentrieren und von Anfang an die richtige Basis legen. Dabei gilt es, wichtige Grundsatzfragen zu stellen:

  • Welche Strategie wird mit den Investitionen verfolgt und wie viel Budget steht zur Verfügung? Es ist essenziell, die Hauptziele und Schwerpunkte der Investitionen zu definieren und festzulegen, wie die Investments in Start-ups zur übergeordneten Unternehmensstrategie passen.

 

  • Wie ist die Investmenteinheit juristisch und steuerlich strukturiert und wie wird sie gesteuert? Um die Strategie weiterzuentwickeln, muss die Struktur der Corporate Venture Capital-Gesellschaft gut durchdacht sein. Dafür ist es notwendig, die Aktivitäten intern richtig zu positionieren und sich auf eine einheitliche Kommunikation zu einigen.

 

  • Darüber hinaus müssen Prozesse aufgesetzt werden, um professionell und schnell im Markt agieren und sich gegenüber Wettbewerbern abgrenzen zu können. Wie entsteht ein substanzieller Dealflow? Wie lässt sich die Weiterentwicklung des Portfolios am besten steuern? Wann ist der Zeitpunkt für einen Exit oder eine Akquisition?

 

  • Wie muss sich die Kultur und Denkweise im Unternehmen verändern, damit Corporate Venturing funktionieren kann? Denn um eine erfolgreiche Venture-Einheit aufzubauen, braucht es ein erfahrenes und kompetentes Team, getragen durch das richtige Mindset von Vorstand und Geschäftsführung.

Außerdem unterscheiden sich Top-Performer von anderen Corporate Venture Capital-Einheiten durch gewisse Faktoren, wie PwC Deutschland im Rahmen der Corporate Venture Capital Impact Studie (2020) herausgefunden hat. Dazu zählt die Anzahl der Finanzierungsrunden: Intensive Corporate Venture Capital-Aktivitäten haben signifikant positive Auswirkungen darauf, wie Stakeholder am Kapitalmarkt und Investoren deren Wachstumschancen bewerten. Darüber hinaus wirkt sich die Teamzusammenstellung auf die Wertschöpfung durch Corporate Venture Capital aus: Spitzen-CVCs setzen demnach auf einen größeren Frauenanteil sowie seniore Investmentteams mit im Durchschnitt mehr als zehn Jahren Erfahrung im Risikokapitalumfeld.

Blick in den Markt

Nicht zuletzt sollten Unternehmen auch die allgemeinen Entwicklungen auf dem Venture Capital-Markt im Blick behalten. Das fördert nicht nur das Verständnis für die Marktdynamik, sondern dient auch als wichtiger Anhaltspunkt für Verhandlungsprozesse. So zeigt beispielsweise die aktuelle Venture Capital Market Study 2022 von Honold et al., dass sich vor dem Hintergrund der Klimakrise das Interesse der Investoren an der Climatetech-Branche seit 2022 verstärkt. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass Impact Investing – also der Investmentansatz, der insbesondere die positive soziale oder ökologische Wirkung von Unternehmen berücksichtigt – künftig ebenfalls eine immer entscheidendere Rolle spielen wird. Aktuelle Zahlen von Global Corporate Venturing (GCV) zeigen darüber hinaus, dass die Corporate-Investitionen in den Sektoren Industrie, Energie und Verkehr im vergangenen Jahr weltweit am stabilsten waren. Hier hat sich die Zahl der Deals trotz des allgemeinen Investitionsrückgangs seit 2022 kaum verändert. Die meisten Investitionen finden jedoch weiterhin im Tech-, Finanz- und Gesundheitssektor statt, obwohl hier ein starker Investitionsrückgang im Vergleich zum Vorjahr zu spüren ist.

Heuer bereits 23 CVCs gegründet

Insgesamt sind die Investitionssummen in Start-ups durch Corporate Venture Capital aktuell weiterhin niedriger als 2022 und wesentlich unter dem Niveau, das der Markt im Venture Capital-Boom-Jahr 2021 erlebt hat. Doch die Abwärtskurve flacht langsam ab, und global sind im laufenden Jahr 2023 keine weiteren großen Einbrüche im Investitionsniveau zu verzeichnen. GCV berichtete zudem, dass weltweit 70% der Unternehmen, die 2022 investiert haben, auch 2023 weiterhin investieren möchten. Ein weiteres Signal für das ungebrochene Interesse des Marktes ist die Zahl der weltweit neu gegründeten Investmentunits. Im Jahr 2022 erreichte diese mit 101 neuen Einheiten ihr vorläufiges Allzeithoch. Zwar ist es noch etwas früh, aus diesen Zahlen einen eindeutigen Aufwärtstrend abzuleiten, doch aktuell scheint es, als würde das Investitionsgeschehen bald wieder etwas Fahrt aufnehmen.

Transformationsdruck: Investition in Innovation

Auch der wachsende Transformationsdruck in allen Branchen könnte Corporate Venture Capital-Investitionen Aufwind verleihen. Durch Innovationen wie zuletzt die rasende Entwicklung von sogenannten generativen AI-Anwendungen, beispielsweise ChatGPT, stehen weltweit ganze Industriezweige vor einem tiefgreifenden Wandel. Innovation ist damit für Unternehmen nicht mehr optional, sondern ein erforderliches Handlungsfeld, um zukunftsfähig zu bleiben. Dabei bietet Corporate Venture Capital eine attraktive Möglichkeit, die damit verbundenen Risiken zu minimieren: Eine Investitionseinheit könnte beispielsweise in 25 Start-ups mit jeweils vielversprechenden Geschäftsmodellen investieren. Wenn nur zwei davon erfolgreich sind, hat der Mutterkonzern die Möglichkeit, weiter zu investieren und den frühen Zugang zu nutzen, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Die gleiche Anzahl an Innovationsprojekten inhouse umzusetzen wäre wesentlich ressourcen- und zeitintensiver.

Fazit

Für Start-ups und etablierte Unternehmen ist Corporate Venture Capital gleichermaßen eine attraktive Möglichkeit, monetäre Interessen mit strategischen Zielen zu vereinen. Statt mit aufstrebenden Start-ups zu konkurrieren und in ihnen eine Bedrohung des eigenen Business zu sehen, profitieren Firmen vom Zugang zu zukunftsträchtigen Technologien.