2026 – Schicksalsjahr für Innovation und Wachstum

Marktausblick

Ulrike Hinrichs (BVK), Thomas Weinmann (REIA Capital), Ellinor Schweyer (FASE) & Christian Schatz (FGS)
Ulrike Hinrichs (BVK), Thomas Weinmann (REIA Capital), Ellinor Schweyer (FASE) & Christian Schatz (FGS)

Bildnachweis: BVK, REIA Capital, FASE, FGS.

Die Stimmung in der Private Equity-Szene und der Venture Capital-Landschaft ist aktuell eher gedrückt. Das Fundraising ist schwierig, die institutionellen Investoren sind unzufrieden mit den Rückflüssen, und die Exits erweisen sich als herausfordernd. Doch mit Blick auf 2026 keimt Hoffnung auf, denn der Infrastrukturbooster, die Herausforderungen der Energiewende und vor allem die Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz (KI) bergen gigantische Chancen.

Der bereits im Jahr 2024 spürbare Abwärtstrend setzte sich 2025 fort. Deutsche Beteiligungsgesellschaften warben im ersten Halbjahr laut dem Branchenverband BVK insgesamt 2,83 Mrd. EUR bei Investoren ein und blieben damit deutlich hinter den Vorjahreswerten. Der Rückgang war vornehmlich auf das Ausbleiben neuer Buy-out-Fonds zurückzuführen, denn Venture Capital-Fonds konnten mit 1,5 Mrd. EUR mehr einsammeln als jeweils in den drei Halbjahren zuvor. „Schwer haben es Fonds ohne Profil oder belastbaren Track Record. Leichter wird es für Teams, die glaubwürdig Zukunftsthemen wie Klima, Digitalisierung oder Deeptech besetzen und über eine konsistente Erfolgsbilanz verfügen“, so BVK-Vorstandssprecherin Ulrike Hinrichs zum Ausblick auf 2026. Insgesamt entwickele sich die Branche weiter – was langfristig zu mehr Professionalität und Transparenz führe.

Fundraising bleibt anspruchsvoll

Fondsmanager, die derzeit keine Exits aus ihrem Altbestand vorweisen können, stehen beim Fundraising aktuell vor Herausforderungen. „Gleichzeitig sehen wir bei Fondsmanagern mit ausgeprägten Alleinstellungsmerkmalen vereinzelt wieder sogenannte One-and-Done-Closings, bei denen das Fundraising innerhalb kurzer Zeit und mit nur einem Closing abgeschlossen wird“, beobachtet Thomas Weinmann, CEO und Managing Director bei REIA Capital. Für 2026 erwarten sein Team und er selbst eine weitere schrittweise Belebung des Markts, aber keinen Boom.

Investments: Qualität ist Trumpf

Bei den Investments in Deutschland präsentierte sich der Markt zuletzt im dritten Quartal 2025 mit 15,2 Mrd. USD robust, wie eine Studie von KPMG zeigt. Milliardenschwere Transaktionen waren der Kauf des auf Kühllösungen und Wärmetauscher spezialisierten Unternehmens Kelvion durch Apollo und die Übernahme eines ContiTech-Bereichs durch Regent. Die Zahl der Deals sank leicht auf 183 gegenüber 204 im dritten Quartal 2024. 2026 wird laut BVK-Managerin Hinrichs ein Jahr, in dem Beständigkeit und Skalierbarkeit im Vordergrund stehen. Investoren würden ihr Kapital gezielter einsetzen und stärker auf belastbare Geschäftsmodelle achten – etwa in den Bereichen Energie- und Klimatechnologien, Gesundheit, Digitalisierung oder Innovation. Geschäftsmodelle ohne klare Wertschöpfung oder mit unklarem Wachstumsziel würden es schwer haben – gefragt sei „nachhaltiges, profitables Wachstum mit klarer operativer Exzellenz“. Fondsmanager mit klaren Alleinstellungsmerkmalen würden auch zukünftig im Vorteil sein: Denn diese Fähigkeiten seien nicht nur im Sourcing nötig, sondern auch bei der operativen Weiterentwicklung der gekauften Unternehmen, befindet Weinmann. So würden sich kleinere Private Equity-Fonds auf „Asset lite-Investmentmodelle“ konzentrieren, etwa im Segment Business Services. Die Bereiche Consumer und Industrials hingegen würden von vielen Investoren aufgrund hoher Kapitalbindung eher außen vor gelassen, auch wenn erfahrene Branchenexperten hier weiterhin hohe Renditen erzielen könnten. Die Renditeerwartungen der Investoren liegen nach Einschätzung vieler Branchenbeobachter weiterhin bei 20% bis 30%, der Erfolgsdruck bleibt also auch 2026 hoch.

Exits: Börsenmotor könnte in der zweiten Jahreshälfte anspringen

Bezüglich der Exit-Situation glauben einige Marktteilnehmer, dass der Börsenmotor im zweiten Halbjahr anspringen könnte. Man habe in den Jahren 2020 und 2021 zu hohe Preise gezahlt für Beteiligungen, aber das wachse sich langsam aus; Ende 2026 könnte sich das Fenster für Initial Public Offerings (IPOs) öffnen. Allerdings bleibt der Sprung auf den Kurszettel schwierig. „Börsengänge bleiben realistisch nur für größere, profitable Tech- und Industriefirmen. Insgesamt rechnen wir aber mit mehr Transaktionen und neuen Erfolgsgeschichten – ein positives Signal nach zwei eher verhaltenen Jahren“, sagt Hinrichs. Trotzdem bleiben Exits eine große Herausforderung. „Viele Transaktionen verzögern sich oder kommen gar nicht zustande, weil es an Exit Readiness fehlt. Hierzu haben wir gemeinsam mit Grant Thornton kürzlich eine Studie veröffentlicht. Investoren berichten aus Käuferperspektive, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen fast nie oder selten ‚exit-ready‘ ist“, erläutert Hinrichs. Mit Blick auf das eigene Portfolio machen Beteiligungsgesellschaften das Thema deshalb zunehmend zu einem festen Bestandteil des strategischen Portfoliomanagements, beginnend mit frühzeitiger Planung, einem soliden Businessplan und begleitet von einer guten Equity Story. „IPOs gelten für viele als die Königsdisziplin. Aus eigener Erfahrung mit IPOs weiß ich jedoch, dass diese in einem volatilen Marktumfeld sehr schwierig umsetzbar sind. Deshalb bin ich für IPOs aktuell eher skeptisch“, so Weinmann. Insbesondere Large Cap- und Venture Capital-Fonds blieben von dieser negativen Situation weiterhin betroffen. Für kleinere Investments sehe man hingegen gute Chancen: Strategische Käufer und größere Private Equity-Fonds würden eine große Rolle spielen und bei guten Unternehmen sehr interessante Preise bezahlen.

Kommen ESG und Nachhaltigkeit aus der Mode?

Ausgehend von den USA mit der konservativen Kursänderung unter Präsident Donald Trump scheint sich auch in Europa die Prioritätenliste zuungunsten von Sozial- und Umweltkriterien sowie Nachhaltigkeitsaspekten zu verschieben. „Ich glaube, wir sind an einem Punkt, an dem sich zeigt, wer wirklich an Nachhaltigkeit und positiven Impact glaubt und den Worten auch Taten folgen lässt. Wir erleben gerade, dass solche Überzeugungstäter und auch NextGen Wealth Owners bei der Stange bleiben und sich wenig vom Backlash beeindrucken lassen, auch wenn dies eher diejenigen sind, die schon Erfahrung mit Impact Investing mitbringen“, sagt Ellinor Schweyer, Mitgründerin und Managing Director bei FASE. Darüber hinaus würden in letzter Zeit immer mehr Stimmen laut, die das klassische Venture Capital-Modell hinterfragten, insbesondere in Bezug auf den Druck steiler Wachstumskurven und die Notwendigkeit, mit einigen wenigen Deals den Löwenanteil der Fund Performance erreichen zu müssen. Bei FASE setze man mit dem Fonds ECIIF lieber auf eine breitere Strategie, die auch solche Ventures unterstützt, die für Europa einen neuen Impact-Mittelstand bilden könnten und eher organisch, gesund und nachhaltig wachsen wollen, sagt Schweyer.

Steuerliche Bremsklötze und schwache Rahmenbedingungen

Mitte November gab es 2025 einen Lichtblick: Die Bundesregierung verstärkt mit dem geplanten Deutschlandfonds ihre Anstrengung, Kapital für Investitionen in die deutsche Wirtschaft zu mobilisieren. Wichtige Details stehen allerdings noch aus. Bisher ist vorgesehen, dass der Bund durch Garantien oder finanzielle Transaktionen Eigenmittel von 10 Mrd. EUR bereitstellen will. Der Dachfonds soll damit Investitionen von mindestens 100 Mrd. EUR hebeln – besonders für Mittelstand und Scale-ups. Der Handlungsbedarf ist spürbar – denn in der Branche wächst die Ungeduld. „Was wir brauchen, ist weniger Ankündigungspolitik und mehr konsequente Umsetzung. Dazu gehören einfache steuerliche Rahmenbedingungen, Planungssicherheit und die Gleichstellung internationaler Fondsstrukturen“, sagt Hinrichs. Die neue Bundesregierung habe mit der WIN-Initiative wichtige Impulse gesetzt. Allerdings: Viele der im Koalitionsvertrag angekündigten Maßnahmen würden bislang nicht umgesetzt. Gerade bei steuerlichen Anreizen, Mitarbeiterbeteiligungen und der Vereinfachung von Fondsstrukturen fehle es an Fortschritt und Verlässlichkeit.

Nachhaltiger Schaden

Den nachhaltigsten Schaden für den Standort verursache man damit, dass die Unsicherheiten bei der Fondsbesteuerung weiterhin nicht angegangen würden, sagt Christian Schatz, Anwalt und Partner bei der Kanzlei Flick Gocke Schaumburg. Mit dem Standortfördergesetz mache man zwar erste Trippelschritte, aber das sei zu wenig. So werde es nicht mehr deutsche Private Equity- und Venture Capital-Fonds geben, eher schrumpfe der Markt – zumindest im Vergleich mit den Mitwettbewerbern. Die Bundesregierung müsse dringend eine Konzeption der Fondsbesteuerung aus einem Guss entwickeln, wie in anderen Mitgliedstaaten vorhanden. Vor allem die unsichere Einstufung durch die Finanzbehörden in gewerbliche und vermögensverwaltende Fonds ist offenbar ein Dauerthema. „Die Diskussion wird sicherlich am kritischsten in München geführt. Aber dadurch ist eine generelle Unsicherheit entstanden, die vor allem internationale Investoren schon feststellbar davon abhält, in deutsche Fonds zu investieren.“ Ein Punkt wird dabei laut dem Rechtsexperten Schatz aber immer deutlicher: Deutschen Fonds sei steuerlich viel weniger erlaubt als Fonds aus anderen Ländern und auch aus EU-Mitgliedstaaten. Damit entstehe ein eklatantes Wettbewerbsgefälle, konstatiert Schatz. So habe man im Venture Capital-Bereich gegenüber den USA einen zusätzlichen Kapitalbedarf von 91 Mrd. EUR bis 2030, was einer jährlichen Verdopplung unserer Venture Capital-Investitionen entspricht. Im Private Equity-Bereich insgesamt sehe es nicht besser aus. Gegenüber den Mitbewerbern aus Großbritannien bestehe ein zusätzlicher Kapitalbedarf von knapp 104 Mrd. EUR – ebenfalls bis 2030, was einem jährlichen Mehrbedarf von 11,5 Mrd. EUR entspreche. „Kurz: Wir brauchen keine minimalinvasiven Eingriffe, sondern endlich ein echtes Level Playing Field!“, resümiert Schatz.

Fazit

Privates Kapital steht 2026 bereit, um die Transformation der deutschen Wirtschaft maßgeblich mitzugestalten. Es liegt vor allem an der Politik, jetzt einen besseren steuerlichen und regulatorischen Rahmen zu schaffen. Die größten Chancen sehen fast alle Marktteilnehmer in der Künstlichen Intelligenz (KI). „In Private Equity hat KI einen sehr großen Einfluss auf Kosten und Umsetzungsgeschwindigkeiten“, sagt Weinmann. „Bei KI wird sich nach der ersten Euphorie der Fokus vermutlich auf komplexere Anwendungen verlagern, die echte Wertschöpfung in den Unternehmen vorantreiben. Ich zumindest hoffe sehr, dass sich der KI-Boom etwas korrigiert und sich hin zu mehr Effizienz und nachweisbarem Bedarf bewegt“, sagt Schweyer von FASE.

Der Beitrag wurde von Peter Köhler verfasst.