Wenn Social Impact allein nicht reicht

Wie Little World trotz fehlendem Kapital weiterkämpft

Oliver Berlin, Little World
Oliver Berlin, Little World

Bildnachweis: Oliver Berlin, Little World; Little World .

Wie Oliver Berlin mit seinem Aachener Social-Start-up Little World trotz des beachtlichen Erfolgs in eine massive finanzielle Krise geraten ist, die zugleich ein strukturelles Defizit in unserem Fördersystem offenlegt.

Es ist eine dieser Geschichten, die eigentlich ein Happy End haben müssten. Die Zahlen: stimmen, die Wirkung ist messbar, und die Menschen sind begeistert. Doch Oliver Berlin, Wirtschaftsingenieur und Gründer von Little World, blickt derzeit nicht auf Erfolgsstatistiken, sondern in einen finanziellen Abgrund. Eine Förderung, die zwei Jahre lang Luft zum Atmen und Wachsen gab, ist ausgelaufen – für den Gründer ein äußerst kritisches Szenario, dem er sich nicht nur für sein Unternehmen stellt, sondern auch für eine Vision, die in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung wichtiger scheint denn je.

Begegnung als Anfang von Verständnis

Um zu verstehen, was Oliver Berlin umtreibt, muss man zurückblicken. „Die Idee kam aus meiner eigenen Erfahrung: Ich habe in verschiedenen Ländern gelebt – Australien, Südostasien, China, der französischen Schweiz – und war in Aachen in interkulturellen Gruppen aktiv. Als ich pandemiebedingt aus China zurückkam, zog ich wieder bei meiner Mutter ein“, erzählt der Gründer. „Ich erlebte, wie meine Mutter sich einsetzte. Jeden Tag rief sie ältere Menschen an – einfach, um zu reden. Da dachte ich: Warum übernehmen solche Gespräche nicht auch Leute, die Deutsch lernen wollen?“ Was als schlicht anmutende Idee begann, wuchs rasch zu einer gesellschaftlichen Mission. Zusammen mit seinen Mitgründern Tim Schupp und Sean Blundell, der zuvor an einem ähnlichen Projekt namens MitEin arbeitete, fusionierte er die Ideen 2022 zu Little World. „Ihre Expertise war entscheidend, um die Idee in eine funktionierende Plattform zu übersetzen. Die Entwicklung unserer Betaplattform hat anderthalb Jahre gedauert. Dann kam das
NRW-Gründerstipendium, später die Förderung durch die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Nach dem Launch hatten wir innerhalb von drei Monaten 1.000 Anmeldungen“, so Oliver Berlin rückblickend.

Digitales Format mit gesellschaftlichem Tiefgang

Das Konzept von Little World ist so simpel wie effektiv: Menschen, die Deutsch sprechen, treffen sich digital mit Menschen, die Deutsch lernen – zum Reden. Keine Nachhilfe, keine Verpflichtung, keine klassische Tandem-Partnerschaft, sondern echte Gespräche. Offen, persönlich und auf Augenhöhe. Was Little World daraus gemacht hat, ist ein digitales Format mit gesellschaftlichem Tiefgang, das Brücken baut, Vorurteile reduziert und den Zusammenhalt stärkt. „Begegnung ist der Anfang von Verständnis“, sagt Oliver Berlin. „Und wir erleben täglich, wie groß die Wirkung schon eines einzigen Gesprächs sein kann.“ Genau diese Erfahrung teilt etwa die Deutschlernende Amina, die durch ihre regelmäßigen Videocalls mit Sprachpatin Franziska nicht nur ihre C1-Prüfung bestand und ihr Studium
aufnehmen konnte, sondern auch eine Freundin gefunden hat. Oder die in Gütersloh lebende Polin Jolanta und die Münsteranerin Katharina, die sich jede Woche auf ihre Gespräche freuen, weil sie beide Krimifans sind und jemanden gefunden haben, mit dem sie über ihre Lieblingspodcasts sprechen können.

Spracherwerb durch Austausch, nicht durch Belehrung

Das Prinzip ist einfach: Interessierte registrieren sich online,machen Angaben zu ihren Lieblingsthemen und verfügbaren Zeiten – und werden per Matching-Algorithmus mit passenden Gesprächspartnern zusammengebracht. Im virtuellen Raum geht es dann nicht um Grammatik, sondern um das Leben: Familie, Alltag, Hobbys; alles, was verbindet. Eine plattforminterne Übersetzungsfunktion sowie Gesprächskarten helfen über Sprachbarrieren hinweg. „Sprachlernen funktioniert nicht nur über Lehrbücher – es braucht Übung, vor allem aber Vertrauen. Und das entsteht, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet. Unser Ziel ist es, Räume dafür zu schaffen; besonders dort, wo sie bisher gefehlt haben“, so der Gründer. Das Start-up traf einen Nerv. In einer Zeit, in der Integrationskurse überfüllt sind
und auf dem Land Begegnungsstätten fehlen, füllte Little World eine Lücke. Denn im Gegensatz zu großen Städten gibt es in ländlichen Regionen oftmals nur wenige bis keine Begegnungsangebote, sehr wohl aber eingewanderte Menschen und ehrenamtlich Engagierte. „Gerade dort fehlen oft gute Förderangebote“, weiß der Gründer. Auch für Unternehmen ist Little World ein attraktives Tool. Mitarbeitende können sich im Rahmen von Corporate Volunteering unkompliziert engagieren – flexibel und wirkungsvoll. Denn Studien zeigen: Wer sich einbringt, ist zufriedener und fühlt sich stärker verbunden. Darüber hinaus eröffnet Little World Unternehmen die Möglichkeit, frühzeitig mit Talenten aus dem Ausland in Kontakt zu treten. Gleichzeitig können Deutschlernende auf niederschwellige Weise Verbindungen zu potenziellen Arbeitgebern aufbauen. „Wir glauben an eine neue Form von Willkommenskultur – digital, verbindend und wirksam“, so Oliver Berlin.

Das Paradoxon des Erfolgs

Die Plattform wuchs rasant. Was als einfache Idee begann, hat laut Little World bereits rund 6.500 Menschen bundesweit verbunden. „Pro Jahr vermitteln wir rund 1.200 Gesprächspaare“, so Oliver Berlin. Doch dann schnappte die Falle des deutschen Fördersystems zu. Das Problem ist strukturell: Stiftungen und staatliche Töpfe finanzieren gern den Aufbau oder innovative Pilotphasen. Ist das Projekt jedoch etabliert und läuft erfolgreich, ziehen sich die Geldgeber zurück. Die laufenden Betriebskosten – Server, technischer Support, das kleine Kernteam, das die Matches koordiniert – bleiben ungedeckt. Die Konsequenz ist fatal: Sozialunternehmer wie Oliver Berlin verbringen oft mehr Zeit mit dem Schreiben von Anträgen als mit ihrer eigentlichen Arbeit. Wenn eine Förderung ausläuft, wie bei Little World im Fall der eingangs erwähnten 400.000-EUR-Förderung durch die Deutsche Fernsehlotterie, droht das Aus, obwohl der gesellschaftliche Impact und der Bedarf enorm sind.

Blick nach vorn statt Rückzug

Der Wegfall der Finanzierung trifft Little World in einer Phase, in der man eigentlich so richtig durchstarten wollte. Wie geht der Gründer mit diesem Druck um? Oliver Berlin weiß, dass eine gemeinnützige Gründung auch Herausforderungen mit sich bringt. „Ja, es gibt viele Hürden. Die Förderlandschaft ist komplex, vieles läuft langsam, bürokratisch. Ressourcen sind knapp. Man muss sehr geduldig sein – und kreativ.“ Er setzt auf Kooperationen und richtet den Blick nach vorn. Jüngst schloss er ein Bündnis mit Lern-Fair, einem Verein, der bildungsbenachteiligte Schüler unterstützt. Durch die Zusammenarbeit können Ressourcen geteilt und neue Zielgruppen erschlossen werden – etwa Eltern, die für ihre Kinder Deutschpartner suchen. Doch Kooperationen allein füllen keine Bankkonten. Oliver Berlin appelliert daher auch an die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft: „Sprachvermittlung ist unser Vehikel – unser Ziel ist gesellschaftlicher Zusammenhalt. Freundschaften, gegenseitige Wertschätzung, eine Kultur des Miteinanders. Gerade in Zeiten multipler Krisen ist das essenziell.“ Wie geht es nun weiter? Das Team wurde zwar zwischenzeitlich vergrößert, doch ohne Anschlussfinanzierung ist diese Struktur in Gefahr. Oliver Berlin und seine Mitgründer versuchen, das Modell auf breitere Schul-
tern zu stellen: Neben Spenden wird die Unterstützung durch Stiftungen und Unternehmen eine entscheidende Rolle bei der langfristigen Sicherung und Skalierung von Little World spielen.