„Deutschland sitzt auf einem Schatz – wir müssen ihn nur heben“

Interview mit Martin Bellof und Stefan Weber, chemstars

Martin Bellof und Stefan Weber, chemstars
Martin Bellof und Stefan Weber, chemstars

Bildnachweis: chemstars.

Deutschland verfügt über exzellente Forschung, doch oft fehlt der Sprung in die wirtschaftliche Anwendung. Gleichzeitig mangelt es an vielen Stellen an Rückhalt aus der Industrie. Dass es besser geht, zeigen Stefan Weber und Martin Bellof. Mit chemstars bauen sie Brücken zwischen Forschung und Industrie, begleiteten über 65 Start-ups, die bereits über 250 Mio. EUR an Finanzierung sammeln konnten.

VC Magazin: Herr Weber, kürzlich haben Sie gesagt: „Deutschland sitzt auf einem Schatz an exzellenter (Chemie-)Forschung, nutzt ihn aber nicht.“ Wie genau heben wir diesen Schatz jetzt, anstatt nur über das viel zitierte Gründer-Gap zu klagen?

Weber: Deutschland hat eine fantastische Basis an exzellenter Forschung. Die Herausforderungen liegen im systematisch erfolgreichen Transfer in industrielle Anwendungen. Dafür sind zwei Dinge entscheidend: Erstens brauchen wir mehr Wissenschaftler, die den Schritt in die eigene Gründung überhaupt in Betracht ziehen. Diese Möglichkeit muss sichtbarer werden und gezielte Förderung erhalten, damit unternehmerische Wege früh mitgedacht werden. Zweitens braucht es die richtigen Strukturen: Zugang zu Industrie, Kapital und Infrastruktur sowie Netzwerken wie chemstars, die diesen Weg aktiv mit industriespezifischem Know-how unterstützen. Genau hier entscheidet sich, ob aus exzellenter Forschung mit Tempo und einem klar unternehmerischen Ansatz ein Unternehmen wird.

VC Magazin: Laut Startup Monitor ist die Zusammenarbeit von Start-ups und etablierten Unternehmen in den letzten fünf Jahren von fast 72% auf 56% gesunken. Wie kehren wir diesen Trend am Standort Deutschland wieder um?

Weber: In wirtschaftlich angespannten Zeiten rücken Effizienz, Kostenkontrolle und das Kerngeschäft in den Vordergrund. Kooperationen mit Start-ups geraten dann leider oft in den Hintergrund. In der chemischen Industrie kommt hinzu, dass aktuell viele Unternehmen unter besonderem Druck stehen: hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und große Transformationsanforderungen in Richtung Nachhaltigkeit. Das verstärkt die Tendenz, kurzfristig zu optimieren, statt in neue, externe Innovation zu investieren. Um den Trend umzukehren, verankern Unternehmen externe Innovation immer stärker als festen Bestandteil in ihrer Strategie. Klare Suchfelder, schnellere Entscheidungen und die Bereitschaft, neue Technologien früher in die industrielle Anwendung zu bringen, helfen dabei, erfolgreich mit Start-ups zusammenzuarbeiten.

VC Magazin: Herr Bellof, wenn Großkonzerne zögern, schlägt die Stunde der Deeptech-Start-ups. Welches Beispiel aus Ihrem Portfolio stimmt Sie für die Zukunft des Standorts Deutschland aktuell am optimistischsten?

Bellof: Mich stimmen vor allem Technologien optimistisch, die ein reales Industrieproblem adressieren, skalierbar sind und im industriellen Maßstab kostenkompetitiv werden können. Ein fantastisches Beispiel ist Cyclize. Das Team aus Stuttgart wandelt gemischte Kunststoffabfälle und CO₂ in Synthesegas um, das unter anderem zur Herstellung von Kraftstoffen und Kunststoffen eingesetzt wird. Der plasmabasierte Ansatz reduziert die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und verbessert dabei auch den CO₂-Fußabdruck deutlich. Solche Fälle zeigen, dass in Deutschland Spitzenforschung vorhanden ist, die in industrielle Anwendungen überführt werden kann.

VC Magazin: Sie fordern: „Deutschland muss der Standort werden, an dem ich am schnellsten meine neuen Technologien erproben kann.“ Was muss geschehen, um dies zu verwirklichen?

Bellof: Die besten Gründer gehen dorthin, wo Technologien am schnellsten skaliert und unter realen industriellen Bedingungen erprobt werden können. Das betrifft nicht nur Bürokratie und Genehmigungen; mindestens genauso wichtig sind der niedrigschwellige Zugang zu geeigneter Infrastruktur und die Fähigkeit potenzieller Industriepartner, schnell Entscheidungen zu treffen. Wenn wir diese Faktoren systematisch zusammenbringen, entsteht ein klarer Wettbewerbsvorteil im internationalen Vergleich – und in der Folge kommen nicht nur Start-ups, sondern auch Kapital und etablierte Unternehmen nach Deutschland.

VC Magazin: chemstars agiert als Katalysator zwischen Forschung und Industrie. Herr Weber, können Sie uns eine besonders erfolgreiche Kooperation zwischen einem Ihrer Start-ups und einem etablierten Corporate skizzieren?

Weber: Ein anschauliches Beispiel ist die Zusammenarbeit von Bayer und dem Aachener Start-up IonKraft. Gemeinsam arbeiten sie an neuen Lösungen für nachhaltige Verpackungen in der Chemieindustrie. Im Zentrum der Kooperation steht die Validierung einer von IonKraft entwickelten plasmabasierten Beschichtungstechnologie. Gemeinsam mit Bayer hat IonKraft in den letzten drei Jahren ihre Technologie zur Marktreife entwickelt und die Zulassung für die Verpackungen von Industriechemikalien erwirkt. Unsere Rolle: Wir investieren nicht selbst, sondern unterstützen mit Mentoring sowie dem Zugang zu weiteren Industriepartnern.

VC Magazin: Lassen Sie uns in die Zukunft blicken. Was muss sich bis 2031 in der deutschen Venture Capital-Landschaft und in den Chefetagen der Chemiekonzerne fundamental etabliert haben, damit Deutschland bei Deeptech-Innovationen nicht nur mitspielt, sondern weltweit den Ton angibt?

Weber: Der erfolgreiche Transfer aus dem Labor in die kommerzielle Anwendung zieht sich in der Chemie über viele Jahre und hat besondere Herausforderungen. Wir sehen bereits positive Entwicklungen, dass es deutlich mehr Investoren gibt, die diese Besonderheiten verstehen und gezielt darauf eingehen. Diese Entwicklung muss weiter verstärkt werden. Auch in den Chefetagen der chemischen Industrie passiert bereits viel. Externe Innovation und die Kooperation mit Start-ups wird immer stärker als Chance begriffen. Entscheidend ist jetzt, diese Ansätze zu skalieren und konsequent in den Strategien der Unternehmen zu verankern. Wenn es gelingt, langfristig orientiertes Kapital mit einer Industrie, die sich konsequent für externe Innovation öffnet, zusammenzubringen, dann wird Deutschland bei Chemieinnovationen seine weltweit führende Rolle verteidigen.

Bellof: In der Pharmaindustrie wird Open Innovation seit vielen Jahren systematisch gelebt. In großen Unternehmen stammt heute mehr als die Hälfte der neu zugelassenen Produkte aus externen Quellen. Die Chemie ist hier auf einem guten Weg, muss das Modell jedoch noch konsequenter anwenden. Zweitens braucht es ein besseres wechselseitiges Verständnis der unterschiedlichen Akteure im Innovationsökosystem. Start-ups, Industrieunternehmen und Investoren folgen jeweils eigenen Logiken. Je besser diese verstanden werden, desto schneller und effizienter fließen Wissen, IP und Kapital. Und drittens würde ich mir wünschen, dass wir mehr Chemieindustrieverständnis in der Venture Capital-Szene sehen. Die Chemie ist komplex und für Außenstehende häufig schwer zugänglich. Sektorale Expertise kann hier Unsicherheiten reduzieren und das Vertrauen in Investitionen in kapitalintensive Start-ups erhöhen.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Über die Interviewpartner: 

Martin Bellof ist Lead Strategy & Ventures, Stefan Weber ist Lead Ecosystem Communication bei ­ chemstars, dem Reaktionsraum der Chemie­industrie. Getragen wird die Public-Private-Partnership von marktführenden Unternehmen der Chemieindustrie, dem Land Nordrhein-Westfalen sowie dem Bund.