Stetig ist der Wandel

Status Quo: Investitionen in Mobilität

Christian Knott (Capnamic), Marcus Behrendt (BMW i Ventures) und Matthias Schanze (Rethink Ventures)
Christian Knott (Capnamic), Marcus Behrendt (BMW i Ventures) und Matthias Schanze (Rethink Ventures)

Die deutsche Autoindustrie erlebt ihren größten Umbau seit Jahrzehnten: Milliardeninvestitionen fließen in E-Mobilität, Batterien und Software – trotz schwacher Konjunktur, hoher Energiekosten und globalen Wettbewerbsdrucks. In diesem Spannungsfeld entsteht ein neues Mobilitätsökosystem mit enormem Potenzial für Europas Wettbewerbsfähigkeit. Hersteller wie Investoren verlagern ihren Fokus von der reinen Fahrzeugproduktion hin zu den profitablen Tech-Hebeln der Verkehrswende.

Elektrifizierung, digitale Vernetzung und neue Geschäftsmodelle verändern nicht nur Fahrzeuge, sondern das gesamte Ökosystem. Dank seiner dynamischen Entwicklung in den vergangenen Jahren gilt China als Leitmarkt für Elektromobilität, doch auch in Europa und Deutschland gewinnt das Segment an Fahrt. Es geht längst nicht mehr um das „Ob“ der Elektromobilität, sondern um die Frage, wie sich alte und neue Welt im Übergang parallel profitabel steuern lassen. Schließlich liefern die Verbrenner noch wichtige Cashflows, während hohe Anschaffungskosten, eine ungenügende Ladeinfrastruktur sowie eine konjunkturell bedingte schwache Konsumstimmung die private Nachfrage nach E-Fahrzeugen bisher bremsten. Es bleibt abzuwarten, welche Belebung von der neuen staatlichen Förderung ausgehen wird. Wachstum erfährt die E-Mobilität in Deutschland vor allem aus dem Flotten- und Firmenwagensegment. Derweil fließt unbeirrt das Kapital: Laut der Forschungsgruppe New AutoMotive wurden bereits rund 200 Mrd. EUR in das europäische Elektroauto-Ökosystem investiert, davon fast ein Viertel in Deutschland. Die Branche setzt auf die elektrische Zukunft – trotz der starken Konkurrenz aus China und regulatorischer Unsicherheiten.

Next-Level-KI als Hebel für Produktivität und Kostenführerschaft einsetzen

„Wettbewerb und Krisen sind eine Herausforderung, aber auch ein zentraler Treiber für Innovation“, ordnet Marcus Behrendt, Geschäftsführer von BMW i Ventures, die Marktlage ein. Der Venture Capital-Arm der BMW AG hat kürzlich seinen dritten Fonds aufgelegt. Das verwaltete Kapital stieg dadurch auf 1,1 Mrd. USD. Investiert wird in Nordamerika und Europa – von der Seed-Phase bis zur Series B. „Während viele Großkonzerne ihre Venture Capital-Aktivitäten angesichts des Kostendrucks zurückfahren, hält BMW konsequent am langfristigen Zukunftskurs fest und investiert weiter in neue Technologien, fortschrittliche Materialien und strategische Wachstumsfelder“, so Behrendt. Im Fokus des neuen 300-Mio.-USD-Fonds stehen insbesondere KI-Lösungen, die operative Prozesse und Wertschöpfungsketten der Automobilindustrie grundlegend optimieren sollen. „Agentic AI ermöglicht es Unternehmen, mit denselben Teams schneller bessere Produkte zu entwickeln, proprietäres Ingenieurswissen zu automatisieren und Entwicklungszyklen zu verkürzen. Physical AI schafft intelligente Produktionssysteme, die bei geringeren Kosten und kürzeren Durchlaufzeiten höhere Qualität liefern. Beide Technologien werden sich als zentrale Hebel für Produktivität und Kostenführerschaft erweisen“, erklärt Behrendt. Wettbewerbsfähig bleibe, wer die Technologiesprünge konsequent industrialisieren und operative Daten in Echtzeit nutzen könne.

Flexibilität erhöhen

„Letztlich geht es bei der Transformation weniger um die Wahl des Antriebs als vielmehr um die Anpassungsfähigkeit der Organisation: Erfolgreich werden die Unternehmen sein, die Produktentwicklung, Produktion und Lieferketten schnell auf neue Marktbedingungen und geopolitische Veränderungen ausrichten können. Wichtiger wird für globale Hersteller deshalb auch die Fähigkeit, aktuell weltweit vernetzte Strukturen flexibel in lokale Lösungen zu überführen.“ Essenziell sei außerdem die Versorgungssicherheit bei kritischen Rohstoffen. „Die Kreislaufwirtschaft eröffnet hier ein enormes Potenzial. Während Stahl und Aluminium bereits in hohem Maße wiederverwertet werden, stehen wir bei seltenen Erden noch am Anfang. Die Rückgewinnung dieser Materialien wird aber immer wichtiger – aus wirtschaftlicher Sicht sowie für mehr Nachhaltigkeit und industrielle Unabhängigkeit“, so Behrendt. Konsequent setzt BMW i Ventures als Investor auf Unternehmen, die nicht vom kurzfristigen Absatzzyklus abhängig sind, sondern strukturelle Engpässe der Transformation adressieren. Zukunftsweisende Beispiele des aktuell über 60 Beteiligungen umfassenden Portfolios sind Cyclic Materials, das eine kreislauforientierte Lieferkette von seltenen Erden und anderen kritischen Metallen ermöglicht; Embotech mit seinen autonomen Fahrlösungen für Privatgelände, Logistikhöfe, intelligente Fabriken et cetera, Skylo – spezialisiert auf Satellitenkonnektivität – und Upstream, das eine cloudbasierte Cybersicherheitslösung für die Automobilbranche zum Schutz vernetzter Fahrzeuge entwickelt.

Elektromobilität wirtschaftlich machen

Auch Investoren wie Rethink Ventures setzen gezielt auf die Transformation des Mobilitätssektors. Der Münchner Frühphasenfonds investiert europaweit in Start-ups aus den Bereichen Mobilität, Logistik und Transport mit dem Fokus auf digitale, emissionsarme und nachhaltige Lösungen. Aus dem akuellen Fonds in Höhe von 50 Mio. EUR wurden bereits 23 Investitionen getätigt, darunter in das EV-Gebrauchtwagen-Start-up Eccasion aus den Niederlanden und das in München ansässige Unternehmen Hyperdrives, dessen neuartige Direktkühlung kompakte und leistungsstarke Elektromotoren in Großserie ermöglicht. Die nächste Fondsgeneration mit 60 Mio. EUR steht bereits in den Startlöchern. „Elektromobilität ist vor allem eine Kostenfrage“, sagt Managing Partner Matthias Schanze. „In China sind E-Autos und Hybride bereits ohne Subventionen günstiger in der Anschaffung und im Betrieb als Verbrenner. Nun zieht der gewerbliche Verkehr nach. Überall da, wo die Kosten pro Kilometer eines elektrischen Trucks günstiger sind als Diesel, wächst auch im Schwerlastverkehr die Nachfrage. Genau das passiert bereits in vielen Bereichen – Elektromobilität, die wirtschaftlich überlegen ist.“ Für ihn ist klar: Geopolitische Unsicherheit bremst zwar temporär Investitionen, beschleunigt aber den technologischen Wandel. Der Engpass der Zukunft liegt dabei nicht mehr im Fahrzeug selbst, sondern im intelligenten Zusammenspiel von Mobilitäts- und Energienetzen, das von den Entwicklungen im Bereich KI, Robotik, autonomer Systeme und Ladeinfrastruktur angetrieben wird.

Innovationskraft von Start-ups nutzen

Die Zeit geschlossener Innovationssysteme ist eindeutig vorüber: Kein Industrieunternehmen kann bei der heutigen Entwicklungsgeschwindigkeit der großen Trendthemen noch allein aus eigener Kraft mithalten. Corporate Venturing ist für die Branche damit zum „Must-have“ geworden. „Trotz Kostendrucks suchen etablierte Unternehmen verstärkt die Zusammenarbeit mit Start-ups und spezialisierten Fonds, um technologisch anschlussfähig zu bleiben und strategische Wettbewerbsvorteile zu erzielen“, erklärt Schanze. „Global marktfähige Innovationen entstehen schließlich nicht nur im Silicon Valley. Zugegeben: Bei großen Sprachmodellen oder der Batterieproduktion wird Europa kaum noch zu den globalen Taktgebern gehören – dort dominieren heute amerikanische und chinesische Ökosysteme mit jahrzehntelang aufgebauten Wertschöpfungsketten. Europa kann aber Weltklasse werden, wenn Künstliche Intelligenz auf industrielle Prozesse trifft. Wir merken am Interesse amerikanischer Investoren, dass diese Erkenntnis dort schon weiter ist als hierzulande. In den Bereichen Fertigung, Logistik, Robotik und Physical AI können europäische Start-ups auf enorme industrielle Kompetenz zurückgreifen. Was früher vorwiegend als Climatetech betrachtet wurde, ist heute zusätzlich ein Faktor im Bereich europäische Resilienz – von der Energieversorgung bis zur Produktionssicherheit. Genau an dieser Schnittstelle können aus den besten Start-ups von heute die nächsten europäischen Technologieführer entstehen – vorausgesetzt, Industrie und Kapitalmarkt nutzen dieses Potenzial entschlossener als bisher.“

Zukunft europäisch denken

Mit 460 Mio. EUR Assets under Management über vier Fondsgenerationen, 74 Investments und einem insgesamt geschaffenen Unternehmenswert von 5,7 Mrd. EUR zählt Capnamic zu den prägendsten Frühphaseninvestoren der europäischen Technologieszene. „Mit Dexory, das Lagerhäuser mithilfe autonomer Robotik und Echtzeitdaten digitalisiert, Filics, das autonome Transportlösungen für die Intralogistik entwickelt, und Logistikbude, das Lieferketten und Transportprozesse digital vernetzt, haben wir auch starke Player aus der automobilen Wertschöpfungskette im Portfolio. Gleichzeitig investieren wir mit Accure Battery Intelligence in eine Technologie, die das Batteriemanagement optimiert und damit eine zentrale Grundlage für skalierbare E-Mobilität schafft“, erklärt Managing Partner Christian Knott. Für ihn ist die zentrale Frage, welche Relevanz Automarken in einer Welt autonomer, softwaregetriebener Mobilität haben werden: „Künftig dürften weniger Motorisierung und Design den Unterschied machen als vielmehr Nutzererlebnis, Softwarequalität und Sicherheit. Das Auto entwickelt sich zunehmend zum digitalen System auf Rädern – und genau darin liegt Europas Herausforderung ebenso wie seine Chance.“ Er ist überzeugt, dass sich für Europa ein neues Spielfeld eröffnet, wenn es gelingt, die industrielle Wertschöpfung durch die Verbindung mit Künstlicher Intelligenz wieder strategisch aufzubauen. Die Transformation der Automobilindustrie reicht dafür allerdings nicht aus. „Der gesamte industrielle Mittelstand steht vor seiner Neuerfindung: Produktionsketten müssen digitalisiert, Maschinen intelligent vernetzt und Prozesse automatisiert werden, sodass Systeme nicht nur effizient arbeiten, sondern auch eigenständig Daten auswerten und Optimierungen ableiten können“, so Knott. „Megatrends wie der demografische Wandel, der Fachkräftemangel und die ungelöste Energiefrage verschärfen den Druck zur Automatisierung und intelligenten Steuerung von Produktion und Infrastruktur.“ Die aktuelle Situation versteht er als historischen Wendepunkt: Geopolitische Spannungen und der Ruf nach technologischer Souveränität zwingen Europa dazu, seine industrielle Zukunft selbst zu gestalten. Der europäische Binnenmarkt wird damit von einer politischen Vision zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Knott: „Die junge Generation hat das bereits verstanden. Die erfolgreichsten Gründer denken nicht mehr national, sondern bauen von Beginn an europäische Technologieunternehmen mit globaler Ausrichtung auf. Wir müssen Kapital, Technologie und industrielles Know-how jetzt konsequent zusammenführen, um aus dem Mobilitätssektor heraus eine der größten unternehmerischen Chancen zu realisieren, die Europa seit Jahrzehnten gesehen hat.“