Leadership für den Venture-Capital-Markt von morgen

Interview mit Prof. Jörg Rocholl, ESMT und Dr. Jörg Goschin, KfW Capital

Prof. Jörg Rocholl, ESMT (l.) und Dr. Jörg Goschin, KfW Capital (c) ESMT/KfW Capital
Prof. Jörg Rocholl, ESMT (l.) und Dr. Jörg Goschin, KfW Capital (c) ESMT/KfW Capital

Bildnachweis: ESMT/KfW Capital.

Erfolgreiche Venture Capital-Investitionen erfordern mehr als Fachwissen: Führungskompetenz, strategischer Weitblick und belastbare Netzwerke sind entscheidend. Die ESMT Berlin und KfW Capital haben im Rahmen der WIN-Initiative ein Leadership-Programm entwickelt, das angehende und erfahrene Fondsmanager sowie Kapitalgeber auf ihre Aufgaben im Venture-Capital-Ökosystem vorbereitet.

VC Magazin: Herr Prof. Rocholl, welche Mehrwerte sehen Sie für Venture Capitalisten neben fachlicher Weiterbildung in gezielten Leadership-Programmen?

Rocholl: Gezielte Leadership-Programme schaffen für Venture Capitalists einen Mehrwert, der weit über fachliche Weiterbildung hinausgeht. VC ist in besonderem Maße ein Netzwerkgeschäft: Investoren teilen Dealflow, syndizieren Finanzierungsrunden und sind über mehrere Finanzierungsphasen hinweg aufeinander angewiesen. Ein hochwertiges Programm kann hier belastbare Beziehungen und Vertrauen zwischen Investoren schaffen – über Fonds, Investmentphasen und Rollen hinweg. Gleichzeitig lebt VC von Entscheidungen unter Unsicherheit und unterschiedlichen Perspektiven. Der Austausch – gerade auch zwischen General Partners (GP) und Limited Partners (LP) – hilft, eigene Annahmen zu hinterfragen, voneinander zu lernen und ein besseres Verständnis für andere Akteure im Ökosystem zu entwickeln.

VC Magazin: Herr Dr. Goschin, welche Kompetenzen und Fähigkeiten brauchen Führungskräfte im Venture Capital-Ökosystem heute?
Goschin: Führungskräfte im Venture Capital-Ökosystem brauchen heute vor allem Mut, strategischen Weitblick, unternehmerisches Denken und solide Investitionskompetenz. Entscheidend ist, gerade im VC-Ökosystem, ein Gespür für technologische Entwicklungen und Markttrends zu entwickeln und Potentiale zu identifizieren. Zugleich gewinnen Kommunikations- und Netzwerkstärke an Bedeutung. In einem Umfeld voller Dynamik und Unsicherheit zählen außerdem Anpassungsfähigkeit, klare Entscheidungen und ein souveräner Umgang mit Risiken. Erfolgreiche Führung heißt auch, Talente zu entwickeln.

VC Magazin: Wie ist das Programm im Einzelnen aufgebaut und an wen richtet sich das Programm?
Rocholl: Das Programm richtet sich an bestehende und angehende GP und LP, die sich verstärkt oder zum ersten Mal im VC-Bereich engagieren wollen und berücksichtigt mit zwei Lernpfaden ihre unterschiedlichen Rollen und Anforderungen. Hinzu kommen gemeinsame Lerneinheiten, Praxisfälle, Diskussionen mit erfahrenen Praktikern und ein anwendungsorientiertes Begleitprojekt. Inhaltlich reicht das Spektrum von Fundraising, Investmentstrategie, Portfoliosteuerung und Gremienarbeit auf der GP-Seite bis zur Asset Allocation, Fondsauswahl und Due Diligence auf der LP-Seite. Insgesamt umfasst das Programm sieben Tage: viereinhalb Präsenztage in Berlin und zweieinhalb Tage eigenständige Projektarbeit. Es wurde von der ESMT Berlin in Zusammenarbeit mit KfW Capital im Rahmen der WIN-Initiative entwickelt und wird vom DEEP – Institute for Deep Tech Innovation an der ESMT durchgeführt.

VC Magazin: Welche Wirkung soll das Programm über die individuelle Weiterentwicklung der Teilnehmer hinaus auf das deutsche Venture-Capital-Ökosystem entfalten?
Rocholl: Ein leistungsfähiges Venture-Capital-Ökosystem braucht nicht nur Kapital, sondern auch Menschen, die dieses Kapital fundiert und verantwortungsvoll einsetzen können. Genau hier soll das Programm ansetzen. Wenn Fondsmanager und Kapitalgeber ihre jeweiligen Rollen besser verstehen, fundiertere Auswahl- und Investitionsentscheidungen treffen und langfristig verlässlich zusammenarbeiten, verbessert das die Voraussetzungen für die Finanzierung innovativer Unternehmen. Unser Ziel ist es deshalb, mit der Entwicklung der nächsten Generation von Investment- und Fondsmanagement-Führungskräften die personellen und fachlichen Grundlagen für einen stärkeren deutschen und europäischen Venture-Capital-Markt zu schaffen. Aus finanzwirtschaftlicher Sicht geht es dabei letztlich um eine zentrale Frage: Wie gelangt Kapital dorthin, wo es langfristig den größten produktiven Beitrag leisten kann? Gerade bei jungen, innovativen Unternehmen sind Informationsasymmetrien und Unsicherheit besonders hoch. Ein professionelles Venture-Capital-Ökosystem kann helfen, diese Risiken besser einzuschätzen, Kapital gezielter zu allokieren und vielversprechende Unternehmen über unterschiedliche Entwicklungsphasen hinweg zu finanzieren. Damit stärken wir nicht nur einzelne Investoren oder Fonds, sondern auch die Fähigkeit unseres Kapitalmarkts, Innovation zu finanzieren und die Skalierung wachstumsstarker Unternehmen zu ermöglichen.

VC Magazin: Welchen Beitrag kann eine professionellere Führungskultur zur weiteren Entwicklung des Marktes leisten?
Goschin: Eine professionellere Führungskultur stärkt die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit des VC-Marktes nachhaltig. Klare Zuständigkeiten, transparente Entscheidungen und eine konstruktive Feedbackkultur schaffen das für den Markt so elementare Vertrauen – sowohl in den Investmentgesellschaften als auch im Austausch mit Gründungsteams und Investoren. Außerdem gehört eine professionelle Fehler- und Risikokultur dazu. So kann das Team stärkere Investitionsentscheidungen treffen.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

Zu den Interviewpartnern:

Prof. Jörg Rocholl, PhD, ist Präsident der ESMT Berlin.
Dr. Jörg Goschin ist Vorsitzender der Geschäftsführung von KfW Capital. Der promovierte Wirtschaftsingenieur ist selbst Gründer und erfahrener Investment Professional.

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