„Jeder einzelne Cleantech-Trend kann größer sein als IT oder Telekommunikation“

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VC Magazin: In den USA gehen junge Unternehmen mit sportlichen Multiplikatoren auf Umsatz und Ertrag an die Börse. Besteht die konkrete Gefahr einer Blase?

Seibold: Anders als bei der letzten Blase sind wir derzeit sehr früh dabei, vor einer solchen Gefahr zu warnen. Das gibt Hoffnung. Sicherlich lässt sich bei einzelnen Gesellschaften diskutieren, ob die Bewertungen angemessen sind – aber hinsichtlich der Liquidität, die in junge IPO-Kandidaten fließt, sehe ich keinen Überhang.


VC Magazin: Wie realistisch ist es aus Ihrer Sicht, wenn Google mit dem Multiplikator 17,5 auf den Ertrag bewertet wird, LinkedIn aber fast mit dem 500-Fachen?

Seibold: In den Bewertungen von IPOs junger Unternehmen steckt immer ein großer Erwartungswert. Google wurde damals zum Börsengang ebenfalls recht sportlich bewertet und es hat sich ja bewahrheitet – der Suchmaschinenkonzern hat sich zu einem werthaltigen Unternehmen entwickelt.


VC Magazin: Welche Auswirkungen hätte es aus Ihrer Sicht auf deutsche Venture Capital-Gesellschaften, wenn sich die Situation doch als Blase entpuppt und platzt?

Seibold: Wenn die Kapitalmärkte im Technologiebereich einbrechen, gehen auch für uns wichtige Exit-Möglichkeiten verloren. In der Beziehung hätte es auf jeden Fall Auswirkungen. Davon abgesehen ist der deutsche Markt weit von einer Blase entfernt, der IPO-Markt ist sehr verhalten und im Bereich Venture Capital herrscht akuter Kapitalmangel. Das Fundraising für Venture-Fonds ist in den letzten Jahren rückläufig gewesen: Von 2005 bis 2008 hatten wir im Early Stage-Bereich durchschnittlich gut 300 Mio. EUR an Zuflüssen, 2009 und 2010 lag die Summe unter 200 Mio. EUR.


VC Magazin: Mit welchen Szenarien müssen Hightech-Start-ups dann rechnen? Wie können sie die Suche nach Kapital beschleunigen?

Seibold: Kapitalsuche ist anspruchsvoll geworden. Investoren können sich unter vielen Investitionsgelegenheiten die besten aussuchen. Im Wettbewerb um das knappe Kapital sollten Unternehmer daher auf ein komplettes Team mit relevanter Erfahrung achten und über Referenzkunden möglichst viel Marktevidenz vorweisen können.


VC Magazin: Für den Bereich Cleantech wurde eine Zeit lang ebenfalls von einem Hype gesprochen, vor allem im Solarbereich seien die Bewertungen zu hoch. Wie stellt sich die Situation derzeit dar?

Seibold: Photovoltaik machte in den vergangenen Jahren einen Großteil der Cleantech-Investitionen aus. Das Bewertungsniveau war in der Tat hoch. Mittlerweile hat die Bedeutung des PV-Bereichs aber abgenommen. Dennoch gibt es auch hier noch eine Reihe interessanter Innovationen – vor allem wenn es um Monitoring oder Effizienzverbesserung geht. Cleantech ist aber sehr viel breiter gefasst – neben erneuerbaren Energien gehören auch Energieeffizienz, Energieverteilung und intelligente Energienetze und -systeme, aber auch Themen wie Mobilität, Wasserreinigung oder grüne Biotechnologie dazu. Diese Bereiche haben in den letzten zwei Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen.


VC Magazin: Für wie hilfreich halten Sie die politische Einflussnahme auf erneuerbare Energien?

Seibold: Die Energiewende, die derzeit von der Politik propagiert wird, ist davon abhängig, dass die dezentral erzeugte Energie auch zum Nutzer gelangt. Die heutigen Systeme sind dafür weder hinsichtlich der Durchleitungskapazität noch vom Netzmanagement ausgelegt. Investitionen in dem Bereich halte ich für hoch spannend.


VC Magazin: Sie wurden im Mai in den Vorstand des BVK gewählt. Was reizt Sie an der Aufgabe?

Seibold: In den letzten Jahren hat sich der BVK zum anerkannten Sprachrohr für die Branche entwickelt und sehr aktiv an der Gestaltung von Rahmenbedingungen mitgewirkt. Mich reizt es, meinen Beitrag zu leisten und dabei mitzuhelfen, die Landschaft für Venture Capital in Deutschland zu verbessern.


VC Magazin: Welche Ziele haben Sie sich für die kommenden vier Jahre gesetzt?

Seibold: Ein großer Erfolg wäre, wenn wir durch die Verbandsarbeit mehr institutionelle Anleger bzw. Investoren vom Thema Venture Capital begeistern könnten. Darüber hinaus stehen wichtige Themen an, wie die AIFM-Direktive oder steuerliche Behandlung von innovativen Start-ups oder Fonds. Da möchte ich aktiv mitgestalten.


VC Magazin: Wagen Sie einen Ausblick: Was wird der nächste große Trend – oder wird ein bestehender Trend fortgeschrieben?

Seibold: Im Bereich Cleantech ist eine Vielzahl großer Trends zu erwarten, und jeder Einzelne davon könnte größer sein als der Schub der Informationstechnologie oder Telekommunikation gegen Ende des letzten Jahrtausends. Beispielsweise stellen die Erzeugung von Lebensmitteln für eine immer größer werdende Weltbevölkerung und die sich erschöpfenden Wasservorräte Herausforderungen dar, die sich nur durch deutliche Effizienzsteigerungen mittels innovativer Technologien bewältigen lassen. Innovationen in den Bereich Mobilität und effiziente Energiesysteme sind bereits jetzt Megatrends. Deren wirtschaftliche Bedeutung kann jeder Konsument am eigenen Haushaltsbudget nachverfolgen – während Kommunikation und IT vielleicht bei 1.000 EUR pro Jahr liegen, kommen Energie oder Automobilität jeweils auf den drei- bis fünffachen Wert.


VC Magazin: Vielen Dank für das Interview!   

Torsten Paßmann

Zum Gesprächspartner
Wolfgang Seibold ist Partner bei Earlybird Venture Capital, seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Green Technologies und Services. Im Mai wurde er für vier Jahre für den Fachbereich Venture Capital in den Vorstand des Branchenverbandes BVK gewählt.