„Da ist auch viel Träumerei im Spiel“

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VC Magazin: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Portal für die Vermietung privater Wohnungen zu gründen?

Blecharczyk: Im Oktober 2007 hatten meine beiden Mitgründer Brian Chesky und Joe Gebbia gerade eine WG bezogen, und es stellte sich heraus, dass die Miete zu teuer war. Gleichzeitig fand vor Ort eine Konferenz statt, und alle Hotels in San Francisco waren ausgebucht. Sie kamen auf die Idee, ein Zimmer an die Kongressteilnehmer zu vermieten und so ihr Budget für die Miete aufzubessern. Das Zimmer war unmöbliert, sie konnten nur eine Luftmatratze zur Verfügung stellen – also kein Bed & Breakfast, sondern ein Airbed & Breakfast. Die Resonanz war groß. Wir hatten mit jungen Leuten gerechnet, die das Angebot nutzen würden, stattdessen mieteten sich Männer und Frauen jeden Alters ein. Es hat allen sehr viel Spaß gemacht. Das brachte uns auf die Idee, dass da ein Markt existieren könnte. Ich kam dann ins Spiel, als es darum ging, die kreativen Ideen von Brian und Joe technisch umzusetzen.

Froh: Wir machten in Deutschland ganz ähnliche Erfahrungen, als die Bundesgartenschau die Kapazitäten der Hotels in Koblenz sprengte und wir freie Studentenzimmer zur Verfügung stellten. Daraus machten wir unter der Marke Accoleo zunächst ein Hobby im Nebenerwerb, bis wir von Airbnb hörten und sich eine Zusammenarbeit entwickelte.

VC Magazin: Wie kam der Kontakt zwischen Ihnen und dem amerikanischen Vorbild zustande?

Froh: Wir erreichten schnell einen Punkt, an dem wir überlegten, wie es weitergehen soll. Wir hörten von Airbnb in Amerika und dachten, die professionellste Art, in diesen Markt richtig einzusteigen, wäre eine Kooperation mit ihnen. Wir nahmen Kontakt auf, Airbnb lud uns zu sich in die USA ein, und dann ging alles Weitere recht schnell: Wir kehrten nach Deutschland zurück, bauten ein größeres Team auf und fanden ein Büro in Hamburg. Amerikanische Airbnb-Mitarbeiter trainieren zurzeit die deutschen Kollegen, alles kommt gerade richtig in die Gänge. Bislang haben rund 10.000 deutsche Reisende Angebote von Airbnb gebucht. Etwa 1.500 Deutsche haben Vermietungsangebote geschaltet. Wir sind gespannt, wie es weitergeht.

VC Magazin: Einige deutsche Internetgründer haben bereits ein amerikanisches Vorbild kopiert in der Hoffnung auf ein lukratives Übernahmeangebot. Auch Airbnb wurde hierzulande bereits kopiert. Was ist Ihre Meinung zu so einem Geschäftsmodell?

Froh: Ehrlich gesagt ist das ein trauriges Zeichen für den Standort Deutschland. Wir haben das übrigens nicht so gemacht: Wir sind mit nur einem Projekt gestartet und wollten das am Anfang nur nebenher machen. Der Erfolg von Airbnb hat uns gezeigt, dass tatsächlich ein Markt für das Angebot existiert. Doch uns ging es von Anfang an darum, Hand in Hand zusammenzuarbeiten.

Blecharczyk: Wir haben in der Tat einige Copycats inspiriert. Unsere Situation ist aber anders als die von Firmen wie Groupon, die später tatsächlich Klone gekauft haben: Wir sind von Anfang an international aufgestellt und in den einzelnen Ländern vor Ort. Über die Hälfte unseres Geschäfts kommt von außerhalb der USA. Wir sind das Original und damit Innovationsführer. Entscheidend sind aber vor allem die Community und die vielen persönlichen Kontakte, die wir aufgebaut haben – das kann man nicht innerhalb weniger Wochen klonen.


VC Magazin: Welchen Eindruck haben Sie von der deutschen Internetgründer-Szene?

Blecharczyk: Die Community, gerade in Berlin, macht auf mich einen sehr lebhaften Eindruck. Was mir sofort auffiel: Nach ein paar Sätzen fällt bereits das Wort „Prozess“. Deutsche sind offenbar sehr gut darin, Prozesse zu etablieren und sie zu nutzen, um ihre Ziele zu erreichen. In Amerika dreht sich alles mehr um Wörter wie „Ausprobieren“, „Experimentieren“. Das Wort „Prozess“ kommt fast nie vor, das Gründungsgeschehen ist viel weniger strukturiert. Meist ist auch viel Träumerei im Spiel. Manchmal ergibt sich daraus ein Geschäftsmodell, manchmal nicht – dann probiert man eben etwas anderes aus.

VC Magazin: In Deutschland ist Venture Capital für Start-ups Mangelware. Was könnte man hierzulande tun, um mehr Investoren für Frühphaseninvestments zu begeistern?

Blecharczyk: Dass für Unternehmensgründungen nur wenig Kapital zur Verfügung steht, ist nicht nur ein deutsches oder europäisches Phänomen, wir haben dasselbe Problem in den USA: Das ganze Kapital konzentriert sich auf das Silicon Valley, im übrigen Amerika – vielleicht mit Ausnahme von New York, wo sich zuletzt eine kleine Gründer-Community entwickelt hat – gibt es kaum Investoren. In den USA profitieren Gründer häufig von Förder- und Seed-Programmen. Wir selbst haben beispielsweise am Programm Y Combinator teilgenommen. Positiv sind sicher auch Austauschprogramme, die es europäischen Gründern ermöglichen, ins Silicon Valley zu kommen, wie es sie beispielsweise in Großbritannien gibt.

Froh: Ich glaube aber, dass es auch in Deutschland nicht allzu schwer ist, als Start-up Investoren zu finden. Für Accoleo haben wir das auch geschafft und einen Business Angel gefunden. Das ging sehr schnell und einfach. Die Kapitalsuche fällt leicht, wenn man einen guten Businessplan hat. Wenn Idee und Team überzeugen, sind Investoren auch bereit, Kapital zur Verfügung zu stellen, vielleicht keine großen Summen, aber doch genügend für einen Anfang.

VC Magazin: Viele Internetfirmen wurden zuletzt mit Milliardenbeträgen bewertet. Sehen Sie eine neue Internet-Blase entstehen oder können Firmen wie Airbnb halten, was sie versprechen?

Blecharczyk: Alle Firmen, die solche hohen Bewertungen erhalten haben, weisen echte Einkommensströme auf – anders als in der Dotcom-Blase Ende der 1990er-Jahre. Damals verwendeten die Start-ups das Geld der Investoren, um Geschäfte aufzubauen, heute werden Geschäfte damit skaliert. Die bestehenden Business-Modelle funktionieren bereits, aber die Unternehmen wollen sie weiterentwickeln. Das gilt auch für Airbnb: Wir glauben, unsere Geschichte fängt gerade erst an.

VC Magazin: Danke für das Gespräch!    

Susanne Gläser
Torsten Paßmann

Zu den Gesprächspartnern
Nathan Blecharczyk ist Mitgründer und CTO des amerikanischen Internetportals Airbnb. Gunnar Froh ist Leiter des Deutschlandgeschäfts. Das von ihm gegründete Start-up Accoleo ging Anfang Juni in der amerikanischen Firma auf.