Personalisierte Medizin weltweit auf dem Vormarsch

Prof. Dr. Horst Domdey ist Geschäftsführer der BioM Biotech Cluster Development GmbH in Martinsried bei München.
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Nummer-eins-Trend

„Diesem Konzept gehört in vielen medizinischen Gebieten die Zukunft“, so die Einschätzung von Dr. Frank Mathias, Vorsitzender von vfabio und CEO der MediGene AG. Diese Einschätzung ist nicht nur in Deutschland mittlerweile „Mainstream“: Im aktuellen „Biotechnologiereport 2012“ von Ernst & Young sehen mehr als die Hälfte der befragten Experten aus Deutschland die „personalisierte Medizin“ als absoluten Nummer-eins-Trend der Zukunft, in Gesamteuropa immerhin noch gute 40% der Befragten. Ähnlich wie Befragte aus den USA, die dieses Thema jedoch auch schon eine Weile länger bearbeiten und daher auch in diesem Gebiet – nicht zuletzt durch ein Förderprogramm, seinerzeit noch vorangetrieben vom damaligen Senator Barack Obama – bereits vor einigen Jahren die Führung übernommen haben.

Millionenschweres Förderprogramm geplant

Doch auch Deutschland engagiert sich nun stärker. Immerhin drei der 15 Spitzencluster-Regionen unterschiedlichster Industriebranchen haben sich die Thematik „personalisierte Medizin“ auf die Fahnen geschrieben: Heidelberg, München und zuletzt Mainz/Frankfurt. Das Bundesforschungsministerium tut dazu noch ein Übriges und plant, in der ersten Jahreshälfte 2012 ein millionenschweres Förderprogramm zur „individualisierten Medizin“ zu verkünden. Dies scheint auch nötig, denn international sind die eher regionalen Anstrengungen noch nicht so richtig angekommen – von Einzelerfolgen abgesehen. Andere europäische Länder, die nationale Programme gestartet haben, werden in Übersee aktuell deutlicher wahrgenommen.

Deutschland noch nicht auf Augenhöhe

Dies sieht man etwa im aktuellen Report von Burrill & Company „Biotech 2012: Innovating in the New Austerity“, der als derzeit bemerkenswerte europäische Aktivitäten im Feld der „personalisierten Medizin“ lediglich ein Krebs-Diagnose-Programm aus Großbritannien, einen Zusammenschluss regionaler Diagnose- und Klinikgruppen zu einer Zentraleinheit in Frankreich sowie die Zusammenarbeit des Niederländischen Krebsforschungsinstituts mit der Firma Agendia für erwähnenswert hält. Deutschland spielt hier noch nicht auf Augenhöhe, was an dem fehlenden „Nationalprogramm“ liegen mag oder auch an der noch mangelhaften Präsenz personalisierter Therapeutika im deutschen Gesundheitswesen. Noch ist laut Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) lediglich für 23 Wirkstoffe derzeit ein Vortest erforderlich bzw. ratsam (Stand 24.2.2012). Genauer gesagt ist nur für 18 dieser Wirkstoffe in Deutschland ein Gentest vorgeschrieben (oder ein Test, der den Genstatus indirekt ermittelt).

USA: Verdreifachung des Investitionsvolumens

Für die USA sieht der erwähnte Burrill-Report jedoch besonders starke unternehmerische Aktivitäten im Bereich personalisierte Medizin, die die gesamte Pharma- und Biotech-Branche erfasst hätten: Demnach habe sich bei gleicher Anzahl von Firmenakquisitionen im Bereich personalisierte Medizin wie im Jahr 2010 im vergangenen Jahr das Finanzvolumen von damals gut 4 Mrd. USD auf nun fast 15 Mrd. USD mehr als verdreifacht. Auch bei Finanzierungen haben es die Firmen aus Diagnostik und personalisierter Medizin offensichtlich in den Vereinigten Staaten leichter, zu überzeugen: so gelang es ihnen, über 3,3 Mrd. USD im Jahr 2011 in ihre Unternehmen zu holen, und insbesondere die Firmen der molekularen Diagnostik konnten hiervon stark profitieren. Und selbst bei Börsengängen sind es die Firmen dieses Bereiches, die weltweit für Aufsehen gesorgt haben. Fünf Firmen gelang ein IPO im vergangenen Jahr, drei davon sogar in Europa (Großbritannien, Frankreich und Israel) – ganz im Gegensatz zur sonstigen Wahrnehmung von Biotechnologie gerade unter deutschen Finanzmarktanalysten.

Jährliche Zuwächse von bis zu 30%

Warum ist das Investoreninteresse – zumindest bereits sehr deutlich in den USA – derart hoch? Der Markt für Medikamente der personalisierten Medizin verspricht gute Wachstumsaussichten: Branchenexperten gehen von jährlichen Zuwächsen von bis zu 30% aus. „Die Marktchancen sind riesig“, prognostiziert auch der Finanzchef von Qiagen. Und so ist es vielleicht ein gutes Zeichen, dass eine der größten Biotech-Finanzierungen in Europa am Ende des vergangenen Jahres eine Diagnostikfirma aus der Schweiz verkünden konnte, die Biocratis in Lausanne mit über 70 Mio. EUR.

Einsparpotenziale durch Minimierung von Nebenwirkungen

Branchenvertreter verweisen neben den Marktchancen auch auf die Einsparungspotenziale durch die Vermeidung unnötiger Nebenwirkungen sowie Fehl- oder Doppelbehandlungen. Professor Dr. Norbert W. Paul, Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, weist darauf hin, dass in den USA 10 bis 30% der Patienten wegen unerwünschter Wirkungen von Arzneimitteln in Krankenhäuser eingeliefert würden und alleine in Deutschland jedes Jahr rund 17.000 Menschen an den entsprechenden Folgen versterben.

Vor- und Nachteile

Doch neben den Wachstumschancen für die Unternehmen und den Einsparpotenzialen für das Gesundheitssystem gibt es weitere Vor-, manchmal aber auch Nachteile. Nur runde sechs Jahre benötigte die Firma Plexxikon um Peter Hirth für die Entwicklung und Zulassung von Zelboraf, die vor wenigen Monaten erteilt wurde. Diese zielgerichtete Therapie bei bestimmten Melanoma-Patienten wird durch den Begleitdiagnostik-Test zur personalisierten Medizin: von rund 70.000 jährlich neu diagnostizierten Melanoma-Patienten in den USA entwickeln rund 10.000 Metastasen. Durchschnittlich 5.000 hiervon tragen eine bestimmte BRAF-Mutation, die durch das Medikament korrigiert werden kann. Mit der höheren Geschwindigkeit der Entwicklung und Zulassung können derartige zielgerichtete Therapeutika mit dem Companion-Diagnostikum selbst in kleineren „Nischen“-Indikationen mit wenigen Patienten leichter die Kosten einspielen, als dies manchem Blockbuster-Medikament möglich ist. Vor allem, wenn diesem – und damit kommen wir zum „Nachteil“ – nach der Zulassung durch eine immer kritischere Begleitung durch die Behörden die bereits erteilten Zulassungsgebiete stückweise wieder entzogen werden, wie dies etwa gerade bei Avastin in der Brustkrebsbehandlung geschehen ist.

Fazit:

Das Zukunftsfeld personalisierte Medizin ist in Deutschland durch hervorragende klinische Forschung und einige regionale „Cluster“-Ansätze gut erschlossen und vorbereitet. Für den internationalen Durchbruch und eine damit auch steigende Wahrnehmung und Anerkennung bei Investoren, aber auch dem eigenen Gesundheitssystem ist ein „nationales Programm“ überfällig. Nur so können die Herausforderungen gebündelt und gemeinsam angegangen werden, statt sich im Klein-Klein und der Regionalkonkurrenz zu verlieren.

Zum Autor:

Prof. Dr. Horst Domdey ist Geschäftsführer der BioM Biotech Cluster Development GmbH (www.bio-m.org), Martinsried, und Sprecher des „Cluster Biotechnologie Bayern“ der Initiative Allianz Bayern Innovativ der bayerischen Staatsregierung