In Alarmbereitschaft

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Krisensignale in der Autoindustrie…

Blickt man auf den westeuropäischen Automobilmarkt, so werden Erinnerungen an den Einbruch zu Zeiten der Finanzmarktkrise wach. Nach Einschätzung des Daimler-Chefs Dieter Zetsche finden in diesem Jahr voraussichtlich schon wieder drei Millionen Autos weniger einen Käufer als im Vorkrisenjahr 2007. Zwar können die deutschen Automobilbauer vieles durch ihre Absatzchancen in China und USA abfedern. Zulieferer dagegen, die von Herstellern wie Fiat, PSA oder Opel abhängig sind, trudeln zunehmend in den Krisenmodus. „Investitionen und Industrieproduktion in Südeuropa sind extrem rückläufig und wirken als Wachstumsbremse, unter der jetzt vor allem die auf den europäischen Markt fokussierten Automobilhersteller und ihre Zulieferer leiden“, sagt Dr. Walter Bickel, Geschäftsführer der auf Restrukturierung, Turnaround und Performance Improvement spezialisierten Managementberatung Alvarez und Marsal (A&M) in München.

 

… und in anderen Sektoren

Nicht nur im Automobilsektor wächst der Handlungsbedarf. „Der Restrukturierungsmarkt belebt sich nachhaltig“, beobachtet Bickel. Unübersehbar sind die Sanierungsfälle im von der Konkurrenz aus China bedrängten Sektor der erneuerbaren Energien, dessen Probleme bis in den Maschinenbau und zu den Herstellern produktionsfertiger Anlagen für Fotovoltaik- und Windkraftwerke hineinragen. Im sich abschwächenden Baugewerbe wiederum spiegelt sich bereits die Verunsicherung der privaten Haushalte wider. „Sie wird bei einer wachsenden Skepsis der Verbraucher auch im Handel Spuren hinterlassen, der durch den anhaltenden Trend zum Online-Geschäft ohnehin mit neuen Herausforderungen konfrontiert ist“, sagt Bickel.

 

Sanierer für die Eigenverwaltung gesucht

Boomende Branchen wie etwa der IT-Sektor oder die Medizintechnik sind andererseits Beleg dafür, dass die deutsche Wirtschaft noch nicht auf breiter Front stagniert. „Jede Krise ist anders, diesmal manifestiert sie sich in den spezifischen Problemen einzelner Branchen“, konstatiert Eugen Angster, Vorstandsvorsitzender der BRSI Bundesvereinigung Restrukturierung, Sanierung und Interim Management e.V. in München, der als Geschäftsführer der Interim International GmbH selbst als Chief Recruiting Officer (CRO) tätig ist. Auch der anhaltende Mangel an Fachkräften ist für ihn Beleg dafür, dass viele Branchen noch auf einem guten Weg sind. Nicht zuletzt nimmt die Zahl der Insolvenzen nur verhalten zu. Angesichts des im März in Kraft getretenen Gesetzes zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) ist das Jahr 2012 allerdings auch unter besonderen Vorzeichen zu sehen. „Mit dem ESUG ist es zu einem deutlichen Umbruch in der Restrukturierungslandschaft gekommen“, sagt Angster. Das Gesetz ermöglicht es, Unternehmen im Rahmen eines Schutzschirmes, der während einer befristeten Phase vor Zwangsmaßnahmen der Gläubiger schützt, in Eigenverwaltung zu sanieren. „Die Gläubiger haben die Chance, durch dieses Verfahren bessergestellt zu werden als im Falle einer Insolvenz, und es zeichnet sich ab, dass sie bei der Umsetzung auf sanierungserfahrene CROs setzen“, nennt Angster einen weiteren Grund für die Nachfrage nach Interimsmanagern. In wirtschaftlich schwierigeren Zeiten werde diese noch steigen.

 

Niedrige Kapitalkosten helfen (noch)

Noch bewegt sich der Restrukturierungsbedarf in Deutschland im Vergleich etwa zu Firmen in Spanien und Italien, aber auch in Mittel- und Osteuropa auf unterdurchschnittlichem Niveau. Weil die Bundesrepublik als sicherer Hafen in Europa von erheblichen Kapitalzuflüssen profitiert, haben vor allem große Unternehmen und solche mit guter Bonität Zugang zu niedrigverzinslichen Bankkrediten sowie zum Kapitalmarkt. „Deutsche Firmen können sich infolge der europäischen Verwerfungen über extrem niedrige Kapitalkosten freuen und so auch die eine oder andere Schwäche auf der operativen Seite kompensieren“, sagt Dr. Walter Uebelhoer, Rechtsanwalt und Partner bei der Sozietät Allen & Overy in München. Handlungsbedarf gibt es dennoch.

 

Kapitalmarkt bietet rechtzeitige Finanzierung

Uebelhoer rät angesichts des günstigen Geldes jetzt dazu, das Unternehmen langfristig durchzufinanzieren: „Die Finanzierung sollte ein Jahr vor Fälligkeit alter Kredite stehen, andernfalls drohen Rating-Abschläge.“ Er empfiehlt zudem, auf allzu komplexe Strukturen mit höher- und nachrangigen Forderungen zu verzichten, da in schwierigen Zeiten die unterschiedlichen Interessen der Gläubiger zum Risikofaktor werden können. „Die Unternehmen nutzen heute lieber verstärkt die Möglichkeiten der Finanzierung über den Kapitalmarkt“, sagt Uebelhoer. Vor allem für Firmen mit Aktivitäten in den USA biete sich zudem die Kapitalaufnahme über Dollar-Bonds an. An Interesse der Investoren jedenfalls mangelt es in dem in Liquidität schwimmenden US-Anleihemarkt nicht.

 

Teilweise schwierige Kapitalbeschaffung

Das Damoklesschwert der ungelösten Euro-Schuldenkrise hängt dennoch weiterhin über der Wirtschaft. „Ein Auseinanderbrechen der Eurozone würde die Vorteile der deutschen Unternehmen mit einem Schlag zunichtemachen und auch die Bundesrepublik in die Rezession führen“, ist Uebelhoer überzeugt.

Ungeachtet des insgesamt günstigen Geldes haben schon heute einige Branchen Probleme bei der Kapitalbeschaffung. Im Schiffsektor etwa müssen Geschäftsmodelle überdacht werden, weil deutsche Kapitalanleger jetzt nicht mehr so wie früher für die Finanzierung bereitstehen und Geldinstitute wie die Commerzbank sich ganz aus diesem Segment zurückziehen. Auch auf die großen Immobilienfinanzierer kommen Probleme zu, weil für die mit hohen Hebeln ausgestatten Investitionen aus den Jahren 2007 und vorher nun Anschlussfinanzierungen anstehen. „Die Branche steht angesichts der reduzierten Leverage-Strukturen und schrumpfender Bankbilanzen z.T. vor schmerzlichen Anpassungsprozessen“, sagt Uebelhoer.

 

Stresstest als Krisenprävention

Möglicherweise müssen bald auch Unternehmen in anderen Branchen ihre Kapitalstrukturen neu ordnen. Eine Faustregel sieht für die Schuldentragfähigkeit eine Relation von 2,5 bis 3 für das Verhältnis von Nettoschulden zu EBITDA vor. „Viele Unternehmen aber leisten sich noch immer zu hohe Hebel bei der Finanzierung“, warnt Experte Bickel von A&M. Er sieht in einem systematischen Stresstest die beste Krisenprävention. Bei Handlungsbedarf empfehle sich dann ein ganzheitlicher Ansatz aus leistungs- und finanzwirtschaftlichen Restrukturierungsprogrammen. „Viele Unternehmen haben sich seit der letzten Krise auf der Kostenseite weiterentwickelt, jetzt geht es um die Absicherung der Umsätze und die dafür geeigneten Märkte“, sagt Bickel, der mit einem Restrukturierungsprogramm in jüngster Zeit u.a. dem Industrieroboter-Spezialisten Kuka helfen konnte, wieder in die Erfolgsspur zurückzukehren.

 

Fazit

Auch die deutsche Wirtschaft leidet unter der Euro-Schuldenkrise, steht aber noch deutlich besser da als die meisten anderen Staaten in Europa. Dennoch: Auch in der Bundesrepublik gibt es Krisensignale. Experten rechnen mit einem schwierigeren Umfeld, entsprechend wachsendem Restrukturierungsbedarf und zunehmender Nachfrage nach Interimsmanagern. „Wir verstärken gerade sehr gezielt unsere Mannschaft“, sagt Bickel.