Schweiz ist Netto-Importeur von Venture Capital

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Finanzierungslücke in der Mitte

Die Schweiz ist Innovationsweltmeister: Erneut Spitzenposition im Global Innovation Index 2012 unter 141 gelisteten Nationen, aber geprägt ist dies von Konzernen und deren Überlegung, ein Patent zuallererst in der Schweiz anzumelden. Bei der Wagniskapitalverfügbarkeit (Kapital im Verhältnis zum GDP) ist die Schweiz hingegen immer noch „nur Mittelmaß“ – auf der anderen Seite sorgt „rares” Kapital auch für eine Art Selektionsprozess. Business Angels und weitere Finanzierungsquellen bis zu einer Höhe von 0,5 Mio. CHF gibt es in der Schweiz ausreichend. Bei den wirklich großen und globalen Deals mit Kapitalbedürfnissen von 5 Mio. CHF und mehr pro Finanzierungsrunde sind die Schweizer Unternehmen auf den internationalen Marktzugang angewiesen. Dazwischen herrscht eine gravierende Lücke.

Charakteristika

Was zeichnet den Schweizer Wagniskapitalmarkt sonst noch aus?

  • Die „Think Big”-Mentalität hat sich noch zu wenig durchgesetzt. Zudem ist der kleine Heimatmarkt ein Hindernis für erfolgshungrige Jungunternehmen; diese finden in Berlin oder London ein wesentlich globaleres Umfeld.
  • Stolpersteine sind in der Schweiz zahlreich vorhanden wie beispielsweise komplizierte Arbeitsbewilligungen für Nicht-EU-Bürger. Die beschränkte Verfügbarkeit von (hoch) qualifizierten Arbeitskräften, das hohe Lohnniveau und teure Räumlichkeiten kommen dazu. Dagegen kann sich Berlin als neue Boomtown für Start-ups feiern – nicht zuletzt wegen der niedrigeren Kosten erfolgt die Expansion von Schweizer Unternehmen oftmals in Berlin und London.
  • Gute Förderungsansätze wie z.B. venture kick: Für jeden Franken, den die Initiative à fonds perdu ausgeschüttet hat, holten sich die Start-ups über 30 CHF aus eigenen Kräften von anderen Geldgebern. Total sicherten sich die jungen Firmen in den letzten zehn Jahren Finanzierungen von 300 Mio. CHF, während diese mit rund 9 Mio. CHF durch venture kick anfänglich ausgestattet wurden.
  • Mit der Investorenvereinigung CTI Invest kann ebenfalls eine zehnjährige Institution auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken.
  • Start-ups schaffen über 40.000 neue Arbeitsplätze jedes Jahr. Die Hälfte der Gründer hört zwar nach fünf Jahren wieder auf, doch wird diese Mortalitätsquote durch das Wachstum der Erfolgreichen überkompensiert. Zudem bezahlen die Unternehmensgründer von Beginn weg für ihren Lohn privat Steuern, was der Volkswirtschaft auch zugutekommt.
  • Der Bund selbst agiert nicht mit Wagniskapital. Er finanziert im Wesentlichen universitäre und hochschulbezogene Forschung, aber von einem Gebilde wie dem EIF European Investment Fund ist die Schweiz aus selbst auferlegten, ordnungspolitischen Überlegungen als wirtschaftsliberales Land weit entfernt.

Fazit:

Die Rahmenbedingungen in der Schweiz (z.B. beste Infrastruktur, hohe Lebensqualität, exzellentes Ausbildungsniveau, effiziente Behörden und attraktive Steuern) wären vorhanden. Daran muss auch weiterhin gearbeitet werden, um in Zukunft auch als Start-up-Land von sich reden zu machen – vielleicht auch mal mit Schweizer Lead-Investoren!