Wie Mittelständler und Start-ups zueinanderfinden

Wie Mittelständler und Start-ups zueinanderfinden
Investitionen in Start-ups und Kooperationen mit jungen Technologieunternehmen können dem Mittelständler neue Türen zu Innovationen öffnen und Gründern gleichzeitig bei ihrer Entwicklung helfen.
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Wenn es um neue Geschäftsfelder geht, zögert die Geschäftsführung der Kölner Ströer-Gruppe nicht lange mit Zukäufen. Das Unternehmen, das europaweit Außenwerbeflächen und Webseiten vermarktet, wird dabei vor allem bei jungen Technologiefirmen fündig. 2015 etwa erwarb Ströer die Mehrheit an der Content Fleet GmbH in Hamburg, einem Spezialisten für Big Data-Analysen und Netzinhalte. Nur wenige Monate später folgte die Übernahme der Stuttgarter RegioHelden, die mithilfe von Venture Capital zu einem führenden Anbieter für regionale Internetwerbung geworden sind. Ströer kann mit solchen Akquisitionen ohne lange Vorbereitung das eigene Geschäft strategisch ausbauen. „Mit RegioHelden haben wir die bestmögliche Startposition in den Markt der regionalen Onlinevermarktung“, betonte der Vorstandsvorsitzende Udo Müller anlässlich der jüngsten Übernahme.

Win-win-Situation mit enormem Potenzial

Solche Chancen sind längst nicht mehr nur ein Thema für die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen großer Konzerne.

Dr. Michael Brandkamp, High-Tech Gründerfonds
Dr. Michael Brandkamp, High-Tech Gründerfonds

„Seit ein bis zwei Jahren zeigt auch der gehobene Mittelstand spürbares Interesse an Investitionen in junge Technologieunternehmen“, sagt Dr. Michael Brandkamp, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds (HTGF). Ein Grund dafür liege im angestrebten Aufbau neuer Geschäftsfelder, den die Start-ups mit ihren komplementären Fähigkeiten erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen. Besonders ideal wird das Zusammenspiel zudem dann, wenn die im etablierten Unternehmen vorhandenen Ressourcen die Weiterentwicklung der Gründer und ihrer Ideen forcieren können. „Wichtig ist eine Win-win-Situation und damit auch die Fähigkeit des größeren Unternehmens, dem Start-up neben dem Kapital zusätzlich Hilfestellung etwa beim Einkauf insbesondere im Ausland oder durch die Nutzung des Vertriebsnetzes zu geben“, sagt Matthias Kues, Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft Nord Holding. Dem Mittelstand verschafft eine Investition in die Hightech-Newcomer den Zugang zu Innovationen, die ihm regelrechte Technologiesprünge ermöglichen.

Stärken auf neue Pfade transportieren

Interesse daran sollte es geben. So verweist eine Studie der Deutschen Akademie der Wissenschaften (Acatech) darauf, dass kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland einen geringeren Anteil an den Forschungsausgaben der Wirtschaft haben als vergleichbare Firmen etwa in den USA oder Schweden. Zwar ist der deutsche Mittelstand nach wie vor extrem leistungsfähig und innovativ. Ein Gutteil davon basiert aber auf der Fähigkeit der Hidden Champions, ihre weltweite Technologieführerschaft auf der Basis vorhandener Stärken voranzubringen. Einen zusätzlichen Impuls können disruptive Innovationen bringen, die auf neue Ansätze und Ausrichtungen setzen. „Gerade Start-ups verfügen über solche Fähigkeiten, und gemeinsam mit ihnen kann der Mittelstand seine Stärken auf neue Pfade transportieren“, sagt Brandkamp. Allein aufgrund der Größenrelation können die Vorteile des Zusammengehens von Neu und Alt in mittleren Unternehmen sogar noch effizienter zum Tragen kommen als bei großen Konzernen. „Mittelständler sind zudem schon in früheren Phasen zu Investitionen in Start-ups bereit und warten nicht erst, bis diese zweistellige Millionenumsätze erreicht haben“, sagt Brandkamp.

Beide Seiten können voneinander lernen

Es geht voran. „Vor allem technologieorientierte Unternehmen zeigen Interesse an Kooperationen mit Start-ups, es ist

Matthias Kues, Nord Holding
Matthias Kues, Nord Holding

allerdings noch kein ausgeprägter Trend“, sagt Kues. Mittelständler können sich dabei auch zunächst mit Minderheitsbeteiligungen engagieren und die weitere Entwicklung begleiten. „Die größte Herausforderung besteht darin, dem Start-up nicht die Seele zu nehmen“, so Kues. Er rät dazu, statt auf Integration zumindest in der ersten Phase lieber auf Kooperation zu setzen. Denn gerade ihre höhere Flexibilität befähigt die Newcomer zu technologischen Entwicklungen, die das etablierte Unternehmen oft nicht leisten kann. An Gefahren mangelt es nicht. So können Bürokratie und Hierarchie den Drive von Start-ups bremsen. Konfliktpotenzial bergen auch andere kulturelle Unterschiede. Gründer etwa sind sich meist ihres technologischen Know-hows bewusst. Sie neigen dann möglicherweise zur Besserwisserei und mangelndem Respekt vor dem, was das etablierte Unternehmen ihnen bietet. „Beide Seiten müssen voneinander lernen und aufeinander zugehen“, rät deshalb Brandkamp.

Deutschland hat noch Nachholbedarf

Der Mittelstand bringt besonders gute Voraussetzungen für den Zugang zu Start-ups mit. „Eine solche Beziehung spielt sich zwischen konkret handelnden Personen ab, und mittelständische Firmen zeichnen sich dadurch aus, dass hinter ihnen unternehmerische Persönlichkeiten stehen“, sagt Kues. Diese Chance würde aber noch viel zu wenig genutzt. Dabei mangelt es ja nicht an Gelegenheiten, interessante Start-ups mit innovativen Ideen zu finden. Neben dem Besuch von Messen und Gründerveranstaltungen führt ein vielversprechender Weg auch über seriöse soziale Netzwerke wie Xing. „Unternehmen können sich dort zu für sie relevanten Technologien vernetzen und so Beziehungen aufbauen“, sagt Kues. Studien belegen, dass es sich lohnen kann. So sind laut einer Analyse der KfW jene Unternehmen, die innovative Produkte, Dienstleistungen und Prozesse einführen, mehr als doppelt so häufig unter den schnell wachsenden Mittelständlern vertreten als andere. Solche Firmen beziehen demnach auch öfter das Know-how von Kooperationspartnern aus Wirtschaft und Wissenschaft ein. Start-ups gehören dazu. Verglichen mit anderen Ländern gibt es davon in Deutschland allerdings immer noch zu wenige. „Es wäre wünschenswert, wenn junge Technologieunternehmen einen höheren Stellenwert in unserer Wirtschaft hätten“, sagt Kues. Dazu könne auch der Staat noch einiges durch Deregulierungen beitragen. Zum Beispiel durch die Einrichtung einer bürokratiefreien Phase, in der Gründer etwa während der ersten drei Jahre von Pflichten wie der Zwangsmitgliedschaft in Kammern entbunden werden.

Viele Wege führen zum Start-up

Hilfreich kann das Zusammengehen mit Start-ups in den unterschiedlichsten Branchen sein. Die Krones AG etwa, Hersteller von Anlagen in der Getränkeabfüll- und Verpackungstechnik, hat sich über den Newcomer Till GmbH in Hofheim den direkten Zugang zu deren Technologie für den digitalen Direktdruck auf Behälter gesichert. Gleich sechs Zeitungsverlage sind seit 2015 neue Gesellschafter der Darmstädter Jobmaschine kimeta.de, um ihre Stellenangebote digital zu transformieren. Risikokapitalgeber der ersten Stunde war bei beiden Start-ups der HTGF. Unternehmen können aber auch selbst eigenständig arbeitende Innovationsteams etablieren. Der Landmaschinenhersteller Claas etwa hat eine unabhängig agierende Tochtergesellschaft im eigenen Hause gegründet, um die Software 365FarmNet zur digitalen Vernetzung von

Dr. Moritz Gomm, Zühlke
Dr. Moritz Gomm, Zühlke

Arbeitsprozessen und Geräten am Hof zu entwickeln. Als Alternative zur Investition in ein Start-up ist es heute auch möglich, solche kleinen agilen Einheiten zu mieten. Die Zühlke Engineering GmbH stellt als Dienstleister für Innovationsprojekte unter dem Namen „Rent a Startup“ aus seinen rund 750 Mitarbeitern auf Wunsch komplette Teams zusammen. Sie bestehen aus Ingenieuren der jeweiligen Disziplin sowie aus Business Consultants mit besonderem Know-how in der Lean Start-up-Methodik. Ebenso gehört die Begleitung durch die Venture Capital-Tochtergesellschaft Zühlke Ventures zum Angebot. „Die Teams arbeiten außerhalb der Organisation des Kunden als Start-ups“, erklärt Dr. Moritz Gomm, Business Development Manager bei Zühlke. Drei Projekte wurden bereits realisiert. Der Mittelständler definiert mit dem Start-up-Team zunächst den Bereich der Innovation. Innerhalb von sechs Monaten entsteht dann ein fertiges Produkt als Demonstrator. Über die Kostendeckung hinausgehende Zahlungen aber fallen erst an, wenn das Unternehmen die Entwicklung danach allein oder gemeinsam mit Zühlke weiterführen will.

Quelle der Inspiration

„Software eats every industry“, sagt Gomm. Er ist überzeugt, dass die Digitalisierung vor keiner Branche Halt macht und viele damit bislang nicht befasste Firmen allein deshalb komplette Softwareteams installieren werden. „Der Mittelstand sucht Start-ups generell als Quelle der Inspiration und potenzielle Lieferanten von Technologie“, sagt Gomm, der mit zwei Gründungen selbst schon Erfahrung gesammelt hat. Seine Micropayment-Firma minipay.de etwa hat er an ein mittelständisches Softwareunternehmen verkauft, das mit dieser Innovation sein Portfolio ergänzt. Gomm rät auch anderen Mittelständlern dazu, aktiv auf Start-ups zuzugehen: „Gründer sprechen nicht nur gerne über ihre Ideen, sie wollen auch Netzwerke und Multiplikatoren finden.“

Fazit

Das Interesse des Mittelstands an jungen Technologiefirmen nimmt aus vielen guten Gründen zu. Die Unternehmen entdecken, dass sie damit neue Ansatzpunkte für Innovationen nutzen und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit steigern können. Das Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft. Allerdings sollten beide Seiten auch auf die Risiken im Spannungsfeld zwischen Start-up und etabliertem Unternehmen achten.