VC-Kolumne von Dr. Michael Brandkamp, High-Tech Gründerfonds

Das ist besonders verwunderlich, da Deutschland gerade in diesen Sektoren besonders stark ist und weltweit Standards und Trends prägt. Regionen, in denen die führenden Player der Branche angesiedelt sind und eine Lokomotivenfunktion übernehmen, werden als Leitmärkte bezeichnet. Insbesondere die Innovationskraft entscheidet darüber, ob eine Region in einer Branche Leitmarkt ist und bleibt. Gerade Start-ups, die mit disruptiven Innovationen wachsen wollen, können von Leitmärkten profitieren.

Beispiel ist die Westküste der USA. Kalifornien ist der Leitmarkt der Internetunternehmen. Von dort gehen die Impulse aus, die z.B. das Kommunikationsverhalten weltweit verändern. Apple, Facebook, Whatsapp, Instagram und LinkedIn sind Start-ups, die wissen, dass sie die Welt verändern können, weil Kalifornien den Takt vorgibt und einen Einfluss darauf hat, was morgen trendy sein wird.

Wir müssen und können das nicht kopieren. Deutschland hat die Leitmarktposition in anderen Bereichen, wie Chemie, Laser- oder Energietechnik. Dort kann es heute Standards und Gepflogenheiten prägen. Die Frage ist: Wie lange noch?
Denn die hohe Innovationsdynamik, die z.B. von der digitalen Transformation ausgeht, kann Geschäftsmodelle und scheinbar stabile Führungspositionen infrage stellen. Mit sehr offensiven, schnellen Start-ups greift aktuell Kalifornien die Leadposition Deutschlands in den Feldern Energie, ja sogar Automotive, an.

Deutschland braucht, um seine Leitmärkte halten zu können, ein höheres Innovationstempo bzw. mehr starke Start-ups. Wenn wir diese Start-ups mit den Netzwerken der Leitmärkte verbinden, können deren Innovationen Teil der weltweiten Standards werden. Wir müssen also Unternehmergeist gerade in den deutschen Leitmärkten fördern und aufzeigen, dass die Bedingungen für Start-ups gut sind. Außerdem müssen wir die vielen IT-Start-ups auf diese Leitmärkte ausrichten, damit wir die Industrie 4.0 hier in Deutschland ausgestalten.

Viele große Unternehmen und bedeutende Mittelständler haben das erkannt und gehen auf junge Hightech-Unternehmen zu. Sie setzen Inkubatoren auf oder arbeiten z.B. mit dem High-Tech Gründerfonds zusammen, um früh mit Start-ups in Kontakt treten und Zugang zur Start-up-Szene bekommen zu können. Das verbessert zudem die Perspektiven der Start-ups und sollte auch den Gründergeist über die Informationstechnologie hinaus beleben.

 

Dr. Michael Brandkamp ist Geschäftsführer der High-Tech Gründerfonds Management GmbH mit Sitz in Bonn.