Wie sich der Brexit auf das Fundraising in Großbritannien auswirkt

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Wie sich der Brexit auf das Fundraising in Großbritannien auswirkt: Zahlen trotzen den Turbulenzen
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2017 gingen viele Beobachter noch davon aus, dass es ein sogenanntes Brexit-Zeitfenster geben wird, in dem britische Fonds in den sechs bis neun Monaten vor dem Austritt aus der EU merklich Probleme haben würden, an frisches Kapital zu kommen. Doch gut zwei Jahre später zeigt sich erstaunlicherweise ein anderes Bild: In den zurückliegenden Monaten wurden eine Reihe von namhaften Fonds geschlossen, die Attraktivität Großbritanniens scheint ungebrochen. Warum aber setzen Investoren weiterhin auf britisches Private Equity in einer Zeit, in der das Land politisch, gesellschaftlich und auch wirtschaftlich in so unsicherem Fahrwasser unterwegs ist?

Allein in den letzten sechs Monaten wurden in Großbritannien zahlreiche neue Fonds in stattlicher Höhe aufgesetzt. So haben beispielsweise Bowmark Capital ihren sechsten Fonds bei beeindruckenden 600 Mio. GBP abgeschlossen. Er ist damit vom Volumen her um 60% größer ist als der Vorgänger, der immerhin bereits 375 Mio. GBP umfasste. Und Bowmark ist keineswegs allein: HgCapital schloss seinen Hg Saturn-Fonds im vergangenen Jahr bei satten 1,5 Mrd. GBP. Epiris erhielten 821 Mio. GBP für ihren ersten unabhängigen Fonds und Stride.VC bekamen 50 Mio. GBP für ihr erstes Seed-Vehikel. Natürlich konnten all diese Beteiligungsgesellschaften mit einem wuchten: nämlich ihrer Erfahrung und einer entsprechenden Erfolgsbilanz. Wer jetzt aber glaubt, dass die Erfolgsaussichten für neue Fonds ungleich trüber sind, der irrt: Circularity Capital schlossen ihren Debütfonds bei 60 Mio. GBP – 10 Mio. GBP mehr als geplant – und NVM haben erst im November ihren ersten Fonds in Höhe von 142 Mio. GBP aufgelegt. Um nur zwei Beispiele zu nennen.

Qualität macht den Unterschied

Glaubt man Jamie Butterworth, Partner bei Circularity, sind fachlicher Fokus und institutionelle Qualität die entscheidenden Faktoren für erfolgreiches Fundraising. Circularity selbst konzentriert sich zum Beispiel speziell auf Unternehmen, die durch verbesserte Ressourcennutzung nachhaltig agieren und traditionellen „Take-make-dispose“-Modellen den Kampf ansagen. Bei Investoren steht diese Art von innovativem und zukunftsorientiertem Denken ganz oben auf der Wunschliste – neben Institutionellen Qualitätsfonds mit ausreichenden operativen Ressourcen, geeigneten ESG-Richtlinien und -Verfahren sowie einem angemessenen Maß an Transparenz. Trotz des wirtschaftlichen Gegenwinds wegen des Brexits, floriert der britische Private Equity-Markt also weiterhin, weil sich alteingesessene aber auch neue Private Equity-Firmen über die Bedeutung der Extraportion Innovation und Qualität bewusst sind, die es braucht, um LPs von sich zu überzeugen.

Brexit – eine willkommene Ausrede?

Während mittlerweile fast täglich neue Schlagzeilen zu den prognostizierten wirtschaftlichen Schäden durch den EU-Austritt Großbritanniens erscheinen, gibt es nicht wenige, die glauben, dass der Brexit für einige Unternehmen ein geradezu willkommener Anlass ist, ihre schlechten Leistungsbilanzen zu rechtfertigen. Das findet zum Beispiel auch Mounir Guen, CEO des britischen Private Equity-Beratungsunternehmens MVision: „Private Equity-Firmen mit einem erfolgreichen Track Record haben keine Probleme, schnell an Kapital zu kommen. Bei eher durchwachsenen Erfolgsbilanzen verstecken sich Investoren wiederum gerne hinter dem Brexit. Letztlich ist das Ganze eine gute Ausrede, um nicht in einen Fonds investieren zu müssen, während man gleichzeitig niemanden kritisieren muss und damit die Beziehung zu einem Unternehmen aufs Spiel setzt.“ Er selbst empfiehlt britischen Private Equity-Firmen, sich momentan eher auf heimische und europäische Institutionen zu konzentrieren. Der Grund: Diese hätten seiner Ansicht nach ein viel besseres Verständnis für die Chancen und Risiken, die sich aus dem Brexit ergeben. Mauro Biagioni, COO von NVM, hatte ähnliche Erwartungen vor seinem jüngsten Roadtrip: „Als wir aufbrachen, erwarteten wir, dass wir rund 75% des Kapitals von britischen und europäischen Investoren aufbringen würden. Erstaunlicherweise war es dann aber doch so, dass der Anteil der Investitionen aus den USA viel höher war als gedacht.“ Biagioni vermutet, dass die US-Investoren bei ihrer Entscheidung vor allem die langfristige Entwicklung der Wechselkurse im Blick hatten. Denn klar ist: Die anhaltenden politischen Turbulenzen in Großbritannien haben natürlich auch Auswirkungen auf die Währung. Dabei hat der Wertverlust des Sterling zu einer effektiven Preissteigerung von 20% geführt. Diese Gewinne können Unternehmen im Falle eines Kursrückgangs als Absicherung dienen.

Fazit

Ungeachtet der aktuellen Vorbereitungen der britischen Regierung auf einen ungeordneten Brexit, scheint klar: Britische Private Equity-Fonds bleiben attraktive Investitionsziele. Vielleicht etwas überraschend, wächst bei vielen Beobachtern der Eindruck, dass der Rückzug aus der EU den britischen Private Equity-Markt zumindest kurzfristig sogar attraktiver macht. Einfacher Währungsgewinne und der Erwartung einer Preiskorrektur sei Dank. Und tatsächlich ist es aktuell so, dass selbst neue Private Equity-Player beeindruckende Summen einsammeln, während das Austrittsdatum immer näher rückt. Doch egal wie man es dreht und wendet: Großbritannien bleibt einer der fortschrittlichsten, kreativsten und härtesten Private Equity-Märkte der Welt, reich an erstklassigen Managern, Beratern, Vermittlern und Kreditgebern. „Für Investoren ist der britische Markt weiterhin äußerst attraktiv. Kaum ein anderes Land verfügt über eine solch etablierte Investitionslandschaft wie die Briten, das gilt insbesondere für den Private Equity-Sektor“, resümiert Butterworth.

 

Oscar Jazdowski, Silicon Valley Bank Deutschland
Oscar Jazdowski ist Co-Head of Silicon Valley Bank Deutschland. Die Bank hat im vergangenen Jahr ein Büro in Frankfurt eröffnet und unterstützt seitdem auch hierzulande etablierte Technologieunternehmen und deren Investoren mit dem Ziel, Innovationen zu fördern. Jazdowski verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Finanzierung von Tech-Unternehmen in den verschiedensten Wachstumsphasen – angefangen bei jungen, Venture Capital-gestützten Start-ups bis hin zu großen multinationalen Unternehmen.