„Die typischen Tech-Metriken gelten in der Cannabis-Branche nicht“

Im März 2017 hat der deutsche Bundestag Cannabis für die medizinische Nutzung legalisiert. Seither haben sich die ersten Start-ups als Importeure positioniert, um Ärzte und Apotheken mit Blüten und Produkten aus eben diesen zu versorgen. Darüber hinaus plant das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte im zweiten Quartal 2019 die Lizenzen für den Anbau von etwa 11 Tonnen Cannabis in Deutschland zu vergeben. Doch nicht nur im Import und der Zucht der Pflanzen sind die deutschen Start-ups aktiv, mache forschen auch selbst.

VC Magazin: Seit Ende letzten Jahres ist Heartbeat Labs bei Farmako investiert. Wie nehmen Sie insgesamt das Interesse deutscher Investoren für das Thema medizinisches Cannabis wahr?
Diemer: Viele Investoren haben das Thema noch gar nicht auf dem Schirm. Oft werde ich gefragt, ob wir uns bereits jetzt in Position bringen, in der Hoffnung, dass Cannabis in Deutschland legalisiert wird. Die Antwort ist dann ganz klar: Nein. Es geht um pharmazeutischen Cannabis, das hierzulande bereits seit März 2017 legal und mittlerweile eine umsatzstarke Industrie ist. Auch sind sich viele Venture Capital-Geber anfangs unsicher, ob sie überhaupt in Unternehmen wie Farmako investieren dürfen oder ob pharmazeutisches Cannabis in die gleiche Kategorie wie beispielsweise Pornografie, Waffen oder Drogen fällt. Dabei hat pharmazeutisches Cannabis, das strengsten Regulierungen unterliegt, damit überhaupt nichts zu tun. Gleichzeitig sind Cannabis-Start-ups wie gemacht für Wagniskapitalgeber. Das zeigt ein Blick nach Kanada: Dort ist in den letzten Jahren eine Reihe von pharmazeutischen Cannabisunternehmen entstanden, die mit Milliarden bewertet werden. Die Kapitalgeber – allen voran Family Offices – dieser Unternehmen haben viel Geld mit ihren Investments verdient. Wir sprechen hier vom weltweit am schnellsten wachsenden Markt.

VC Magazin: Dennoch ist nicht zu beobachten, dass hiesige Venture Capital-Fonds reihenweise in Start-ups aus diesem Segment investieren.
Diemer: Das stimmt. Meist sind es ausländische Fonds oder Privatinvestoren. Der Mehrwert klassischer Venture Capital-Fonds in unserer Branche ist meines Erachtens auch überschaubar. Schließlich unterliegt der Aufbau eines Cannabis-Unternehmens einer anderen Mechanik als der von Tech-Firmen. Der wesentliche Unterschied: Es müssen nicht erst mehrere Millionen Euro investiert werden, bis die Umsätze so groß sind, dass der Kostenapparat gedeckt ist. Heartbeat Labs und ich selbst haben einen siebenstelligen Betrag in den Aufbau des Unternehmens gesteckt und bereits jetzt – im ersten Monat am Markt – ist die Firma Break Even. Wir sind mit Farmako 18 Tage nach Markteintritt zweitgrößter Akteur hierzulande.

VC Magazin: Das heißt, pharmazeutisches Cannabis könnte ein interessantes Feld für Health- und Biotech-Investoren sein?
Diemer: Ganz genau. Darüber hinaus für Family Offices oder Private Individuals. Aber auch für Private Equity-Fonds, da es sich um Cashflow basierte Geschäftsmodelle handelt. Die typischen Tech-Metriken gelten in unserer Branche nicht. Zwar sind die Wachstumsratenvergleichbar mit SaaS-Technologieunternehmen, die Cashflows sind aber gleich zu Anfang deutlich höher.

VC Magazin: Farmako ist nicht nur im Import von medizinischem Cannabis aktiv, sondern hat eine eigene Forschungsabteilung aufgebaut, die einen Mikroorganismus zur Erzeugung von Cannabinoiden aus Zucker entwickelt hat. Welche unternehmerische Idee steht dahinter?
Diemer: Wir verfolgen mit dem Unternehmen zwei Ziele: Zum einen wollen wir der größte Distributor für pharmazeutischen Cannabis in Europa werden. Und die Konditionen unseres Importvertrags in Höhe von 50 Tonnen Cannabis sind so, dass wir den europäischen Markt auch dominieren können. Zum zweiten wollen wir in die Lücke des Marktes vordringen, die Pharmakonzerne bislang nicht für spannend gehalten haben: Cannabis passte nicht in ihre gewohnte Herangehensweise, weil es nicht patentierbar war und sich nicht standardisieren ließ. Wir überführen nun die Wirksamkeit von Cannabis in ein Pharmaprodukt. Dafür simulieren wir durch Biosynthese, was in der Blüte geschieht, und können so deutlich günstiger und standardisierter Produkte herstellen, die wir patentieren können. Wir schlagen die Brücke zwischen Pharma und Cannabis.

VC Magazin: Sie sprachen eben davon, größte Distributor in Europa werden zu wollen. In welchen weiteren Ländern sind Sie bereits aktiv und welche stehen auf Ihrer Liste?
Diemer: Wir sind heute in Deutschland aktiv. Aufgrund des Brexit verzögert sich leider gerade die Vergabe der Lizenzen in Großbritannien. Dort stehen wir aber ebenfalls kurz vor dem Markteintritt. In Luxemburg und Dänemark gründen wir momentan Firmen und beantragen die entsprechenden Lizenzen sind also bereit loszulegen. Grundsätzlich werden wir in jedem europäischen Land aktiv, das legale Rahmenbedingungen schafft. Einzige Ausnahme ist Polen: Diesen Markt überlassen wir unserem Zuliefererpartner Pharmacann Polska.

VC Magazin: Herr Diemer, vielen Dank für das Interview.

 

Sebastian Diemer ist, Mitgründer und Managing Director der Farmako GmbH. Gemeinsam mit Niklas Kouparanis, Gründer und Geschäftsführer von Farmako, sowie dem Molekularbiologen Patrick Schmitt, Mitgründer und Chief Science Officer (CSO), har er innerhalb von gut einem halben Jahr ein 40-köpfiges Team aufgebaut. Vor Farmako gründete Sebastian Diemer Kreditech, das für 250 Mio. USD verkaufte wurde, und investierte in mehrere Tech-Start-ups.