Europa vs. USA: Wie ticken die beiden Wagniskapitalmärkte?

Eine Einschätzung über den Atlantik hinweg

Oscar Jazdowski
Oscar Jazdowski (links) ist Co-Head der deutschen Niederlassung der Silicon Valley Bank.
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Bildnachweis: Markus Werner.

Der europäische Venture Capital-Markt weist im Vergleich zu seinem großen Bruder, der amerikanischen Wagniskapitalszene, eine andere Dynamik auf. Dazu kommt, dass beide Märkte sich in unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Oscar Jazdowski, General Manager der Silicon Valley Bank Deutschland, stellt die aktuellen Entwicklungen auf beiden Seiten des Atlantiks gegenüber und wirft einen Blick darauf, durch welche Trends diese gerade beeinflusst werden.

In den meisten Branchen kommt es mit steigendem Wettbewerb und technologischem Fortschritt zu Disruption. Auch die Venture Capital-Industrie ist hiervor nicht gefeit, wie Zahlen aus dem State of the Markets-Report der Silicon Valley Bank zeigen. Demnach stehen Venture Capital-Firmen in den USA angesichts des wachsenden Kapitalangebots auf der einen Seite und des verstärkten Wettbewerbs um Dealflows auf der anderen Seite vermehrt vor einer strategischen Entscheidung: Entweder sammeln sie weiter Kapital ein, um damit auch größere Tickets vergeben zu können, oder sie fokussieren sich eher auf einen spezifischen Investitionsfokus. Aktuell ist zu beobachten, dass dieses Paradigma Wagniskapitalgeber dazu veranlasst, an beide Enden des Spektrums zu migrieren. Ein Beispiel: Waren es 2010 nur knapp über 10% der Fonds, die mehr als 1 Mrd. USD umfassten, lag deren Anteil 2018 schon bei 40%. Auch in Europa wird deutlich, dass sich das Venture Capital-Ökosystem dem Wandel anpasst. Trotz der immer noch dominierenden Venture Capital-Industrie aus dem Valley besteht kein Zweifel daran, dass das europäische Ökosystem in den letzten 20 Jahren in vielen Kernelementen erheblich aufgeholt hat. Die steigende Anzahl an erfahrenen Gründern, C Level-Talenten und Investoren sowie ein wachsendes Volumen an zur Verfügung stehendem Kapital, das sich in steigendem Investitionsvolumen widerspiegelt, sind nur einige Beispiele dafür. Allein 2018 stiegen die Investitionen von Venture Capital-Gesellschaften in Europa auf 24 Mrd. USD an. All diese Faktoren sind deutliche Anzeichen für die enormen Wachstumsschritte, die die europäische Szene in den vergangenen Jahren gemacht hat.

Die Kapitalgeber

Vor allem im Hinblick auf die stillen Kapitalgeber, die Limited Partner, sieht die Situation in Europa anders aus als im amerikanischen Markt. Während die US-amerikanischen Venture Capital-Fonds durch Pensionsfonds, Versicherungen, große Stiftungen, Dachfonds und Family Offices gespeist werden, werden in Europa Investitionen größtenteils von staatlichen Fonds und Family Offices geleitet. Dieser Unterschied liegt vor allem darin begründet, dass in vielen europäischen Ländern regulatorische Einschränkungen gelten, die es Pensionsfonds und Versicherungen bisher erheblich erschweren, in illiquide alternative Anlagen zu investieren. Außerdem fehlt es auf dieser Seite des Atlantiks auch an der Kultur der großen universitären Stiftungsfonds, die in den USA einen gewichtigen Teil der Limited Partner darstellen. Der strategische Aufbau und die Entwicklung einer wesentlich breiteren Basis an Limited Partnern wird eine wichtige Entwicklungsaufgabe für die europäische Venture Capital-Szene in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein. Doch nicht nur bei der Frage nach dem Ursprung des Kapitals, sondern auch bei der Frage “Wohin fließt dieses?” lassen sich aktuelle Trends erkennen. Historisch gesehen konzentrierte sich das amerikanische Venture Capital lange Zeit vor allem auf das Silicon Valley. Auch aktuell wird die Mehrheit der Dollars noch immer in die Bay Area investiert, wie die “State of the Market”-Analyse 2018 der SVB über die amerikanische Szene belegt. Die Zahlen machen deutlich, dass die Tech-Start-ups des Silicon Valleys im vergangenen Jahr in etwa so viel Wagniskapital akkumuliert haben, wie die Start-ups aus dem Rest des Landes. Dabei stellt die Kombination aus Netzwerkeffekten, lokaler Zusammenarbeit, der Konzentration von Talenten und reichlich Later Stage-Kapital immer noch einen einzigartigen Vorteil für das Valley dar. Dennoch beobachten wir seit geraumer Zeit auch einen gegenläufigen Trend, demzufolge immer mehr erstmalige Fonds sich vermehrt auf die aufkommenden Start-up-Hubs konzentrieren. Städte wie Dallas, Austin, Seattle und Atlanta sind die Profiteure dieser Entwicklung. Die Verteilung der Investitionen ist damit jedoch noch lang nicht repräsentativ für die US-Bevölkerung.

US-amerikanische Geldgeber blicken nach Europa

Außerdem zeigt sich: US-amerikanische Investoren suchen vermehrt auch in anderen Teilen der Welt aktiv nach Wachstum und vor allem nach neuen Innovationen. So fand mittlerweile jeder vierte Deal, der von den aktivsten US-Investoren 2018 abgeschlossen wurde, außerhalb der USA statt. In Europa, gerade in Deutschland, lassen sich dadurch eine ansteigende Anzahl an Deals mit US-Beteiligung beobachten und es kristallisieren sich immer mehr Bereiche heraus, in denen sich beide Ökosysteme überschneiden. TCV (Technology Crossover Ventures) hat beispielsweise in Tourrader investiert, Apax Digital, Signavio mit frischem Kapital versorgt. Battery Ventures gab finanzielle Mittel an diverse deutsche Unternehmen wie Omio, GetYourGuide und Zeitgold. Candis erhielt eine Finanzspritze von Lightspeed Venture Partners – das war der erste deutsche Deal des US-Investors. Getrieben wird dieser Trend durch die Vielzahl an europäischen Tech-Hubs sowie hiesigen Forschungs- und Kompetenzzentren im Gesundheitswesen, der Pharmaindustrie, der Biotech-Branche oder in Software und IT-Hardware.

Fazit

Der steigende Wettbewerb, technologische Fortschritt und die Globalisierung der Player verändern die internationale Venture Capital-Landschaft. Mit der zunehmenden Internationalisierungsgeschwindigkeit der europäischen Wagniskapitalunternehmen und der damit verbundenen Übertragung neuer Venture Capital-Modelle geht eine immer stärkere Angleichung beider Märkte einher. Dazu kommt, dass die stärksten Fonds sowie die besten Unternehmen im internationalen Vergleich um Aufmerksamkeit, Geld und Nutzer konkurrieren. Sie werden unabhängig von ihrer geografischen Lage gemessen und bewertet und kämpfen weltweit um die besten Talente, disruptivsten Ideen und institutionelle Unterstützung.

Oscar Jazdowski ist Co-Head der deutschen Niederlassung der Silicon Valley Bank. Die Bank hat im vergangenen Jahr ein Büro in Frankfurt eröffnet und unterstützt seitdem auch hierzulande etablierte Technologieunternehmen und deren Investoren mit dem Ziel, Innovationen zu fördern. Jazdowski verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Finanzierung von Tech-Unternehmen in den verschiedensten Wachstumsphasen – angefangen bei jungen, Venture Capital-gestützten Start-ups bis hin zu großen multinationalen Unternehmen.