Entgegen aller Statistiken, es tut sich was in Sachsen-Anhalt

Bericht eines Insiders

Bericht eines Insiders: Entgegen aller Statistiken, es tut sich was in Sachsen-Anhalt
Bericht eines Insiders: Entgegen aller Statistiken, es tut sich was in Sachsen-Anhalt
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Bildnachweis: ©benchart – stock.adobe.com.

Sachsen-Anhalt gehört in Reports des Bundesverband Deutsche Startups oder der KfW zum Gründungsgeschehen zu den Bundesländern, die sich im unteren Drittel des Rankings befinden. Schnell könnte man von außerhalb der Landesgrenzen dadurch den Eindruck gewinnen, dass hier nichts für Gründer oder Start-ups getan wird und dass das Land nach wie vor damit beschäftigt ist, historisch bedingte wirtschaftliche Schwächen aufzuholen. Dieser Eindruck ist falsch und Nutznießer dieser Einstellung sind die Start-ups vor Ort!

Sollte bei Ihrem nächsten Apothekenbesuch das gewünschte Medikament per Knopfdruck auf dem Tresen landen, steckt wahrscheinlich Technologie aus Halle an der Saale dahinter. Die Firma Gollmann hat einen Automaten entwickelt, der Apotheken das Lagern vereinfacht und seither die Welt erobert. Sogar in Australien finden Arzneimittel über die Erfindung aus Sachsen-Anhalt schneller zu ihren Patienten. Möglich war dieser Weg nicht nur durch eine innovative Idee, sondern auch durch eine gezielte Förderung der ersten Unternehmensschritte. Es gibt sie, die Erfolgsgeschichten aus Sachsen-Anhalt, doch in bundesweiten Statistiken tauchen sie nicht auf. Wenn man das Gründungsgeschehen in Deutschland, international und hautnah in Sachsen-Anhalt über die letzten zehn Jahre beobachtet und aktiv mitgestaltet, kennt man die Stärken und Schwächen des eigenen Bundeslandes sehr genau. Aber es stellt sich schon die Frage, wie sinnvoll Vergleiche mit anderen Bundesländern überhaupt sind? Welche Erkenntnis zieht man aus den Statistiken von KfW oder Bundesverband Deutsche Startups und welche Interpretationen lassen diese Zahlen zu? Natürlich gibt es in Berlin und Bayern mehr Neugründungen pro Jahr. Die logische Konsequenz ist, dass dann mehr Investments in Start-ups getätigt werden. Auch logisch ist, dass mehr Start-ups dort scheitern. Was ich damit sagen möchte ist, dass diese Zahlen gut und richtig sind. Aber sie sagen nichts über die Qualität der Start-ups aus und nichts über die Qualität des jeweiligen Bundeslandes. Berlin, Hamburg und München bieten viele Argumente für eine Gründung und Ansiedlung. Aber ihre eigentliche Stärke liegt nicht in den Argumenten, sondern darin, dass sie diese besser sichtbar machen können. Sachsen-Anhalt besitzt auch Argumente!

Nicht nur Berlin hat eine Szene

Eine aktive, gelebte Szene definiert sich durch Austausch, gemeinsame Veranstaltungen, einen respektvollen Umgang und gegenseitige Unterstützung. In Sachsen-Anhalt zentriert sich die Gründerszene in den Städten Magdeburg und Halle. Hier wird sie, wie in Berlin oder München, gelebt. Pitch-Days, Startup-Safari, Innovation Camps, Hackathons, Preisverleihungen, Accelerator-Programme, Innovation-Matchings – alles findet statt. Die Start-ups, die es im Land gibt, kennen und schätzen sich untereinander und die Gründerszene entwickelt sich weiter. Das Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes fördert Programme, Angebote und Stipendien, die die Gründer unterstützen. Unter anderem ist zeitnah eine digitale Plattform geplant, die die Angebote des Landes besser sichtbar machen soll. Vielleicht wird dann auch der ein oder andere Gründer von außerhalb auf die Mehrwerte Sachsen-Anhalts aufmerksam.

Attraktive Kapitalquellen und landeseigene Fonds

Gründerstipendien, Förderprogramme, Zuschussprodukte, zinsgünstige Darlehen, Business Angels, Venture Capital, MBG: alle relevanten Kapitalquellen sind im Land vorhanden, werden umfangreich genutzt und vor allem weiterentwickelt. An den Hochschulen entstehen Start-ups, die gegebenenfalls über das Exist-Programm des Bundes gefördert und im Anschluss durch die Gründerstipendien des Landes weiterentwickelt werden können. Die landeseigenen IBG Venture Capital-Fonds sind üppig gefüllt, aktiv gemanagt und die Konditionen für Start-ups mit anderen Bundesländern vergleichbar, wenn nicht sogar attraktiver. Nicht nur deswegen haben in den letzten Jahren verstärkt Start-ups von außerhalb sich in Sachsen-Anhalt niedergelassen. Parallel zum institutionellen Beteiligungskapital befindet sich die Business Angel-Szene in Sachsen-Anhalt im Aufwind. Durch den Investforum Startup-Service werden Start-ups im Finanzierungsprozess begleitet und weitere Investoren angesprochen. Auch die Nähe zu Berlin, wo viele Investoren sitzen, ist ein Vorteil. Mit dem ICE dauert es nur rund eine Stunde von Halle nach Berlin.

Moderne Infrastruktur, moderate Konditionen

Mit dem Weinberg Campus verfügt Halle, nach Adlershof in Berlin, über den größten Technologiepark Ostdeutschlands. Die Dichte der außeruniversitären Forschungseinrichtungen, und damit potenzieller Kooperationspartner, ist hoch. Auch in Magdeburg und weiteren Städten können Start-ups durch die ansässigen (Hochschul-)Gründerzentren auf eine moderne Infrastruktur bauen. Hier findet eine gesunde Mischung aus Start-ups und Dienstleistern statt, die sich hervorragend ergänzen. Im Vergleich zu anderen Bundesländern sind die Kosten für Büros geringer und man findet noch ansprechende und technologisch gut ausgestattete Räumlichkeiten. Dabei gibt es keinen üppigen Leerstand. Vielmehr versuchen die Betreiber und Wirtschaftsförderer alles zu ermöglichen. Neben der Bereitstellung von Infrastruktur bieten viele Städte Leistungen an, die bei der Gründung unterstützen und langfristig begleiten. Das bringt mich zu den wichtigsten Argumenten für Sachsen-Anhalt.

Positiver Mangel an Mitbewerbern

Eine wirtschaftlich positive Entwicklung braucht gesunde und wachsende Unternehmen. In Sachsen-Anhalt ist Gründen gewollt. Fördermaßnahmen, Strategien und handelnde Akteure arbeiten aktiv an einer Gründungskultur, die ermöglicht und nicht verhindert. Vom Hochschulgründungsberater über die Bearbeiterin bei der Förderbank, die Ansprechpartner bei den Kammern, bis hin zum Bürgermeister, Staatssekretär oder gar Wirtschaftsminister. Alle Akteure sind gut miteinander vernetzt und kennen den Rahmen der Möglichkeiten, der konsequent genutzt, angepasst und weiterentwickelt wird. Zudem ist es für Start-ups leichter als anderswo, Gehör zu finden. In allen Bereichen gelangt man schnell in die Entscheiderebene. Durch diese enge Verzahnung der Akteure funktioniert auch die Zusammenarbeit zwischen der etablierten Wirtschaft und den Start-ups. Die persönliche, intensive Kooperation ist aber nur möglich, weil die Zahlen in Sachsen-Anhalt sind wie sie sind. In Berlin gibt es für ein IT-Start-up zehn oder mehr Mitbewerber, die um die Gunst eines Investors oder Pilotkunden buhlen. In Sachsen-Anhalt nicht. Wenn ein Mangel an Alternativen jemals positiv zu betrachten ist, dann auf diese Art und Weise. Auch das ehemalige Start-up Gollmann ist immer noch nah dran am Unternehmernachwuchs des Landes. In Smela aus Magdeburg fanden die Ingenieure des Apothekenautomaten spannende Partner. Kennengelernt hatte man sich beim Investforum Pitch-Day 2019. Es folgten erfolgreiche Pilottests. Ergebnis: Schon ab Herbst werden die innovativen und energiesparenden Bauteile von Smela in den Automaten von Gollmann verbaut. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten und kein Einzelfall.

Gründerland Sachsen-Anhalt!

Sachsen-Anhalt bietet Gründern und Start-ups die gleichen Möglichkeiten wie andere Bundesländer. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass das Land durch seine kurzen Wege und durch viele engagierte Gründungsförderungsakteure sogar mehr zu bieten hat. Start-ups, die hier gegründet oder sich angesiedelt haben, können das bestätigen und sind gern für einen Austausch bereit. Alles was Sachsen-Anhalt braucht, sind mehr Gründer und Investoren, die sich unvoreingenommen mit dem Land und der Szene vor Ort vertraut machen. Es bedarf nur etwas mehr Selbstvertrauen und eine lautere Kommunikation der vielfältigen Argumente.

 

Daniel Worch, UnivationsDaniel Worch begleitet seit 2010 die Entwicklung der Gründerszene in Sachsen-Anhalt. Seit 2014 ist er Geschäftsführer der Univations GmbH, die viele gründungsunterstützende Initiativen (unter anderem Investforum Startup-Service) für das Land entwickelt, realisiert und etabliert hat. Als Regionalsprecher im Bundesverbandes Deutsche Startups und Scout des High-Tech Gründerfonds für Sachsen-Anhalt, verfügt er über einen hervorragenden Überblick über die Start-up-Szene vor Ort.