Die Automobilindustrie nach Corona

Chancen der Veränderung nutzen

Die Automobilindustrie nach Corona: Chancen der Veränderung nutzen
Die Automobilindustrie nach Corona: Chancen der Veränderung nutzen
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Bildnachweis: ©Open Studio – stock.adobe.com.

In diesem Jahr wird eine signifikante Reduktion der Wirtschaftsleistung in Deutschland von mehr als 6% prognostiziert. Die Automobilindustrie ist davon in besonderer Weise betroffen und wird deutlich stärker einbrechen. Aktuelle Schätzungen gehen bei den deutschen Herstellern von Umsatz- und Volumenreduktionen von 20% bis 25% für das Gesamtjahr 2020 aus. Wann die Industrie wieder auf dem Niveau von 2019 sein wird, hängt stark von den Entwicklungen der nächsten Monate insbesondere in Europa und den USA ab. China zeigt sich bereits wieder in einem deutlichen Aufwärtstrend – die Verkaufszahlen übertreffen gar ihr 2019er-Pendant.

Diese Herausforderungen – verbunden mit der zeitgleich verlaufenden Transformation der Industrie im Bereich des Antriebs, der Konnektivität oder des autonomen Fahrens – bergen für die Unternehmen große Risiken. Gleichzeitig bestehen jedoch große Chancen, erfolgreich und sogar deutlich verbessert aus der Krise zu kommen. Doch wo liegen die Schwerpunkte, welches sind die wesentlichen Handlungsfelder und welche Chancen ergeben sich?

Digitalisierung

Die Digitalisierung in der Automobilindustrie wird sich weiter beschleunigen. Dies betrifft sowohl die internen Prozesse als auch die Steuerung der externen Schnittstellen, insbesondere der Kundenseite. Hierfür gibt es mehrere Treiber, die sich gegenseitig verstärken. Die Digitalisierung stellt insbesondere einen wesentlichen Hebel zur Kostensenkung dar. Gerade das Kostenmanagement und die Neustrukturierung werden aufgrund der Reduktion des Volumens – dementsprechend auch des Personals – noch bedeutender als zuvor. Ob dies im Bereich der Supportprozesse, der Entwicklung oder der Supply Chain ist – in allen Bereichen bewirkt die konsequente Digitalisierung eine Vereinfachung beziehungsweise Reduktion der Komplexität und Beschleunigung der Prozesse. Im Bereich der Kundenschnittstelle müssen sich OEMs sehr schnell auf das neue Kundenverhalten einstellen, wodurch die Veränderungen deutlich schneller als ursprünglich erwartet erfolgen. Gleiches gilt auch in der Zusammenarbeit von Zulieferern und OEMs. Aufgrund der notwendigen Investitionen und deren Steuerung stellt eine klare Digitalisierungsstrategie mit entsprechender Roadmap einen wesentlichen Erfolgsfaktor dar.

Nachhaltigkeit

Das Thema der Nachhaltigkeit und damit die Veränderung zu alternativen Antrieben erlebt durch die aktuelle Entwicklung eine weitere Beschleunigung. Dementsprechend wird sich ein Wandel der Geschäftsmodelle für alle Unternehmen einstellen – insbesondere für diejenigen, die eng mit dem Antriebsstrang verzahnt sind. Auf der einen Seite gilt es, die Geschäftsmodelle um den Verbrennungsmotor in den nächsten Jahren erfolgreich zu gestalten und kontrolliert ergebnisorientiert zu reduzieren; auf der anderen Seite besteht die Herausforderung, neue Geschäftsfelder zu identifizieren und zu besetzen, also Innovationsfelder zu erkennen und darin zu investieren. In diesem Spannungsfeld kommt dem Portfoliomanagement, also der Frage, was zukünftiges Kerngeschäft ist beziehungsweise welche neuen Technologien und Geschäftsfelder aufgebaut werden sollen, eine besondere Bedeutung zu. Nachhaltigkeit wird aber auch in anderen Bereichen eine wesentliche Rolle spielen. Die Zielsetzung der CO2-Neutralität, die sich in unterschiedlichen Facetten alle OEMs auf die Fahne geschrieben haben, werden sehr schnell auch auf die gesamte Kette vom Zulieferer bis zum Handel übertragen werden. Beispielsweise werden Anpassungen beziehungsweise Transparenz der Lieferketten aus Gründen der Versorgungssicherheit, wie in der aktuellen Krise aufgezeigt, wie auch der CO2-Reduktion wichtiger. Zusätzliche Entscheidungskriterien, wie ESG Rankings – also Bewertungen hinsichtlich Umwelt, Soziales und Unternehmensführung – werden stärker in die Bewertungsmaßstäbe der Kunden beziehungsweise der OEMs einfließen und damit die Zulieferer zu schnellem Handeln veranlassen. Ein integriertes Performance Management von klassischen KPIs wird um die Fokusthemen des ESG-Reportings ergänzt werden und aktiv in die operativen Entscheidungsprozesse eingebaut.

Neue Mobilitätskonzepte

Neue Mobilität ist eines der weiteren wesentlichen Transformationsfelder in der Automobilindustrie. Nach einer Studie von Horváth & Partners wird das Marktvolumen für „Mobility & Vehicle on Demand“ bis 2030 durchschnittlich um 16% per annum wachsen sowie der Markt für Mobility Services und Eco Systems zu diesem Zeitpunkt größer sein als jener der Mobility Assets. Zweifelsohne sind die Geschäftsmodelle rund um die neue Mobilität in der aktuellen Krise stark betroffen. Deutlich reduzierte Touristik wie auch ein höheres Sicherheitsbedürfnis der Kunden durch die Pandemie bringen die Geschäftsmodelle deutlich unter Druck. Eine Konsolidierung in diesem Markt hat allerdings bereits vor der Krise begonnen und setzt sich nun beschleunigt fort. Dies bezieht sich etwa auf OEMs, wie etwa der Rückzug von ShareNow aus dem amerikanischen Markt oder die Einstellung des Scooterservice Coup durch Bosch, nachdem die Wirtschaftlichkeit intensiver auf den Prüfstand gestellt worden war. Aber auch bei OEM-unabhängigen Anbietern vollzieht sich eine solche Konsolidierung. Flexible, individuelle und kurzlaufende Mobilitätsangebote ermöglichen es jedoch, Kunden zu erreichen, die derzeit von langfristigen Verpflichtungen absehen. Im Grundsatz wird der eingeschlagene Trend anhalten und daher die Optimierung des Betriebs dieser neuen Geschäftsmodelle ein Schwerpunkt für die Anbieter sein müssen.

Fazit

Aufgrund der dargestellten Veränderungen ist in den kommenden Monaten eine starke Zunahme der M&A-Aktivitäten zu erwarten. Investitionen beziehungsweise Desinvestitionen und damit aktives Portfoliomanagement als Folge konsequenter Strategieumsetzung beziehungsweise Wahrnehmung von Chancen werden wesentliche Bausteine für den Erfolg sein.

Ralf Gaydoul ist Partner bei der Managementberatung Horvath & Partners in München und leitet den Beratungsbereich für die Automobilindustrie. In dieser Funktion betreut er OEMs, Zulieferer und Händler insbesondere in Fragen der strategischen Transformation und operativen Verbesserung über die Kernprozesse hinweg.