Venture Capital sucht Schulterschluss mit Konzernen

Herausforderungen beim Klimaschutz und im Gesundheitswesen angehen

Venture Capital sucht Schulterschluss mit Konzernen
Venture Capital sucht Schulterschluss mit Konzernen
<

Bildnachweis: © Massi Ninni – stock.adobe.com.

Der Klimaschutz und das Gesundheitswesen sind die beiden großen gesellschaftlichen Herausforderungen – und Herausforderungen gehen bekanntlich mit Opportunitäten einher. Sollen sich Start-ups und Investoren nun also auf neue Geschäftsmodelle in diesen Bereichen stürzen? Jein.

Jein? Das mag etwas überraschend klingen – aber viele Probleme für Climate und Health lassen sich nur systemisch lösen. Es geht nicht um den nächsten Onlineshop, sondern um hoch regulierte, komplexe Bereiche, die Industrieneulingen oft verschlossen sind. Ausschließlich durch Venture Capital finanzierte Start-ups stoßen dabei schnell an ihre Grenzen. Ebenso wichtig für Wagniskapitalgeber in Climate und Health wie technologische Innovationen ist hier die Frage, über welche strategischen Assets die Gründer verfügen, um ihre neuen Lösungen rasch global zu skalieren. Am Schulterschluss mit den Konzernen führt vor diesem Hintergrund kaum ein Weg vorbei. Sie bringen solche Assets in Form von langjährigen Netzwerken, Kapital und Expertise mit.

Bislang kaum bis gar kein Business Impact

Nun ist der Einwand berechtigt, dass bisherige Innovationsinstrumente etablierter Konzerne wie Corporate Accelerator-Programme und Innovation Labs sich in Sachen echter Business Impact bis dato eher als Luftnummern entpuppt haben. Vom Prototyp zum nachhaltigen Business ist es nun mal ein langer Weg, und da scheitern Teams oft bereits an den Compliance-Ansprüchen der Konzernkunden. Echte Synergien? Fehlanzeige. Unseres Wissens entstammt ein einziges europäisches Unicorn einem Corporate Accelerator – aber auch nur, wenn man außen vor lässt, dass N26 es so oder so geschafft hätte. Glücklicherweise hat Corporate Venture Building mit Konzern-Acceleratoren und Labs aber rein gar nichts am Hut.

Intelligente Vernetzung ist gefragt

Während das Internet als Mainstream in den 1990ern ein gänzlich neues Phänomen war, basieren Innovationen in Climate und Health heute weniger darauf, das Rad komplett neu zu erfinden, sondern eher auf einer smarten Optimierung der bestehenden Infrastruktur durch Daten und Digitalisierung. Immobilien, U-Bahnen und Straßen, Krankenhäuser, Pharmalabore oder Versicherungen – all dies wird man nicht einreißen und von null neu aufbauen. Allerdings lassen sich Gegenstände, Gebäude, Infrastruktur und Menschen intelligent miteinander vernetzen, im Sinne von Nachhaltigkeit und Effizienz. Ein Beispiel ist das intelligente Heizen von Wohnungen. Dank relativ simpler Sensoren können wir durch Vorheizen Energiekosten im zweistelligen Prozentbereich reduzieren. Sensoren und smarte Gesundheits-Apps sorgen zukünftig auch dafür, dass Krankheiten erst gar nicht ausbrechen, bevor wir sie behandeln müssen. Die Antwort auf COVID-19? Eine Tracking-App mit flächendeckendem Testing. Themen, die per se das Herz eines jeden Tech-Entrepreneurs schneller schlagen lassen.

Start-ups stehen systemischen Herausforderungen gegenüber

Um solche Innovationen auf den Markt zu bringen, müssen Unternehmen allerdings mit wichtigen Stakeholdern interagieren – etwa mit Immobilienkonzernen, Krankenhäusern oder Versicherungen – und mit politischen Entscheidern kooperieren – sei es auf kommunaler oder internationaler Ebene. Entrepreneure agieren in einem hoch regulierten Bereich, etwa im Gesundheitswesen. Ob es um den Umgang mit hochsensiblen Patientendaten oder um die Kommerzialisierung von medizinischen Forschungsergebnissen geht: Bei Fehlern geht nicht etwa das Paket retour, sondern im Worst Case liefert man ein Menschenleben einer Krankheit aus. Auf sich allein gestellte Start-ups werden solche systemischen Herausforderungen in aller Regel nicht bewältigen – auch dann nicht, wenn ihnen Wagniskapitalgeber in einer Series A oder B mit der einen oder anderen Kapitalspritze beiseite stehen. Konzerne und Politik sind in der Verantwortung, ihre Assets einzubringen, um neue innovative Lösungen zu entwickeln.

Dreiklang aus Investoren, Unternehmern und Konzernen

Von Idealismus kann dabei wohlgemerkt nicht die Rede sein. Der Druck durch Klimawandel und COVID-19 ist inzwischen so groß, dass das Innovationstempo so oder so anzieht. Wirtschaftlich relevant bleiben nur die Konzerne, die jenseits ihres aktuellen Kerngeschäfts neue digitale Geschäftsmodelle aufbauen und skalieren. Die Interessen von Wagniskapital und Konzernwelt waren daher selten so im Einklang wie gegenwärtig. Entrepreneure sind auf den Driver Seats gefragter denn je, und Venture Capital-Investoren reduzieren im Zusammenspiel mit Konzernen und Entrepreneuren durch die vorhandenen Assets das Risiko in Bereichen, in denen viel Kapital investiert werden muss, bevor der erste Cent fließt.
Entscheidend für den unternehmerischen Erfolg: der gelungene Schulterschluss zwischen Konzernen, Entrepreneuren und Investoren. Dafür müssen Konzerne zu 100% gewillt sein, ihre Assets in die neuen Unternehmen einzubringen – selbst wenn sie damit perspektivisch Gefahr laufen, ihr gegenwärtiges Kerngeschäft irgendwann ad absurdum zu führen. Voraussetzung dafür ist, dass Konzerne auch im neuen Venture ihre Assets kontrollieren. Entrepreneure wiederum erhalten die Chance, ihr Mindset und ihre Agilität voll und ganz einzubringen. Wie die Venture Capital-Investoren partizipieren sie in diesen hybriden Konstellationen sowohl durch Mitsprache als auch unternehmerisch am Erfolg. Es reicht ein Blick gen Asien, wo der einstige Versicherungskonzern Ping An in ein Technologieunternehmen transformiert worden ist – durch genau solche neuen digitalen Geschäftsmodelle, hervorgebracht durch neue Unternehmungen, die zunehmend unabhängig neuen Mehrwert generieren. Hierzulande akquiriert das gemeinsam mit Vattenfall aufgebaute Solar-Software-Unternehmen Solytic weltweit ganz eigenständig neue Kunden und Partner.

Fazit

Ob man dabei schlussendlich noch vom typischen Venture Capital-Modell und Start-ups spricht, ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist, dass Corporate Venture Building die Antwort auf unsere großen gesellschaftlichen Herausforderungen ist – und entsprechend spannend für Venture Capital: rasantes Wachstum mit reduziertem Risiko durch das Hebeln der vorhandenen Assets.

 

Felix Staeritz ist Gründer von FoundersLane, einem Corporate Venture Builder für Klima und Gesundheit, Unternehmer und Investor. FoundersLane hat mit 30 Forbes-Unternehmen an den nächsten großen technologischen Innovationen Hand in Hand gearbeitet und vereint die Stärken von Konzernen sowie Entrepreneuren. Als Mitglied im Digital Leader Board des WEF ist es Staeritz‘ Kernanliegen, die großen Herausforderungen der Gesellschaft durch Innovation zu lösen. Im Herbst erscheint sein nächstes Buch, „FightBack Now“, das unter anderem von Experten der Harvard University und des Massachusetts Institute of Technology unterstützt wurde.