„Mir ist das Venture Capital-Geschäft ans Herz gewachsen“

Interview mit Dr. Wolfgang Weitnauer, Weitnauer Rechtsanwälte

„Mir ist das Venture Capital-Geschäft ans Herz gewachsen“ – Interview mit Dr. Wolfgang Weitnauer, Weitnauer Rechtsanwälte
„Mir ist das Venture Capital-Geschäft ans Herz gewachsen“ – Interview mit Dr. Wolfgang Weitnauer, Weitnauer Rechtsanwälte
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Ende Mai hatte Dr. Wolfgang Weitnauer die Eventlocation „Reitschule“ in München für das 25-jährige Kanzleijubiläum reserviert; aufgrund coronabedingter Beschränkungen musste dieses jedoch leider abgesagt und auf 2021 verschoben werden. Ein Rückblick auf 25 Jahre in der Venture Capital-Szene.

VC Magazin: Sie haben vor 25 Jahren Ihre eigene Sozietät gegründet. Wie kamen Sie damals auf das Thema Venture Capital?
Weitnauer: Ich bin vor 25 Jahren mit nur ein paar Akten und gemeinsam mit meiner Sekretärin in der Ohmstraße in München untergekommen, nachdem ich bereits in jungen Jahren Partner einer Münchner Wirtschaftskanzlei geworden war, ehe dann die „Kanzlei-Fusionitis“ einsetzte. Die Frage, die ich mir damals stellte, war, wie ich mich von der breiten Masse abheben kann. Die Antwort beziehungsweise mein „Businessplan“ war, mich auf das damals neue Thema Venture Capital zu konzentrieren. Mein Motto war, „gemeinsam mit jungen Unternehmen zu wachsen“.

VC Magazin: Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit der Venture Capital-Szene?
Weitnauer: Kurz nachdem ich mich auf die eigenen Beine gestellt hatte, wurde ich Simon Moroney von MorphoSys empfohlen, die sich seinerzeit in einer ihrer ersten Finanzierungsrunden befanden und zuvor von einer damals prominenten, heute aber nicht mehr existenten Kanzlei mit recht hohen Stundensätzen betreut worden waren. Das war mein erster Einstieg in die Biotechszene. Anschließend begann ich dann, mir mein eigenes Netzwerk mit Inhouse-Veranstaltungen zu Venture Capital-Themen aufzubauen. Ich erinnere mich noch gut an den ersten gemeinsamen Vortragsabend mit Dr. Rolf Schneider-Guenther zum Thema Mitarbeiterbeteiligung. Ich begann, mich eingehender mit den Hintergründen von Venture Capital in Deutschland zu befassen, und ging dann 1998 auf den Beck-Verlag mit der Idee zu, die Thematik nicht nur rechtlich, sondern auch aus praktischer Sicht aufzuarbeiten. Es dauerte etwas, den juristisch orientierten Verlag von der Idee eines solchen Handbuchs zu überzeugen, doch kam dann schließlich die erste Auflage im Jahr 2000 heraus, als der Neue Markt mit vielen Venture Capital-finanzierten Unternehmen Höchststände verzeichnete. Das Buch schaffte es damals sogar auf die FAZ-Bestsellerliste.

VC Magazin: Unter Marketinggesichtspunkten ein echter Coup!
Weitnauer: Dadurch bin ich seinerzeit visibel geworden. Aber ich hatte auch vorher schon Unterstützer gewonnen: So entsinne ich mich gut, dass ich zum ersten Mal mit Bayern Kapital Ende der 1990er-Jahre in Berührung kam, nachdem ein damals recht bekannter Senior Partner einer größeren Kanzlei ungeprüft ein Gutachten herausgegeben hatte, wonach die bei den damals üblichen stillen Beteiligungen vorgesehenen Festvergütungen den Tatbestand des Wuchers erfüllten. Dies war für mich natürlich eine Steilvorlage – aber alles hilft nichts, wenn man nicht dauerhaft verlässlich und qualifiziert mit Wissen um die Bedürfnisse von Mandanten berät. Nur so habe ich mir dann den Weg in die Welt der Venture Capital-Investoren und hier vor allem von Investoren mit öffentlichem Hintergrund erarbeitet. Alexander von Frankenberg erlebte mich einmal kurz nach Gründung des High-Tech Gründerfonds (HTGF) in Verhandlungen und kam dann auf mich zu. Seit dieser Zeit bin ich eng mit dem HTGF verbunden. Ich habe dann aber auch bei der Gründung von coparion mitgewirkt. Die Kanzlei ist mit vielen Gleichgesinnten, die bei der Weiterentwicklung mit ihrem Einsatzwillen eine wichtige Rolle gespielt haben, sukzessive gewachsen und hat ihren Wirkungskreis beständig bei Venture Capital-Investoren erweitert. Das war dann auch Anstoß für mich, den ersten KAGB-Kommentar herauszubringen und mich auch stärker um kapitalmarktrechtliche Themen zu kümmern.

VC Magazin: Wie sah die Venture Capital-Welt in Ihren Anfangstagen aus?
Weitnauer: Sehr übersichtlich. Ich muss natürlich vor allem Falk Strascheg mit seiner Technologieholding als Pionier erwähnen, der den richtigen „Riecher“ hatte, um noch rechtzeitig vor dem Crash des Neuen Markts an den damals wohl größten internationalen Player auf dem Markt, die 3i Group, zu verkaufen. Und auch aus der früheren Matuschka-Gruppe, die in den 1980er-Jahren Venture Capital als Investitionsmöglichkeit in Deutschland entdeckt hatte, dann aber Anfang der 1990er in ihre Einzelteile zerfiel, kamen erfahrene Partner auf den Markt, die wiederum neue Fonds gründeten, wie etwa Rolf Christof Dienst mit Wellington. Seinerzeit gab es aber nur wenige erfahrene Gründerteams – es war eben eine Pionierzeit. An Serial Entrepreneurs war seinerzeit noch nicht zu denken. Anders als in den USA war Scheitern immer noch ein Makel, den man im Zweifel nicht mehr losbekam. Aber schon damals bestand Interesse an Technologietransfer- und Ausgründungsthemen. So erhielt ich Ende der 1990er-Jahre von Klaus Tschira, einem der SAP-Gründer, den Auftrag, einen Fonds mit dem Ziel aufzusetzen, Technologiethemen aus der Wissenschaft in die Wirtschaft zu begleiten. Leider kamen dann der Zusammenbruch des Neuen Markts und der Vertrauensverlust der Venture Capital-Szene dazwischen. Dies war dann aber der Beginn unserer Aktivitäten im Raum Heidelberg/Mannheim mit den dortigen Forschungseinrichtungen vor allem im Bereich Life Sciences.

VC Magazin: Hätten Sie sich seinerzeit eine so florierende Venture Capital-Szene wie heute vorstellen können?
Weitnauer: Ich weiß nicht, ob man wirklich von „florieren“ sprechen kann; es ging schließlich nicht stetig bergauf, sondern auf und ab. Das spiegelt sich auch in der inzwischen sechsten Auflage des Venture Capital-Handbuchs wider. Dem „Goldrausch“ des Neuen Markts folgte das jähe Ende der Dotcom-Blase. Damals waren es Namen wie EM.TV, Intershop oder Infomatec, an die man heute wieder im Zusammenhang mit dem aufgeblasenen Luftgebilde von Wirecard mit Schrecken denken muss. In die folgende Phase der Konsolidierung fiel die Gründung des HTGF, der sicherlich eine Leuchtturmfunktion für die Stärkung der Seed-Phasen hatte. Dann folgte aber schon die Ernüchterung der Finanzmarktkrise 2009, und heute haben wir es mit den Folgen der Corona-Pandemie zu tun, auf die der Gesetzgeber erfreulicherweise gut und schnell reagiert hat, auch mit der Bereitstellung der Corona Matching Facility. All dies war sicherlich vor 20 oder 25 Jahren so nicht vorhersehbar.

VC Magazin: Wer sind heute Ihre Kunden?
Weitnauer: Ohne weitere Namen nennen zu wollen, glaube ich, sagen zu können, dass wir uns das Vertrauen vor allem öffentlicher Kapitalgeber, aber auch institutioneller Fonds, Family Offices und Business Angels erarbeitet haben. Es ging mir aber auch immer darum, getreu meinem ursprünglichen Motto, junge Start-ups in ihrm Tagesgeschäft zu beraten. Daher habe ich schon früh begonnen, neben dem Thema „Finance“ auch das Thema „Technology“ mit Teams zu besetzen, die sich mit IT, IP, Datenschutz und Life Sciences im täglichen Geschäft befassen, aber auch Schnittstellen wie KI, Digital Health oder Blockchain-Technologien besetzen. Auch hier finden wir unsere Kunden. Für mich zählt „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Eine kleinere Technologieboutique mit jungen unternehmerisch denkenden Beratern passt zum Venture Capital-Markt.

VC Magazin: Was waren die Highlights der letzten 20 Jahre?
Weitnauer: Für mich zählen zu den Highlights vor allem die Gründungen des HTGF und von coparion, die jeweils positiv einem Marktversagen erst in Frühphasen und dann in späteren Phasen entgegenwirkten. In der Business Angels-Szene war es aus meiner Sicht vor allem der Invest-Zuschuss. Dass sich Investitionen im Life Sciences-Bereich auf Dauer auszahlen, zeigt sich gerade heute an den Investments von Dietmar Hopp in CureVac und Strüngmann in BioNTech. Aber auch die Entwicklung der Berliner Gründerszene, wenn sie sich denn als nachhaltig erweist, würde ich hierzu zählen; sie profitierte davon, dass Rocket Internet oder Delivery Hero auch international bekannt wurden.

VC Magazin: Was empfanden Sie als negativ?
Weitnauer: Als negativ betrachte ich, dass die Themen, über die man in all den Jahren diskutieren musste, eigentlich immer die gleichen geblieben sind. Auf Ebene der jungen innovativen Unternehmen war es lange die Behandlung der Verlustvorträge, bis das Bundesverfassungsgericht eingriff – und selbst bei dem leidigen Thema der Umsatzsteuer auf die Managementvergütung von Fondsverwaltern steht immer noch eine verlässliche Klärung aus. Der Gesetzgeber hat sich leider immer wieder selbst im Weg gestanden. Zum großen Wurf eines Venture Capital-Gesetzes, das gerade auch der BVK propagiert hat, ist es leider nie gekommen. So blieb es beim Stückwerk. Im Übrigen müsste es gelingen, Start-ups in Deutschland gegebenenfalls mit Private Equity-ähnlichen Mitteln zu echten Größen zu entwickeln. Leider werden sie meiner Meinung nach häufig zu früh verkauft und verschwinden dann irgendwo, oftmals in ausländischer Hand. Auch ist eine Wiederbelebung der Börsenlandschaft in Deutschland nicht gelungen.

VC Magazin: Haben Sie einen konkreten Verbesserungsvorschlag?
Weitnauer: Da hätte ich einige. Zum einen sollte der Gesetzgeber endlich alle steuerlichen Unsicherheiten für Venture Capital-finanzierte Unternehmen und Investoren ausräumen, um Deutschland im internationalen Wettbewerb zu einem Standort zu machen, auf den Verlass ist. Dies gilt auch für das Thema Mitarbeiterbeteiligung, da hier die Einräumung echter Beteiligungen steuerlich ein vergiftetes Geschenk darstellt, weshalb man sich mit bloßem Phantom Stock behilft, der aber letztlich nur Bonuscharakter hat. Aber auch formale Hindernisse gilt es zu überwinden – sei es bei der kartellrechtlichen Problematik von Vetorechten, auch wenn sie im Start-up-Umfeld völlig unkritisch eingeräumt werden, oder bei den völlig übertriebenen Kostenfolgen einer notariellen Beurkundung.

VC Magazin: Wie hat sich die Vertragsgestaltung verändert?
Weitnauer: Die klassischen Elemente von Beteiligungsverträgen, wie etwa Liquidationspräferenzen, Verwässerungsschutz oder Garantien, sind in all den Jahren eigentlich gleich geblieben. Lediglich die graduelle Ausgestaltung hat sich je nach Marktlage verändert. Mein Eindruck ist aber, dass Investoren heutzutage keine überzogenen Positionen mehr beziehen, sondern auf Gründerinteressen Rücksicht nehmen, sei es bei der Anrechenbarkeit von Liquidationspräferenzen oder einer Abmilderung der Garantiehaftung von Gründern.

VC Magazin: Wie hat sich die Szene mit ihren Playern verändert?
Weitnauer: Inzwischen erleben wir eine stärkere Spezialisierung von Fonds – sei es nach Phasen oder auf Technologiefeldern – und damit auch eine stärkere Professionalisierung. Es hat aber auch der Einfluss von Business Angels, Family Offices und Corporate Venture Capital-Einheiten zugenommen. Die Gründerszene ist reifer geworden. Viele erfolgreiche Gründer investieren weiter und bringen ihren Erfahrungsschatz ein. Auch für ausländische Fonds hat der deutsche Markt an Bedeutung gewonnen – nur werden sie in der heutigen Corona-Zeit möglicherweise an ihrer jeweiligen „Heimatfront“ stärker gefordert sein.

VC Magazin: Wie sehen Sie den Venture Capital-Markt in Zeiten von Corona?
Weitnauer: Ich sehe kein Nachlassen des Geschäfts. Ich glaube daran, dass die Zukunftsthemen vor allem im Bereich IT wegen der Digitalisierung und Life Sciences gerade in dieser Krisenzeit an Bedeutung zunehmen werden. Allerdings wird es sicher zu einer Konsolidierung kommen. Die Spreu wird sich vom Weizen trennen – aber auch das muss nichts Schlechtes bedeuten.

VC Magazin: Sie haben als One-Man-Show angefangen und eine mittelständische Kanzlei aufgebaut. Wie sehen Sie Ihre ganz persönliche Zukunft?
Weitnauer: Ich kann mir ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. Mir ist das Venture Capital-Geschäft ans Herz gewachsen. Ich merke, wie leicht mir vieles heute fällt, dass ich fast alles schon einmal gesehen habe und früh weiß, wo der Hase hinläuft. Ich bin auch ein Mensch, der ausgleichend wirkt. Die Kanzlei ist wie zu einer zweiten Familie geworden. Sie ist stetig gewachsen und soll dies auch in Zukunft tun. Und es kommen immer wieder spannende Themen auf mich zu: So habe ich gerade für den BAND und den Bundesverband Deutsche Startups ein Gessi-Standardbeteiligungsvertragswerk entwickelt, das ganz bewusst eine Beurkundungspflicht vermeidet. Es steht die dritte Auflage meines KAGB-Kommentars an. Überdies habe ich mit jungen Kollegen aus aller Welt ein englischsprachiges Buchprojekt zu „International Venture Capital-Terms“ begonnen, das dann hoffentlich an den Erfolg des Venture Capital-Handbuchs anknüpft.

VC Magazin: Herr Dr. Weitnauer, vielen Dank für das Interview!

 

Dr. Wolfgang Weitnauer ist Gründer und Partner von Weitnauer Rechtsanwälte. Die Sozietät hat Büros in München, Mannheim, Berlin und Hamburg.