Ja zu ESG – aber wie und mit welcher Wirkung?

Venture Capital Marktstudie

Prof. Dr. Dirk Honold, Technische Hochschule Nürnberg, Enrico Reiche, PwC Deutschland (v.l.n.r.)
Prof. Dr. Dirk Honold, Technische Hochschule Nürnberg, Enrico Reiche, PwC Deutschland (v.l.n.r.)

Bildnachweis: © Technische Hochschule Nürnberg, © PwC Deutschland, © Venture Capital Marktstudie/ PwC, Prof. Honold, Ventury Analytics.

Das Thema ESG gewinnt auch für Venture Capital-Gesellschaften und Start-ups immer mehr an Bedeutung. Bereits im November 2021 haben KfW Capital und BCG dazu eine umfassende Studie veröffentlicht. Immer mehr Fonds unterliegen ESG-Vorgaben von ihren Investoren, die an die Start-ups weitergegeben werden. Die steigende Relevanz des Themenkomplexes wurde zum Anlass genommen, im Rahmen der durch Prof. Dr. Dirk Honold, Ventury Analytics und PwC verfassten Venture Capital Marktstudie 2021 Wagniskapitalinvestoren im deutschsprachigen Raum auch zu ESG-Kriterien zu befragen. In der bereits zum zweiten Mal durchgeführten Studie geht es im Detail um die konkrete Ausgestaltung der Bedingungen von Venture Capital-Investments in nicht öffentlich bekannten Verträgen mit Liquidationspräferenzen, Wandeldarlehen, ESOP et cetera sowie damit einhergehenden Fragestellungen der Unternehmensbewertung. Anhand eines anonymen Fragebogens mit insgesamt 80 Fragen haben sich in der Spitze 64 Investoren an der Studie beteiligt, mit einem rechnerischen Gesamtinvestmentvolumen von über 2 Mrd. EUR per annum. 

Anwendung von ESG-Kriterien

Abb. 1: Anwendung von ESG-Kriterien
Abb. 1: Anwendung von ESG-Kriterien

Wie in Abb. 1 dargelegt, werden ESG-Kriterien bereits von mehr als 64% der befragten Investoren im Investmentprozess berücksichtigt. Von den übrigen 36% der Teilnehmer planen fast 80%, ESG-Kriterien künftig zu implementieren. Dabei ist der Screening-Prozess, welcher auf ESG-Kriterien basiert, in nur 4% der Fälle vollständig, aber zumindest bei fast 80% der Anwender schon teilweise standardisiert. Einen entsprechenden Standard im Sinne eines Orientierungsrahmens für ein ESG-Screening gibt zum Beispiel die DIN SPEC 90051-1:2020-11. Im Managementprozess der Portfoliounternehmen setzen aktuell mehr als 50% der Anwender ESG-Kriterien um, während die übrigen Befragten dies in Zukunft planen. 

Impact von ESG-Kriterien

Beachtlich ist, dass sich bei mehr als drei Vierteln der Anwender von ESG-Kriterien das ESG-Screening nicht in der Bewertung von Zielunternehmen niederschlägt. Dies ist verständlich, da zwar viele Großunternehmen in der Nachhaltigkeitsberichterstattung auch über ESG-Kriterien mit quantitativen KPIs berichten, diese aber in den Finanzplanungen oft (noch) nicht integriert sind. Bei Start-ups würde die Integration in die Bewertung einerseits zu einer weitaus höheren Komplexität der Planung führen, aufgrund der naturgemäß größeren Unsicherheit, welche Start-ups und deren Investoren ausgesetzt sind. Andererseits sind die Planung und der Blickwinkel im Rahmen der Bewertung von Start-ups oft längerfristig als bei Großunternehmen, wodurch der Bedarf zur Anwendung von ESG-Kriterien im Hinblick auf einen Exit tendenziell größer ist. Durch ESG-Compliance erwarten Investoren eher steigende Exit-Bewertungen. Diese Erwartung wird gestützt durch den steigenden regulatorischen Druck hinsichtlich ESG-Compliance auf dem Finanzmarkt. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass nachhaltige Unternehmen einen leichteren Zugang zum Kapitalmarkt erhalten (werden). Aktuell werden im Investmentprozess bei fast 50% der Anwender noch keine ESG-Klauseln in Term Sheets für Finanzierungsrunden verwendet. Wenn doch, wird bestehenden Standards wie dem der Leaders for Climate Action (LFCA) gefolgt. Entsprechend werden auch ESG-KPIs nur in gut 20% der Fälle im Fondsreporting angewendet. Jedoch will mehr als die Hälfte der Anwender künftig darüber berichten. 

Fazit

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse ist ein eindeutiger Trend hin zur Anwendung von ESG-Kriterien und dem einhergehenden Wunsch nach Standards zu sehen. Um die Start-ups nicht mit zusätzlichem Aufwand über Gebühr zu belasten, muss gerade in der Early Stage die Balance zwischen Aufwand und Nutzen abgewogen werden. Standards im Reporting sind unabdingbar, um den Aufwand überschaubar zu halten. Mehrere Reportings mit verschiedenen Standards, wie es teilweise im Finanzreporting durch Start-ups für mehrere Investoren erfolgen muss, sind sicherlich schwer zu vertreten. Entscheidend wird sein, wie die ESG-Kriterien in die Finanzplanungen einfließen und wie sich dies in der Preisbildung beim Exit widerspiegelt. Gründer und Investoren können hier gemeinsam identifizierte Handlungsfelder aus dem ESG-Screening aufgreifen, um die Kapitalmarktfähigkeit zu steigern und Wertpotenziale bis zum Exit zu realisieren. Die weitere Entwicklung und konkrete ökonomische Wirkung von ESG-Kriterien bei Finanzierungsrunden sowie Exits dürfen mit Spannung erwartet werden.

 

Über die Autoren:
Prof. Dr. Dirk Honold ist Professor für Unternehmensfinanzierung an der Technischen Hochschule Nürnberg, Ex-CFO und Serial Entrepreneur. Zudem ist er Gründer und Co-Leiter des AK Finanzen und Steuern des BIO Deutschland e.V. sowie Kuratoriumsmitglied im Bundesverband Deutsche Startups e.V.04
Enrico Reiche ist Director im Bereich Deals bei PwC Deutschland und leitet das Unternehmensbewertungsteam am Standort Berlin. Mit mehr als 13 Jahren Erfahrung liegt sein Schwerpunkt in der Beratung von (Corporate) Venture-Transaktionen.