„Europa kann echte Dual Use-Stärke­ aufbauen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen“

Interview mit Dr. Nicolas Rose-André, MIG Capital

Dr. Nicolas Rose-André, MIG Capital
Dr. Nicolas Rose-André, MIG Capital

Bildnachweis: MIG Capital.

Souveränität und Sicherheit rücken bei Investoren verstärkt in den Fokus – so auch bei MIG Capital. Im Interview blickt Investmentmanager und Dual Use-Experte Dr. Nicolas Rose-André auf den Dual Use-Standort Deutschland, Exit-Chancen für Investoren und eine europäische Perspektive.

VC Magazin: Dual Use gilt seit der Zeitenwende als Enabler für Souveränität. Wie hat sich die Investmenthypothese bei MIG Capital durch die veränderte geopolitische Lage verschoben?

Rose-André: Unsere Herangehensweise an Investments hat sich seit der Zeitenwende weniger verändert, als viele möglicherweise glauben. Wir investieren seit jeher in technologische Durchbrüche mit hohem Impact. Neu ist, dass man heute offen ausspricht, dass Souveränität und Sicherheit Teil davon sind. Bei unseren Überlegungen geht es grundsätzlich um eine „bessere Zukunft“. Aus europäischer Sicht ist eine bessere Zukunft die, in der wir weiter in Freiheit und mit unseren Werten leben können. Die NATO sowie europäische und deutsche Institutionen argumentieren zu Recht, dass technologische Überlegenheit eine Voraussetzung für Handlungsfähigkeit ist. Investitionen in Dual Use-Start-ups gehören damit heute in hohem Maße zu diesem europäischen Streben nach Souveränität.

VC Magazin: Werden für MIG Capital damit Dual Use-Investments zu einem eigenen Sektor?

Rose-André: Nein, es ist für uns kein eigener Sektor, sondern eher ein Reality-Check. Wir fragen uns: Ist eine Technologie nicht nur wirtschaftlich tragfähig, sondern ist sie auch in einem geopolitischen Kontext relevant? Innovationen in Hochtechnologien sind seit der Erfindung des Feuers durch unsere Vorfahren militärisch bedeutend gewesen. Das ist heute nichts anderes: KI-Modelle, Halbleiter und Computerchips, Quanten- und Sensortechnologie, neue Materialien, Spacetech – Deeptech ist nicht per se bereits Dual Use, aber war schon immer sehr nah dran.

VC Magazin: Welche Co-Investment-Strategie verfolgen Sie im Dual Use-Feld?

Rose-André: Wir verfolgen keine eigenständige Co-Investment-Strategie im Bereich des Dual Use. Wir sind bei unseren Investments häufig Lead und bauen Konsortien. Inhaltlich bleibt es gleich: Wir suchen echte technologische Differenzierung, die sich in skalierbare Geschäftsmodelle übersetzen lässt, und schließen uns in diesem Zusammenhang mit weiteren Investoren zusammen, die eine ähnliche Strategie verfolgen.

VC Magazin: Wie ist Ihr bisheriges Portfolio in dieser Branche aufgestellt, welche Start-ups finden Sie besonders spannend?

Rose-André: Ein gutes Beispiel bei uns ist Look Up Space im Spacetech-Bereich, an dem wir seit 2023 beteiligt sind. Look Up baut radarbasierte Infrastruktur, um Objekte im Orbit in Echtzeit zu tracken. Der kommerzielle Use Case ist klar: Situational Awareness für Satellitenbetreiber, beispielsweise zur Kollisionsvermeidung. Gleichzeitig ist das hochrelevant für sicherheitsbezogene Anwendungen. Genau so entsteht Dual Use in der Realität: nicht durch Labeling, sondern weil die Technologie mehrere kritische Probleme löst. Natürlich haben auch wir seit der Zeitenwende bei unseren Bewertungen von möglichen Deeptech-Investments die Aspekte Sicherheit und Verteidigung stärker im Blick, als das früher der Fall war.

VC Magazin: Wie sehen Sie den Standort Deutschland im Dual Use-Segment im Vergleich zu anderen europäischen und internationalen Standorten aufgestellt?

Rose-André: Sicherlich sind die USA bei dieser Kategorie von Gründungen weit voraus. Für Deutschland gilt: Wir waren immer stark in Wissenschaft und im Engineering, und das sind wir auch heute noch. Die Teams aus den Universitäten, mit denen wir täglich sprechen, sind unglaublich stark – gut ausgebildet, smart, ambitioniert. Dies gilt selbstverständlich auch für die jungen Unternehmen, die sich mit Dual Use und explizit mit Defence-Technologien beschäftigen. Gerade rund um München ist hier ein sehr starkes Cluster entstanden, das die Fähigkeit der deutschen Start-up-Szene unterstreicht. Aber auch die Start-ups dieser Kategorie sind damit konfrontiert, dass es ihnen teils unnötig schwer gemacht wird, ihre Vision in erfolgreiche Unternehmen zu übersetzen. Wir denken immer noch viel zu national – Lösungen finden wir nur als europäische Partner. Wenn wir geopolitisch relevant sein wollen, dann nur als Europa. Die Gründerszene denkt längst so, die Investorenseite auch. Europa finanziert im Dual Use- und Defence-Sektor viele gute Ideen, aber die großen Skalierungsschritte passieren möglicherweise auch auf diesem Feld andernorts – wo es mehr Kapital und weniger Regulierung gibt.

VC Magazin: Die neuen Infrastrukturmittel der Bundesregierung sehen auch Investments im Bereich Rüstung vor. Was muss sich auf bürokratischer Ebene aus Ihrer Sicht ändern, damit die Bundesregierung ein passender Kunde für Dual Use-Gründer werden kann?

Rose-André: Der Staat ist selten der bessere Investor. Was er aber gut kann – und das zeigen die USA sehr klar –, ist Nachfrage schaffen. Die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) und das US-amerikanische Verteidigungsministerium haben nicht einfach Geld verteilt, um bahnbrechende Militärtechnologien zu entwickeln, sondern sie haben ganze Märkte gebaut. In Europa diskutieren wir viel über mehr Budget, aber weniger darüber, wie man Innovation tatsächlich in Anwendung bringt. Gleichzeitig gilt: Bessere Rahmenbedingungen helfen immer – weniger Bürokratie, bessere Mitarbeiterbeteiligung, einfachere Gründungen. Die Beschaffungsthematik in Deutschland ist komplex und viel diskutiert, und ich denke, wir haben oft kein Erkenntnisproblem, sondern ein politisches Umsetzungsproblem. Es gibt immer noch ein großes Valley of Death in Europa zwischen großartigen Inkubatoren und Early Stage Funding, bis zur Tragfähigkeit der Technologien im Markt. Gerade in Defencetech kann der Staat hier an vielen Stellen, durch vereinfachte Regulatorik und simplere Ausschreibungsverfahren, die Nachfrage stimulieren.

VC Magazin: Der Exit-Markt für Dual Use ist in Europa noch jung. Welcher Exit-Weg bietet aus Ihrer Sicht die beste Option, welche Chancen könnte die Börse eröffnen?

Rose-André: Realistischerweise ist M&A aktuell oft der naheliegendere Weg, gerade im Dual Use-Umfeld. Große europäische Defence- und Aerospace-Konzerne sind weniger aggressive Akquisiteure als ihre US-Pendants, fungieren aber als strategische Integratoren für Technologien entlang bestehender Programme und Supply Chains – insbesondere wenn diese für Souveränität oder Plattformfähigkeit kritisch sind. Die Börse wäre langfristig wichtig, aber dafür bräuchten wir erst einen echten europäischen Kapitalmarkt. Die Diskussion rund um die Savings and Investment Union geht in die richtige Richtung und könnte massive Hebel in Bewegung setzen. Solange das nicht gelöst ist, bleibt der Exit-Markt strukturell limitiert, und Börsengänge werden weiter standardmäßig in New York vollzogen, was im Dual Use-Bereich nicht im Sinne europäischer Souveränität ist.

VC Magazin: Wie fällt Ihre Fünfjahresprognose für Dual Use aus?

Rose-André: Technologisch bin ich sehr optimistisch. Wir haben unglaublich viele fähige Gründer, die mutig sind und groß denken. Die offene Frage bleibt die Skalierung: Bekommen die Dual Use-Start-ups das notwendige Kapital – und kann der politische Wille zur Verteidigungsfähigkeit in wirtschaftliche Nachfrage in die entstehenden Technologien übersetzt werden? Wenn ja, kann Europa hier eine echte Stärke aufbauen. Wenn nicht, werden diese Firmen woanders groß.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Über den Interviewpartner: 

Dr. Nicolas Rose-André investiert bei MIG Capital in Deeptech-Start-ups. Davor sammelte er Erfahrungen in Unternehmensberatung, Wissenschaft und Luftfahrtindustrie. Er studierte Luft- und Raumfahrt, gründete ein Drohnen-Start-up und hält einen MBA der IESE Business School.