Bildnachweis: e-Residency.
Estland ist in Europa der Ort, an dem die digitale Verwaltung Alltag ist. Auch als Start-up-Standort gilt das Land als Vorreiter. Eine repräsentative Civey-Studie im Auftrag von „e-Residency of Estonia“ zeigt, wie groß der Druck in Deutschland ist: 68,7% der Gründungswilligen können sich vorstellen, ihr Unternehmen in einem anderen EU-Land digital zu gründen. Hauptgrund bleibt Bürokratie.
Viele Gründungswillige in Deutschland sind ehrgeizig, international ausgerichtet und zugleich pragmatisch: Entscheidend ist, dass die Gründung reibungslos funktioniert. Doch genau dort hakt es oft. In der Civey-Studie nennen 35,6% bürokratische Hürden als entscheidenden Faktor – noch vor dem finanziellen Risiko mit 33,3%. Bürokratie wirkt wie ein zusätzlicher Markteintrittspreis. Sie kostet Zeit, Aufmerksamkeit und Nerven. Wer gründet, will nicht zuerst Prozesse managen, sondern ein Produkt bauen.
Zwei Drittel denken längst EU-weit
Befragt wurden 1.500 Personen in Deutschland, die konkret planen, in den kommenden zwei Jahren ein Unternehmen zu gründen, oder dies ernsthaft in Erwägung ziehen. Das bemerkenswerte Ergebnis: 68,7% können sich vorstellen, ihr Unternehmen vollständig digital in einem anderen EU-Land zu gründen, ohne den Wohnsitz in Deutschland aufzugeben. Für viele wird die Standortwahl zur Abwägung, bei der die Qualität der Rahmenbedingungen wichtiger ist als die nationale Zugehörigkeit. Und die Erwartung ist klar: 65,5% halten es für wichtig, ein Unternehmen komplett digital und ohne physische Behördentermine gründen zu können. Digitale Prozesse sind damit Grundvoraussetzung und kein „Nice-to-have“.
EU Inc. – und was in Estland bereits Realität ist
Der EU Inc.-Antrag der Europäischen Kommission von März 2026 zielt auf vollständig digitale Unternehmensgründungen in allen 27 Mitgliedstaaten ab: in 48 Stunden und zu geringen Kosten. Estlands Start-up-Ökosystem nimmt eine Vorreiterrolle ein. Seit 2014 stellt Estland mit e-Residency eine staatlich unterstützte digitale Identität bereit, die Unternehmern weltweit Zugang zu elektronischen Unternehmensservices ermöglicht, inklusive rechtsverbindlicher digitaler Signaturen. Auch die Besteuerung begünstigt Reinvestitionen: Unternehmensgewinne werden in Estland erst bei Ausschüttung besteuert. Mehr als 41.000 Unternehmen wurden von Gründern aus über 185 Ländern ins Leben gerufen. Deutschland ist der am schnellsten wachsende Markt; die Anträge stiegen 2025 um 49%. Mehr als 8.600 deutsche e-Residents haben knapp 3.000 Unternehmen gegründet. Das ist weniger eine Abkehr vom Standort Deutschland als ein Hinweis darauf, wie stark Gründer auf funktionierende Infrastruktur reagieren.
Was das für Gründer und Investoren bedeutet
Die Civey-Daten sind kein Urteil über Deutschland als Standort. Sie zeigen, was Gründer erwarten und wie schnell diese Erwartungen zu Standortentscheidungen werden, sobald Alternativen verfügbar sind. Für Investoren bedeutet das konkret: Wenn Gründung und Verwaltung rechtskonform digital funktionieren, wird die Frühphase einfacher. Weniger Reibung, weniger Formalitäten, mehr Tempo und damit mehr Zeit für Produkt, Markt und Wachstum. Wichtig dabei: EU Inc. und e-Residency lösen unterschiedliche Probleme. Die EU Inc. würde Gründungen in Europa erleichtern; e-Residency existiert bereits als staatlich getragener Zugang zu digitaler Infrastruktur für Gründende weltweit.
Über den Autor:
Mats Kuuskemaa ist Country Manager DACH & Polen bei e-Residency. Das Programm ermöglicht es, ein estnisches EU-Unternehmen vollständig digital zu gründen und zu führen.



