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Ein Bericht der ESMT Berlin offenbart hohen Handlungsdruck: Deutschland und Europa haben nur noch ein sehr begrenztes Zeitfenster, um ihren strukturellen Rückstand in der Biotechnologie aufzuholen. Gelingt das nicht, droht der dauerhafte Verlust von Kapital, Talent und Unternehmen. 70 Prozent der für den Bericht befragten Gründer, Investoren, Pharmaexperten, Wissenschaftler und Vertreter der Politik stuften die aktuelle Situation als dringend ein. Besonders ausgeprägt ist die Sorge um den Sektor bei Investoren, Business Angels und Pharmaexperten.
Die Gesamtauswertung unterstreicht diese Einschätzung: 74 Prozent der erfassten Stimmungsaussagen sind negativ. Der Handlungsdruck beruht nach Einschätzung der Befragten nicht auf einem einzelnen Defizit, sondern auf mehreren strukturellen Engpässen entlang der gesamten Innovationskette.
Ausgehend vom Konzept der „Valleys of Death“ unterscheidet der Bericht zwei kritische Phasen, in denen vielversprechende wissenschaftliche Ideen und junge Unternehmen nicht bis zum Markt gelangen. Im ersten Valley of Death scheitert häufig die Translation, also die Überführung wissenschaftlicher Entdeckungen in belastbare und finanzierbare Unternehmensgründungen. Während der Bericht der deutschen und europäischen Biotechnologieforschung zwar eine Spitzenposition bescheinigt, identifiziert er an dieser Stelle weitreichende Probleme im Technologietransfer. Nur 17 Prozent der Befragten äußerten sich positiv zu Technologietransferstellen, sogenannten Technology Transfer Offices (TTOs).
Das zweite Valley of Death beginnt, wenn Unternehmen für die weitere Entwicklung und Skalierung erheblich mehr Kapital benötigen. Hier zeigt sich der Rückstand des europäischen Biotechnologiesektors besonders deutlich. Auf europäische Risikokapitalfonds entfallen nur rund sieben Prozent des globalen Risikokapitalmarkts im Bereich der Biowissenschaften, auf US-Fonds dagegen 63 Prozent. Mehrere Gründer berichteten, dass amerikanische Investoren eine US-Gesellschaft oder Tochtergesellschaft zur Bedingung für spätere Finanzierungen machten. Sechs der acht in diesem Zusammenhang befragten Gründer erwogen deshalb bereits eine teilweise Verlagerung in die USA.

Dennoch zeigt sich ein begrenztes Chancenfenster für Europa. Der Bericht verweist auf Marktdaten, nach denen Teile der Frühphasenfinanzierung im amerikanischen Biotechnologiesektor zwischen den ersten Quartalen 2025 und 2026 um 38 Prozent zurückgingen. Mehrere der befragten Experten erkennen darin eine vorübergehende Gelegenheit für Europa, sofern die notwendigen Reformen jetzt umgesetzt werden. Knapp die Hälfte der Befragten ist optimistisch, dass Europa die Lücke schließen kann. „Die Zeit wird zunehmend knapp. Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir nicht nur einzelne Unternehmen an die USA. Wir riskieren, dauerhaft die Fähigkeit zu verspielen, aus unserer eigenen Forschung international wettbewerbsfähige Biotechunternehmen aufzubauen. Langfristig würde das auch unsere Grundlagenforschung schwächen und damit künftige wissenschaftliche Durchbrüche erschweren“, so Francis de Véricourt (Professor für Management Science, Inhaber des Joachim Faber Stiftungslehrstuhls für Business und Technology an der ESMT | Co-Autor des Berichts).
Die Diagnose lautet, dass es nicht primär an Forschung, Förderprogrammen oder Institutionen fehlt. Entscheidend sei vielmehr, ob vorhandene Ressourcen in der richtigen Form, zum richtigen Zeitpunkt und mit klarer Ausrichtung auf erfolgreiche Unternehmensgründungen und Wachstum eingesetzt werden: „Mehr vom Gleichen wird nicht reichen. Die zugrunde liegenden Strukturen und Anreize müssen sich verändern“, ergänzt de Véricourt.
Zu den zentralen Empfehlungen für Finanzierung und Skalierung gehören die Mobilisierung institutionellen Kapitals von Pensionsfonds, Versicherungen und anderen langfristigen angelegten Kapitalpools, verlässlichere steuerliche Anreize für privates Risikokapital sowie die Schaffung eines paneuropäischen Börsensegments für Biotechnologie. Letzteres könnte europäischen Unternehmen ermöglichen, spätere Wachstumsfinanzierungen und Börsengänge innerhalb Europas zu realisieren, statt auf einen Verkauf an große Pharmaunternehmen oder einen Börsengang in den USA angewiesen zu sein.
Um den Weg von der wissenschaftlichen Entdeckung zur Unternehmensgründung zu beschleunigen, empfehlen die Befragten, öffentliche Förderprogramme auch für Unternehmen ohne universitären Ursprung zu öffnen und Gründern schneller Zugang zu erster Finanzierung zu ermöglichen. Sie plädieren zudem dafür, Unternehmensgründungen durch digitale Verfahren und weniger notarielle sowie administrative Hürden zu beschleunigen. Auch sollten Gründer systematischer mit Investoren, erfahrenen Unternehmern und der Pharmaindustrie vernetzt werden.
Unabhängige, professionell geführte Translationsinstitute sollen zudem bestehende universitäre Transferstrukturen ergänzen und Forschungsteams frühzeitig bei Validierung, Teamaufbau und Finanzierung unterstützen. Darüber hinaus sollten Technologietransferstellen mit standardisierten Lizenzbedingungen, schnelleren Verfahren und stärkerer kommerzieller Expertise von Gatekeepern zu Vermittlern weiterentwickelt werden.
Der Bericht „How Germany and Europe can kickstart biotech innovation to achieve strategic sovereignty“ stammt von Francis de Véricourt und Beatriz Faria. Er basiert auf 29 Experteninterviews sowie Erkenntnissen aus der Managementforschung. Auf dieser Grundlage bündelt der Bericht 26 konkrete Reformvorschläge, um den strukturellen Rückstand der Biotechnologie in Deutschland und Europa zu verringern.
Der Vorgängerbericht „Assessing Deep-Tech Innovation Hubs in Germany: The Case of Biotechnology“ bewertete 2025 die biotechnologische Innovationsleistung Deutschlands anhand eines umfassenden Index.




