Bildnachweis: Nick Chong.
Alphawave GmbH: Kein Fonds. Kein verwaltetes Kundengeld. Sondern proprietärer Quant-Handel auf eigene Rechnung.
Kein klassisches FinTech-Narrativ also. Kein Skalieren über Kundendepots. Sondern: eigenes Risiko, eigenes Kapital, eigener Track Record.
Und die Finanzierung? Keine bekannte VC-Runde. Nur zwei Eigenkapital-Investoren. Entwicklungskosten in Millionenhöhe und nun Anleihen – ergänzt um partnernahe Darlehen auf Fremdkapitalbasis für die Skalierung.
Heißt: kein klassisches Equity-Polster, sondern von Beginn an eine Zinsuhr.
Genau diese Struktur brachte Alphawave zuletzt auf die Warnliste der Stiftung Warentest. Und damit ins Radar einer Öffentlichkeit, die auf Retail-Anleihen inzwischen nervös reagiert. Doch interessanter als der Warnhinweis selbst ist die Konstruktion dahinter. Denn die Kombination aus systematischem Eigenhandel und Retail-Fremdkapital ist im deutschen Markt bislang selten.
Kein Fonds, kein Mandat – sondern Eigenhandel
Alphawave betreibt nach eigenen Angaben keinen Fonds und verwaltet keine externen Kundendepots. Stattdessen handelt das Unternehmen auf eigene Rechnung – mit regelbasierten, quantitativ gesteuerten Strategien, die bislang ausschließlich intraday eingesetzt werden.
Das Modell unterscheidet sich damit von klassischen Asset Managern: Es gibt keine Managementgebühren auf verwaltetes Vermögen, sondern Erträge entstehen direkt aus dem Handelsergebnis.
Solche Strukturen sind kein Nebenbei-Geschäft, sondern kapitalintensiv. Und sie verzeihen wenig Fehler. Wer systematisch handelt, benötigt:
- Handelskapital
- Sicherheiten (Margins) bei Brokern
- leistungsfähige IT-Infrastruktur
Entscheidend ist daher weniger, ob Kapital benötigt wird – sondern zu welchen Bedingungen es aufgenommen werden kann und wie nachhaltig das FinTech damit umgehen kann.
Ergebnisse des Live-Handels seit Mai 2024 (alle Strategien; gesamte Handelsperformance des Unternehmens) © Alphawave GmbH
15 Millionen Euro Fremdkapital – mit fester Zinsuhr
Die Unternehmensgruppe nutzt Anleihen als zentrales Finanzierungsinstrument. Emittentin ist die Tochtergesellschaft Alphawave Finance GmbH.
Laut Wertpapierprospekt handelt es sich um eine Anleihe mit zwei Tranchen und einem Emissionsvolumen von bis zu 15 Mio. Euro: Tranche A bis zu 10 Mio. Euro mit 8,00 % p.a. (Laufzeit bis 31. Dezember 2028) und Tranche B bis zu 5 Mio. Euro mit 8,50 % p.a. (Laufzeit bis 31. Dezember 2030). Die Anleihen werden öffentlich durch die Emittentin angeboten und vertrieben. Die Mindestzeichnung liegt bei 5.000 Euro, höhere Beträge sind in Tausender-Schritten möglich. Damit richtet sich die Emission auch an Privatanleger. Kapital wird damit nicht über wenige große Tickets eingesammelt, sondern potenziell über eine breitere Anlegerbasis, wobei das Unternehmen betont, den Fokus auch auf institutionelle Investoren zu richten.
Bei vollständiger Platzierung entspräche das einer jährlichen Zinslast von bis zu rund 1,23 Mio. Euro pro Jahr (0,8 Mio. Euro aus Tranche A plus 0,43 Mio. Euro aus Tranche B). Die Verzinsung begann laut Prospekt am 1. Oktober 2025; die Zinszahlungen erfolgen quartalsweise. Das heißt: Die Zinslast materialisiert sich nicht erst am Laufzeitende, sondern belastet die Liquidität regelmäßig über die gesamte Laufzeit – unabhängig davon, ob das Handelsgeschäft in einzelnen Quartalen stark oder schwächer läuft. Nach öffentlichen Angaben wurde der erste Zinszahlungstermin zum 1. Januar planmäßig bedient.
Die finanzielle Logik ist damit klar: Die operative Ertragskraft muss nicht nur positiv sein, sondern dauerhaft oberhalb dieser Größenordnung liegen. Sonst entsteht Druck – nicht bilanziell, sondern liquiditätsseitig. Für ein junges Handelsmodell bedeutet das einen strukturellen Druck, der bei eigenkapitalfinanzierten FinTechs so nicht existiert. Dort tragen Investoren das unternehmerische Risiko unmittelbar – hier steht zunächst der feste Kupon im Raum.
Anleihen verschieben also das Risiko. Statt unternehmerisches Eigenkapital einzusammeln, wird Fremdkapital aufgenommen – mit festen Zinsversprechen und klaren Rückzahlungsverpflichtungen. In frühen Unternehmensphasen ist das ungewöhnlicher als klassische VC-Finanzierung, weil Fremdkapital weniger Fehlertoleranz bietet. VC gibt Luft. Ein Kupon nicht. Gleichzeitig bleibt die Eigentümerstruktur unangetastet – eine Verwässerung findet nicht statt.
Auf Nachfrage teilt Geschäftsführer Jan-Patrick Krüger mit: „Der jetzige Schritt der Skalierung wurde sehr bewusst gewählt. Wir haben über Jahre eine leistungsfähige Plattform mit hoher Robustheit und stabiler Wertschöpfung entwickelt. Wir spekulieren nicht auf Marktmeinungen, sondern nutzen statistisch wiederkehrende Preisineffizienzen, die wir technologisch identifizieren. Diese Identifikation ist komplex und durchläuft umfangreiche Robustheitstests. Letztlich zeigt sich die Tragfähigkeit unseres Ansatzes im Live-Betrieb: Die nun fast zweijährige Handelsphase bestätigt unsere Modellannahmen.“
Was sagt der Wertpapierprospekt?
Der Wertpapierprospekt weist ausdrücklich auf das Emittentenrisiko hin. Anleger tragen das Risiko, dass Zins- und Rückzahlungen ausfallen können, wenn sich die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmensgruppe anders gestaltet als erwartet. Zudem wird darauf hingewiesen, dass die Anleihen nicht einlagengesichert sind und von der zukünftigen Ertragskraft des Unternehmens abhängen.
Laut Wertpapierprospekt können Emissionserlöse auch zur Refinanzierung bestehender Verbindlichkeiten verwendet werden. Auf genau diese Möglichkeit bezieht sich auch der von Stiftung Warentest verwendete Begriff eines „Anleihekarussells“. Eine solche Struktur ist am Kapitalmarkt nicht ungewöhnlich. Sie erhöht allerdings die Sensibilität, wenn operative Erträge noch nicht über einen längeren Zeitraum stabil nachgewiesen sind.
Hinzu kommen personelle und finanzielle Verflechtungen mit Entwicklungspartnern. Neben der Anleihefinanzierung bestehen somit Darlehen von rechtlich eigenständigen Gesellschaften aus einem nahestehenden Umfeld, die ergänzend zur Kapitalstruktur eingesetzt werden. Einzelne dieser Darlehen sind nachrangig ausgestaltet – im Insolvenzfall würden sie somit hinter die Ansprüche anderer Gläubiger zurücktreten. Die Anleihe selbst ist laut Prospekt nicht nachrangig strukturiert. Auch das ist rechtlich zulässig, macht die Finanzierungsarchitektur jedoch mehrschichtig und damit erklärungsintensiver. Gleichzeitig bietet es den Investoren aber eine höhere Chance auf Rückzahlung im Insolvenzfall.
Ja, es gibt eine Prospektpflicht. Aber keine börsliche Notierung mit quartalsweiser Kapitalmarktkommunikation wie bei gelisteten Emittenten. Heißt: Maßgeblich sind veröffentlichte Jahresabschlüsse, Prospektangaben und freiwillige Updates – nicht ein fortlaufendes Reporting im Stil kapitalmarktorientierter Großunternehmen.
2024 liefert den Proof of Concept – aber noch ohne Zyklusnachweis
Bis 2023 handelte es sich bei dem Projekt nach Angaben des Unternehmens im Wesentlichen um reine Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Gemeinsam mit einem Partner habe man eine der robustesten Infrastrukturen im Bereich quantitativer Handelsstrategien aufgebaut. Solche Strategien werden typischerweise zunächst intensiv anhand historischer Marktdaten getestet (Backtesting), bevor sie im Echtbetrieb eingesetzt werden. Laut Unternehmensangaben sind die Modelle dabei so komplex, dass nur eine eigens entwickelte Infrastruktur die erforderliche Geschwindigkeit und Stabilität gewährleisten kann.
Ein Blick auf die Schlüsselpersonen hinter dem Projekt verdeutlicht zudem, dass es sich um ein erfahrenes Team handelt – teilweise mit Promotion –, das sowohl wissenschaftliche als auch praktische Expertise im quantitativen Bereich vereint. Scheinbar hat das Unternehmen auch eine gewisse Nähe zur Heriot-Watt University, denn mehrere Personen scheinen dorther zu kommen. Trotz Nachfrage beim Unternehmen wurde hierzu keine Stellung genommen.
Im Mai 2024 ging das Modell erstmals live. Für das Rumpfgeschäftsjahr 2024 wurde ein positives Jahresergebnis von 296.232 Euro ausgewiesen, bei Erträgen von 1,21 Mio. Euro. Für 2025 weist das Unternehmen vorläufig ein Jahresergebnis von rund 1,15 Mio. Euro bei Erträgen von rund 2,85 Mio. Euro aus.
Ob daraus eine belastbare Ertragshistorie wird, entscheidet sich nicht im nächsten Quartal, sondern über mehrere Marktzyklen hinweg. Die Modelldaten geben an, deutlich besser und robuster zu performen als sämtliche größere Indizes.
Auszug aus dem Company Deck © Alphawave GmbH
Maßgeblich ist, ob operative Cashflows langfristig ausreichen, um Zins- und Rückzahlungsverpflichtungen aus eigener Kraft zu bedienen. Die bislang veröffentlichten Ergebnisse aus 2024 sowie die deutliche Steigerung im ersten vollen Handelsjahr 2025 liefern dabei erste Indikatoren für eine wachsende operative Stabilität – auch wenn daraus noch keine belastbare Aussage über die langfristige Nachhaltigkeit abgeleitet werden kann.
Warum Verbraucherschützer hier anspringen
Stiftung Warentest sieht hier ein Risiko – vor allem wegen der Kapitalstruktur.
Retail-Anleihe, junge Ertragshistorie, Refinanzierungsoption – das reicht, um Verbraucherschützer aufmerksam zu machen.
Der kritische Punkt liegt weniger im quantitativen Handel selbst als in der Kapitalstruktur: Ein noch junges Ertragsmodell trifft auf feste Zinsversprechen gegenüber einer breiten Anlegerbasis.
Das Handelsmodell selbst setzt auf das Ausnutzen kurzfristiger Marktineffizienzen im Intraday-Bereich. Vereinfacht gesagt: Wenn Angebot und Nachfrage temporär aus dem Gleichgewicht geraten und Preise sich kurzfristig vom fairen Wert entfernen, versucht das System, diese Abweichungen systematisch zu erfassen und zu monetarisieren. Die Erträge resultieren damit nicht aus einer Wette auf steigende oder fallende Märkte, sondern aus der statistischen Normalisierung solcher Verzerrungen.
Unabdingbar ist jedoch, dass diese Mechanik auf funktionierende Marktinfrastruktur angewiesen bleibt. Liquidität, Ausführungskosten und die Stabilität der Handelsplätze spielen eine zentrale Rolle. Hier entscheidet sich letztlich, ob das Modell unter realen Marktbedingungen dauerhaft stabil bleibt und sich mit zusätzlichem Kapital skalieren lässt.
Gleichzeitig ist das Modell kein klassisches Vertriebsprodukt, sondern unternehmerischer Eigenhandel mit Fremdfinanzierung.
Einordnung
Der Fall Alphawave steht exemplarisch für ein Modell, das im deutschen Markt bislang kaum verbreitet ist: quantitativer Eigenhandel. Die bislang veröffentlichten Zahlen sprechen für eine operative Stabilisierung und erste Skalierungserfolge.
Die Entwicklungsphase war lang. Ob sie zu lang war, lässt sich von außen schwer beurteilen. Betrachtet man jedoch andere komplexe technologische Systeme, etwa das autonome Fahren, auf dessen Durchbruch wir seit rund einem Jahrzehnt warten, wird deutlich, wie anspruchsvoll solche Entwicklungen sind.
Systeme dieser Art unterliegen einer erheblichen technischen Komplexität. Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben vollständig automatisiert und setzt Machine Learning in der Strategieentwicklung ein. Vor diesem Hintergrund erscheint eine mehrjährige Forschungs- und Testphase nicht ungewöhnlich.
Ob diese Struktur langfristig trägt, entscheidet sich nicht an Warnhinweisen, sondern an harten Kennzahlen. 2024 lag das ausgewiesene Jahresergebnis bei 296.232 Euro, bei Erträgen von rund 1,21 Mio. Euro. 2025 stiegen die vorläufig ausgewiesenen Erträge auf rund 2,85 Mio. Euro, das Jahresergebnis auf etwa 1,15 Mio. Euro. Das ist ein deutlicher Zuwachs – allerdings auf noch überschaubarer absoluter Basis.
Für die Kapitalstruktur heißt das: Die operative Entwicklung zeigt bislang in die richtige Richtung. Aber sie muss dauerhaft oberhalb der Zins- und Rückzahlungsverpflichtungen liegen. Kurz: Wachstum allein reicht nicht – entscheidend ist Zinsdeckung. Dafür ausschlaggebend ist nicht ein einzelnes profitables Jahr, sondern die Fähigkeit, auch in volatilen Marktphasen stabile Cashflows zu generieren. Erst wenn das Handelsmodell mehrere Marktzyklen – inklusive schwächerer Phasen – durchlaufen hat, lässt sich belastbar beurteilen, ob die Kombination aus proprietärem Handel und anleihebasierter Finanzierung langfristig trägt.
Für die Branche ist der Fall deshalb interessant, weil er eine strukturelle Frage aufwirft: Wie weit lässt sich ein proprietäres Handelsmodell über Retail-Fremdkapital skalieren? Und ab welchem Punkt wird aus Skalierung struktureller Druck?
Kapitalstruktur ist zudem keine statische Größe. Kommt später institutionelles Eigenkapital hinzu, verschiebt sich die Risikologik. Bleibt es bei Fremdkapital, entscheidet allein die operative Stabilität. Der Markt wird es zeigen.
Interessierte Anleger können sich hier informieren.




