„Wir bedienen keine bloßen ESG-Labels“

Interview mit Angela Lawaldt, Bonventure

Angela Lawaldt, Bonventure
Angela Lawaldt, Bonventure

Bildnachweis: Bonventure.

Bonventure zählt zu den Pionieren des Impact Investing. Im Interview erklärt der Investor, warum Wirkung messbar sein muss, welche vier Felder im Fokus stehen – von Digital Health bis Klima – und weshalb sich der ESG-Diskurs in Europa weg von Labels und hin zu Transparenz und Substanz verschiebt.

VC Magazin: Mit Bonventure haben Sie Ihren Fokus verbreitert über Social Impact bis hin zu grünen Investments. Wie ist Ihr Portfolio aktuell aufgestellt?

Lawaldt: Wir sehen uns als Pionier des Impact Investing, der die Branche in den letzten 20 Jahren mitgestaltet hat: Impact Investing ist die Kombination von klar messbarem gesellschaftlichem und ökologischem Mehrwert mit wirtschaftlichen Erträgen. Dazu haben wir uns klar positioniert und fokussieren vier zentrale Investmentfelder: digitale Gesundheit, Gleichstellung und Bildung, Klima und Natur sowie nachhaltiger Konsum. In unserem aktuellen vierten Fonds begleiten wird derzeit 19 Portfoliounternehmen. Dabei geht es um digitale Gesundheitslösungen und Bildungsplattformen, klimabezogene Software für Energienetze oder Lösungen zur Kreislaufwirtschaft und sozialer Teilhabe. Zentral ist für uns, dass die tatsächliche Wirkung unserer Investments messbar ist und sichtbar wird.

VC Magazin: Welche Herausforderungen treiben Impact-Start-ups derzeit am meisten um?

Lawaldt: Impact-Start-ups stehen aktuell vor einer doppelten Herausforderung: Ein anspruchsvolleres Finanzierungsumfeld trifft auf höhere regulatorische Anforderungen. Für junge Unternehmen bedeutet das oft zusätzlichen Aufwand. Wirkung sollte daher von Anfang an konsequent mitgedacht und als Vorteil für Kunden und Mitarbeitende kommuniziert werden. Gleichzeitig sind die Kapitalmärkte selektiver geworden, Investoren hinterfragen Geschäftsmodelle und Skalierbarkeit noch intensiver. Hinzu kommen makroökonomische Spannungen: In den letzten Monaten haben etwa erneute Zolldrohungen im transatlantischen Handel für Turbulenzen an europäischen Märkten gesorgt und dadurch auch Investmententscheidungen beeinflusst. Glücklicherweise macht keines unserer Portfoliounternehmen aktuell Geschäfte in oder mit den USA.

VC Magazin: In den USA zeigt sich, dass Investoren weniger Wert auf ESG legen. Spüren Sie diesen Trend auch in Deutschland?

Lawaldt: In Deutschland und Europa ist das Bild differenzierter. Der Diskurs verschiebt sich weg von oberflächlichen Labels und hin zu substanzieller Wirkung und Transparenz, getrieben durch Regulierung und institutionelle Anforderungen. Dabei zeigt unsere Erfahrung über zwei Jahrzehnte, dass wirkungsorientierte Anlagen gerade in Zeiten von Marktstress robuster sein können als traditionelle Investments. Wir sehen das in unserem aktuellen Portfolio, und auch Studien, wie das aktuelle Papier der Cornell University vom Mai 2025, bestätigen, dass Impact-Fonds im Vergleich zu anderen Anlagen in privaten Märkten ein geringeres Risikoprofil bieten. High-Impact-Investing bedeutet für Bonventure also, dass wir keine bloßen ESG-Labels bedienen, sondern messbare Wirkung des Produkts oder der Dienstleistung ein zentrales Investmentkriterium ist.

VC Magazin: Wie schätzen Sie die derzeitigen Exit-Chancen für Impact-Start-ups ein, welche Käufer sind besonders interessiert?

Lawaldt: Am häufigsten beobachten wir Übernahmen durch etablierte Unternehmen, die Impact gezielt in ihre bestehenden Geschäftsmodelle integrieren oder neue Innovationsfelder erschließen möchten. Auch Scale-ups treten zunehmend als Käufer auf. In klassischen Industrien werden Impact-Start-ups immer öfter als Impulsgeber für Transformation oder zur Erweiterung des Produktangebots gesehen. Börsengänge sind derzeit nur für wenige, sehr gut positionierte Unternehmen realistisch und erfordern einen langen Atem. Entsprechend gewinnen Übernahmen durch Finanzinvestoren oder erfahrene Marktteilnehmer an Bedeutung, insbesondere in Bereichen wie Greentech, Digital Health oder nachhaltiger Konsum.

VC Magazin: Wie bewerten Sie die Überarbeitung der SFDR und die Anerkennung von Impact Investing aus dem Dezember 2025?

Lawaldt: Als Mitunterzeichner der United for Impact-Initiative begrüßen wir den Vorschlag der EU-Kommission zur Überarbeitung der SFDR natürlich sehr. Der Entwurf ist vielversprechend: Impact Investing könnte erstmals klar als eigenständige Praxis im EU-Recht anerkannt werden. Um Greenwashing zu reduzieren und die Informationsqualität für Investoren zu verbessern, gibt es einen ganzen Katalog struktureller Anpassungen. So muss künftig bei Finanzanlagen der Impact-Claim mit Fakten hinterlegt werden. Interessant ist auch, dass Verteidigung nicht grundsätzlich im Widerspruch zu Nachhaltigkeit stehen soll. Wie praktikabel die finalen Regelungen ausfallen, wird sich im weiteren Gesetzgebungsprozess zeigen.

VC Magazin: Welchen Stellenwert werden Impact und Nachhaltigkeit in diesem Jahr Ihrer Meinung nach haben, angesichts des Hypes um KI und Defence?

Lawaldt: Impact und Nachhaltigkeit sind strukturelle Megatrends, die nicht ohne Weiteres durch Hypes verdrängt werden können. Im Gegenteil: KI und technische Innovationen können zu Treibern für nachhaltige Geschäftsmodelle werden, so zum Beispiel bei datengetriebenen Gesundheitslösungen, effizienteren Energiesystemen oder skalierbaren Bildungsangeboten. Impact Investing bleibt ein zentrales Anlagefeld für langfristige Zukunftschancen: Gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen sind real und nachhaltige Lösungen bleiben auf Dauer gefragt. Zudem zeigt unsere Erfahrung der letzten 20 Jahre, dass Kapitalmärkte innovative und resiliente Geschäftsmodelle zunehmend wertschätzen, sofern sie echte wirtschaftliche und messbare Wirkungsfaktoren vereinen.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

Über die Interviewpartnerin:

Angela Lawaldt ist seit 2009 Impact-Investorin bei Bonventure und leitet als Managing Partner das Team. Ihr Fokus liegt auf Gesundheit, Bildung und digitalen Lösungen. Zuvor war sie Unternehmensberaterin, gründete Start-ups im Gesundheits- und Bildungsbereich und verantwortete bei Ashoka Deutschland die Auswahl von Social Entrepreneurs sowie das
Investorennetzwerk.