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Von Biotech über KI bis zu neuen Materialien – an Hochschulen und Forschungseinrichtungen entstehen regelmäßig neue Technologien mit riesigem Marktpotenzial. Das zeigen Beispiele wie Black Semiconductor, Quantum Systems oder SaxonQ. Doch der Weg vom Labor zum Kunden kann weit und steinig sein.
Zum Glück stehen Förderangebote, Netzwerke und Kapitalgeber bereit, um Gründerteams beim Technologietransfer zu unterstützen. „Forschung braucht Freiheit“, sagt Dr. Philipp Baaske, Vice President for Entrepreneurship der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, und das gelte auch für Ausgründungen. Die LMU helfe Gründern darum, den eigenen Weg zu finden und zügig voranzukommen. Dazu setzt Baaske auf die konsequente Umsetzung bestehender Konzepte wie den Aufbau eines unterstützenden Unternehmernetzwerks. Gründer sollten sich möglichst schnell von ihrer Universität und staatlicher Förderung lösen und sich im Wettbewerb mit anderen Unternehmen behaupten. „Letztendlich gewinnt nicht das Unternehmen mit der besten Technologie, sondern das, welches eine Technologie am besten umsetzt, vermarktet und verkauft“, so Baaske. An der LMU sieht er speziell im Bereich Deeptech große Chancen für Ausgründungen, etwa im Quantencomputing.
Rollenwechsel: Vom Forscher zum Unternehmer
„Erfolgreicher Technologietransfer ist kein Selbstläufer, sondern erfordert Mut zu unternehmerischer Verantwortung“, betont Dr. Rubina Zern-Breuer, Leiterin des Transfercenters Traces der Universität Stuttgart. Neben fachlicher Exzellenz seien dafür vor allem Resilienz und Vertrauen in die eigene Wirksamkeit entscheidend. „Wir fördern daher gezielt eine Kultur der frühen Validierung, damit aus Forschung echter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Nutzen wird“, so Zern-Breuer. Dafür arbeiten Traces, das Institut für Entrepreneurship und Innovationsforschung (ENI) und die Technologie-Transfer-Initiative (TTI) in einem integrierten Ökosystem eng verzahnt zusammen. Der Ansatz ist ganzheitlich: Während ENI und Traces die Gründungskultur fördern und Teams durch Coachings stärken, bietet die TTI den operativen Rahmen für den Markteintritt. „Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal ist dabei unsere Transfer- und Gründerunternehmung (TGU)“, ergänzt Dr. Eric Braun, Geschäftsführer der TTI. „Sie ermöglicht allen Gründungswilligen erste unternehmerische Schritte, ohne sofort ein eigenes Unternehmen gründen zu müssen – ideal, um erste Kundenprojekte zu realisieren.“ Für Braun ist dieser frühe Realitätscheck entscheidend: „Gründerteams müssen ihre Annahmen am Markt testen, bevor sie formale Strukturen aufbauen.“ Ebenso wichtig sei der niederschwellige Zugang zu Infrastruktur wie Laboren, Werkstätten und Investoren. Eine Hürde sehen beide Experten im Transformationsprozess: Während Zern-Breuer den mentalen „Rollenwechsel vom Forschenden zum Unternehmer beziehungsweise zur Unternehmerin“ als Herausforderung nennt, macht Braun den Erfolg am Perspektivwechsel fest: „Ein Projekt startet durch, wenn das Team nicht mehr nur über die Technologie spricht, sondern über den konkreten Mehrwert für Kunden und Gesellschaft.“
Erste Fördermittel über das Entrepreneurship-Center
Die Start2 Group ist eine der wichtigsten Wegbereiterinnen für Skalierung von Start-ups aus dem Technologietransfer in Deutschland. Über die Gateway Factory, eine der zehn Startup Factories, ist sie mit der RWTH Aachen, der Universität zu Köln und der HHU Düsseldorf verbunden, doch sie unterstützt Start-ups landeslandweit. „Während der Technologieentwicklung werden die Teams von den Entrepreneurship-Centern in ihren Universitäten gut betreut“, sagt CEO Matthias Notz, der zugleich als Professor der Technischen Hochschule Deggendorf mit diesen Themen befasst ist. Sie helfen insbesondere auch bei der Einwerbung erster Fördermittel, wie dem exist Gründerstipendium oder dem exist Forschungstransfer. „In dieser Phase stehen wir idealerweise schon in Kontakt mit den Entrepreneurship-Centern und helfen zum Beispiel bei der Teamzusammensetzung oder der Gestaltung des Businessplans“, so Notz. Darauf aufbauend bietet die Gateway Factory zwei zentrale Programme. Das Acceleration Programm richtet sich an Start-ups in der Frühphase. Es greift idealerweise parallel zur Gründung einer Kapitalgesellschaft und einer ersten Finanzierung, zum Beispiel durch Business Angels, Fördermittel oder Micro-Venture-Capitalisten. Das Ready2Scale-Programm wiederum zielt ab auf spätere Phasen und internationales Wachstum.
Erfolgsfaktoren
Der Erfolg akademischer Gründungen hängt für Notz wesentlich von drei Faktoren ab – einem komplementären Team, einem konsequenten Produktfokus und umfassender Investor Readiness. „Bei Deeptech-Gründungen fehlt es oft an Marketing-, Vertriebs- und Finanzkompetenz“, so Notz. Teams bildeten sich häufig innerhalb eines Lehrstuhls und brächten ähnliche Erfahrungen und Fähigkeiten mit. Es sei wichtig, crossfunktionale Teams zusammenzubringen, die alle nötigen Kernkompetenzen abdecken – zum Beispiel durch aktives Co-Founder-Matching. Viele Ausgründungen seien zudem technologiegetrieben, vernachlässigten aber die Kundenperspektive. „Eine faszinierende technische Lösung ist nicht zwangsläufig für Kunden attraktiv“, so Notz. Deshalb unterstützt die Start2 Group bei der Schärfung des Businessplans im Hinblick auf Marktrelevanz und wirtschaftliches Potenzial. Die dritte große Herausforderung ist die Vorbereitung auf den Sprung in die erste Kapitalrunde. „Fast alle Teams aus dem universitären Umfeld gründen zum ersten Mal, und das schafft ein Wissensgefälle gegenüber professionellen Investoren“, sagt Notz. Die Start2 Group bereitet Start-ups darum intensiv auf die Erwartungen von Kapitalgebern und die ersten Investorengespräche vor.
Bedingungen für IP-Transfer deutlich verbessert
Beim IP-Transfer wurden in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. „Die Gründenden wissen, welche Konditionen akzeptabel sind und wo in späteren Finanzierungsrunden Probleme auftreten können“, so Notz. Auch die Hochschulen haben dazugelernt und unterstützen die Gründenden deutlich stärker. In den USA oder Großbritannien erhielten Hochschulen teils 10% bis 20% der Unternehmensanteile und hohe Meilensteinzahlungen, in Deutschland dagegen seien die Bedingungen meist deutlich gründerfreundlicher. „Das größte Problem ist aktuell, dass die Transferprozesse zu lange dauern und Konditionen über längere Zeiträume nicht klar sind“, so Notz. Das führe zu Unsicherheit bei Gründern und belaste oft parallel laufende Verhandlungen mit Venture Capital-Investoren. Ein möglicher Lösungsansatz seien Standardkorridore für Transferkonditionen, die im Einzelfall angepasst werden können. „Zudem wäre es eine Möglichkeit, dass Hochschulen auf Einmalzahlungen und Eigenkapital verzichten und stattdessen virtuelle Anteile über eine separate Tochtergesellschaft halten“, so Notz. So könnten sie administrativen Aufwand senken, aber gleichzeitig im Erfolgsfall gemeinsam mit den Gründern und Investoren profitieren. Konkrete Vorschläge dazu hat die Technische Universität Darmstadt bereits 2022 öffentlich geteilt, und auch die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND hat gemeinsam mit Partnerorganisationen Ideen veröffentlicht.
Beispiel Biotech: Märkte mit besonderen Anforderungen
Je nach Markt unterscheiden sich auch die Herangehensweisen an Ausgründungen. „Der Healthcare-Bereich hat hier eine klare Sonderstellung“, sagt Dr. Ingo Schroeter, Co-Leiter von GeneNovate, dem ersten deutschlandweiten Entrepreneurship-Programm für Biotech mit Schwerpunkt auf Gen- und Zelltherapien. Das komplexe medizinische Ökosystem erfordere differenzierte Ansätze. Gleichzeitig befinde sich die Pharmabranche im Umbruch. Präzisionsmedizin macht Therapien wirksamer, aber auch kleinteiliger und teurer. „Je zielgerichteter wir therapieren, desto mehr müssen wir in R&D investieren, und desto kleiner werden die Patientenkohorten“, so Schroeter. Die alten Geschäftsmodelle, basierend auf umsatzstarken Blockbuster-Medikamenten für den Massenmarkt, geraten zunehmend unter Druck und werden in Zukunft nicht mehr funktionieren. Gleichzeitig entstehen neue Kooperationsmöglichkeiten zwischen Start-ups und etablierten Biopharma-Unternehmen. GeneNovate vermittelt Wissenschaftlern und Ärzten die Skills, um die Ergebnisse der medizinischen Grundlagenforschung erfolgreich in den Markt zu bringen. „Wir können Forschenden einfacher das Business beibringen als einem MBA-Studierenden die molekulare Biologie“, erläutert Dr. Elke Luger, Leiterin des Nationalen Netzwerkbüros für
Gen- und Zelltherapien und Co-Leiterin des Programms. „Dazu betten wir die jungen Gründenden in ein Netzwerk aus Mentoren und Experten ein.“ Das Programm vereint derzeit fast 200 aktive Teilnehmer aus über 50 Institutionen und 100 eingebundene Experten. Es verbindet zudem die deutschen Pharma- und Biotech-Zentren und überwindet so die lokalen Grenzen. Die Finanzierung ist noch öffentlich, ein Partnerkonzept befindet sich im Aufbau.
Geschäftsmodelle im Ökosystem denken
GeneNovate sensibilisiert zudem für typische Fehler in der Forschung – etwa beim Umgang mit IP, die im Medizinbereich noch kritischer ist als in anderen Branchen, so Schroeter: „Es ist verständlich, dass Forschende einen Durchbruch sofort in Journals oder Konferenzpostern veröffentlichen oder in sozialen Netzwerken teilen möchten. Erfolgt dies aber vor der Patentanmeldung, kann das die wirtschaftliche Verwertung jahrelanger Forschungsarbeit zunichtemachen.“ Zudem müsse man sicherstellen, dass die Geschäftsmodelle auch im medizinischen Ökosystem funktionieren. „Gen- und Zelltherapien erfordern fast immer Kooperationen mit mehreren Stakeholdern und werden oft im Verbund mit großen Playern aus der Branche umgesetzt“, so Luger. Im Gegensatz zu anderen Branchen sollten sich Gründende im Bereich von Gen- und Zelltherapien daher nicht zu früh auf nur einen Weg fokussieren, sondern für alternative Umsetzungsmöglichkeiten offenbleiben.
Appell für Unternehmergeist und Mut
„Wir haben und wissen alles, was es für die Weltspitze braucht“, so Baaske, „doch wir müssen es auch umsetzen.“ Er wirbt für mehr Unternehmergeist und den Mut, Neues zu erschaffen. Es gelte, groß und europäisch zu denken und sich dabei von den weltweit Besten inspirieren zu lassen. „Seit Jahrzehnten reden wir darüber, Regulation und Bürokratie abzubauen – jetzt müssen wir es endlich tun, auch gegen Widerstände.“ Zudem brauche Europa einen einheitlichen Finanzmarkt und einen gesamteuropäischen Börsenplatz auf Augenhöhe mit New York. „Wenn wir das schaffen, können sich unsere Unternehmen endlich auch hier ausreichend finanzieren, um zu globalen Champions heranzuwachsen.“




