
Der Freistaat Sachsen ist Heimat zahlreicher Hidden Champions. Bezogen auf sein Innovationsökosystem ist er in gewisser Weise selbst einer: Da entsteht eine Vielfalt relevanter Deeptech-Neuheiten, die öffentlich noch zu oft auf Halbleiter reduziert wird. Diese Wahrnehmung zu erweitern, dadurch die Gründungsdynamik zu stärken und mehr private Investoren für den Standort zu gewinnen, ist das erklärte Ziel der zentralen Akteure.
Der Standort überzeugt mit führenden Universitäten den Innovations- und Forschungsinfrastruktur, einer hohen Verfügbarkeit hoch qualifizierter Fachkräfte sowie einem starken Talent-Pool, zu dem auch eine stetig wachsende Zahl internationaler Studierender gehört. All dies schafft ein dynamisches Umfeld für innovative Wachstumsunternehmen“, bringt der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter die Vorzüge des Ökosystems auf den Punkt. Nach einer Analyse des Startup-Verbands wuchs die Zahl der Start-up-Neugründungen in Sachsen im Jahr 2025 um starke 56%. „Der Freistaat gehört damit zu den am schnellsten wachsenden Gründungsstandorten in Deutschland. In Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Mikroelektronik, Internet der Dinge, Robotik, Quantencomputing, Optoelektronik, nachhaltigen Innovationen und Healthtech entwickeln sächsische Forscher und Start-ups bahnbrechend Neues mit starkem Skalierungspotenzial“, ergänzt Panter. Der Blick auf die aktuell für den Sächsischen Gründerpreis 2026 Nominierten macht die Vielfalt des Ökosystems konkret: Leaftronics (Kategorie Newcomer) arbeitet an recyclebaren Leiterplatten auf Basis von Blattstrukturen, die sich kontrolliert auflösen und Bauteile sowie Metalle zurückgewinnen lassen. Altavo (Kategorie Start-up) gibt stimmlosen Menschen durch eine KI-basierte künstliche Stimme wieder eine persönliche, natürlich klingende Kommunikationsmöglichkeit. Bio SAW (Kategorie Scale-up) entwickelt eine Oberflächenwellen-Sensorplattform für quantitative Echtzeitdiagnostik in Kardiologie und Neurologie.
Vernetzung schafft Möglichkeiten
Innovationen wie diese – national und international – sichtbar zu machen und mit Investoren zu verbinden, ist die zentrale Aufgabe der Vernetzungsplattform futureSax. „In Sachsen profitieren Gründende von einer breit aufgestellten Förderlandschaft, die sie von der Idee bis zur Validierung gezielt unterstützt“, berichtet deren Geschäftsführerin Susanne Stump. „Die marktgetriebene Finanzierung ist dagegen noch herausfordernd. Umso entscheidender ist der Schulterschluss im Ökosystem – von Hochschulen über Unternehmen bis zu den über 800 Kapitalgebenden, die bereits in unserem Netzwerk aktiv sind.“ Ihren Angaben zufolge fanden im Freistaat im vergangenen Jahr insgesamt 36 Finanzierungsrunden, drei Exits und zwei Unternehmensübernahmen mit einem Gesamtvolumen von 323 Mio. EUR statt. Davon entfielen rund 180 Mio. EUR auf sächsische Start-ups, überwiegend im Rahmen von Folgefinanzierungen. „Ob die Staatspreise für Gründen, Transfer und Innovation oder die Sächsische Innovationskonferenz – futureSax schafft die Bühne und die Verbindungen, damit aus Ideen schneller Produkte, Partnerschaften und Gründungen werden. Besonders freuen wir uns auf die Ausrichtung des European Business Angel Network (EBAN)-Kongresses in Leipzig vom 31. Mai bis 2. Juni 2027“, so Stump. „Nach 20 Jahren kehrt die Veranstaltung erstmals nach Deutschland zurück – eine Chance für sächsische Start-ups und zugleich eine Anerkennung der positiven Entwicklung des regionalen Innovationsökosystems.“
Unternehmertum lohnt sich
Eng ist die Zusammenarbeit mit dem TGFS Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS), der 2008 als Initiative des Freistaats Sachsen und regionaler Kreditinstitute auf den Weg gebracht wurde. Seither hat er – mittlerweile in der dritten Generation – über 240 Mio. EUR in mehr als 100 in der Region ansässige Deeptech-Unternehmen investiert. Dank seiner breit aufgestellten Investorenbasis aus öffentlichen und privaten Akteuren wie dem Freistaat Sachsen, den sächsischen Sparkassen, der Sächsischen Aufbaubank (SAB) und der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG) Sachsen gilt der Fonds heute vor Ort als zentraler Frühphaseninvestor. Zu seinen jüngsten Neuzugängen zählen Clara IT, die sich 1,5 Mio. EUR zur Skalierung einer Software-Plattform für digitale Gremienarbeit und HR-Prozesse sichern konnte, sowie SaxonQ, die einen siebenstelligen Betrag zur Weiterentwicklung mobiler Quantencomputer auf Basis von Diamantchips erhielt. „Sachsen ist auf dem richtigen Weg: Unternehmertum etabliert sich zunehmend als gleichwertige Option zur Forschungskarriere“, erklärt Sören Schuster, Geschäftsführer des TGFS. Lange war es für technologische Talente rational, im bewährten System zu bleiben: Forschungseinrichtungen und Technische Universitäten boten attraktive Bedingungen, während Gründungen mit Risiko und Rechtfertigungsdruck verbunden waren. So wurde Sicherheit strukturell belohnt, Unternehmertum blieb die Ausnahme. „Weithin verstanden ist heute, dass Gründende gerade in Phasen wirtschaftlicher und technologischer Umbrüche Wachstum, Beschäftigung und die Weiterentwicklung des Standorts vorantreiben. Sie überführen Innovationen in marktfähige Lösungen und erschließen neue Zukunftsmärkte“, so Schuster weiter. „Um mehr Talente für diesen Weg zu motivieren, muss sichtbar werden, dass Innovation in Sachsen auch marktwirtschaftlich trägt: Wo Technologie auf Unternehmertum trifft, entstehen erfolgreiche Geschäftsmodelle – wie die Beispiele Lecturio und watttron zeigen.“
Überzeugende Geschäftsmodelle finden Finanzierung
Gemäß dieser Logik engagiert sich auch die Sächsische Beteiligungsgesellschaft (SBG) im Innovationsökosystem. „Als Teil der SAB und damit des Freistaats Sachsen unterstützen wir die hiesige Wirtschaft mit Beteiligungskapital. Konkret finanzieren wir mit Eigenkapital und mezzaninen Produkten Gründungen, Innovationen, Wachstum und Transformation zur Schaffung von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung“, berichtet der Geschäftsführer Frank Tappert. Seit der Gründung im Jahr 1997 wurden über 216 Mio. EUR an insgesamt rund 480 Unternehmen ausgereicht. Jüngster Zuwachs im Portfolio ist die Coback GmbH. Das Dresdner Start-up hat eine innovative KI-Compliance-Plattform aufgesetzt, die Unternehmen dabei unterstützt, regulatorische Anforderungen wie die Corporate Sustainability Reporting Directive der EU effizient und revisionssicher umzusetzen. Ein weiterer Neuzugang ist die Amcopia GmbH aus Chemnitz, die eine Steuerungssoftware für Energiespeicher entwickelt hat. Seit Mai 2025 mobilisiert die SBG zusammen mit der SAB und der KfW aus dem Zukunftsfonds zudem privates Kapital für sächsische Scale-ups unter dem Programmtitel „Innovationskapital Sachsen RegioInnoGrowth (RIG)“. Tappert: „Gemeinsam mit den Partnern können so bis Mitte 2027 bis zu 125 Mio. EUR investiert werden.“ Sein Fazit: „Für gute Ideen besteht in Sachsen stets die Möglichkeit einer Finanzierung.“
Start-ups können von Industrieerfahrung profitieren
Als privater Akteur mit öffentlicher Unterstützung investierte die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Sachsen mbH (MBG Sachsen) im Jahr 2025 insgesamt 16,7 Mio. EUR in 88 stille und direkte Beteiligungen an regional ansässigen und tätigen Unternehmen. Davon wurden 28 Investments im Rahmen von TGFS Basic realisiert. Seit dem Start des „Saxony Angel Venture Fund“ (SAVF) im Frühjahr 2024 unterstützt die MBG außerdem wachstumsorientierte Start-ups aus dem Freistaat mit Mezzaninkapital. Bis zum Jahresende 2025 wurden so insgesamt 16 Unternehmen finanziert – im Co-Investment mit Business Angels, Family Offices oder Risikokapitalgebern. Geschäftsführer Markus H. Michalow betrachtet das Ökosystem mit der Erfahrung und Expertise seines Schaffens in Sachsen seit 1990: „Der Freistaat hat in den vergangenen Jahren klare technologiepolitische Prioritäten gesetzt und gezielt in Schlüsseltechnologien investiert. Heute ist man breit aufgestellt und verfügt über eine besondere Stärke darin, klassische Industrie – etwa im Automobil- oder Maschinenbausektor – mit Zukunftstechnologien in den Bereichen Halbleiter, KI, Energie und Biotech zu verknüpfen. Genau diese Kombination macht das Innovationsökosystem so leistungsfähig.“ Öffentliche Mittel aus europäischen und nationalen Programmen haben maßgeblich zur Stabilität und Dynamik beigetragen. Michalow ergänzt: „Jetzt gilt es, das System gezielt weiterzuentwickeln, marktwirtschaftliche Impulse zu verstärken und die Mobilisierung privaten Kapitals zu fördern. Dafür arbeiten wir am Standort eng zusammen.“


