
Bildnachweis: Startup-Verband/Marvel Fusion; Bayerischer Industrie- und Handelskammertag .
Der erste bayerische „Startup und Scaleup Monitor“ von Startup-Verband und Bayerischem Industrie- und Handelskammertag (BIHK) belegt Bayerns führende Rolle bei Neugründungen und Start-up-Aktivität. Im Gespräch erläutern Verbandsvorständin und Marvel Fusion-COO Heike Freund sowie BIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Manfred Gößl, wie sie die Dynamik einordnen und warum ihr Augenmerk der Scale-up-Phase gilt.
VC Magazin: Die bayerischen Gründungszahlen präsentieren sich aktuell stärker denn je – trotz geopolitischer Unsicherheiten, gesamtwirtschaftlicher Stagnation und hohen Transformationsdrucks. Was begründet diese positive Entwicklung?
Gößl: Der Erfolg Bayerns bei den Gründungszahlen ist kein Zufall. Wir haben über Jahre – nach dem Vorbild internationaler Innovationsökosysteme – Strukturen aufgebaut, die Unternehmertum fördern. Eine entscheidende Rolle spielen dabei unsere Hochschulen, allen voran die Technische Universität München als Vorreiter mit herausragender Gründungsdynamik. Aber auch die anderen Hochschulen sind inzwischen Treiber von Start-ups. Die Botschaft an in Bayern Studierende lautet: Probiert es einfach aus – die Kosten des Scheiterns sind gering, der Erkenntniszuwachs als kleinste Wertschöpfungseinheit ist dagegen erheblich. Die klassische Angst vor dem Misserfolg verliert damit an Bedeutung. Unterstützt wird dieser Weg durch ein starkes Netzwerk aus kompetenten Ansprechpartnern, praxisnahen Förderangeboten und inspirierenden Vorbildern. Dann braucht es „nur“ noch eines: den Mut, die eigene Idee umzusetzen.
Freund: Natürlich können ambitionierte Vorhaben scheitern, aber eine moderne Innovationskultur sollte nicht fragen, ob jemand gescheitert ist, sondern, was daraus gelernt wurde – und wie dieses Wissen den nächsten Versuch besser macht. Wenn Deutschland diesen Perspektivwechsel konsequent vollzieht, wird aus Vorsicht wieder unternehmerische Kraft. Gelungen ist es dagegen bereits, Gründung und Unternehmertum der jungen Generation als lohnenden Karrierepfad sichtbar zu machen. Im Gespräch mit den besten Studierenden eines Jahrgangs zeigt sich in Bayern heute ein klares Bild: Viele wollen ein eigenes Unternehmen aufbauen oder bewusst in wachstumsstarke Start-ups einsteigen, um unternehmerisches Know-how aus erster Hand zu erwerben. Aktuelle geopolitische und wirtschaftliche Herausforderungen wirken dabei nicht zwangsläufig abschreckend. Im Sinne von „Never waste a good crisis“ führen sie im Gegenteil dazu, dass die Opportunitätskosten sinken, sich Trends beschleunigen und neue Chancen öffnen – bester Nährboden also für die erfolgreichen Unternehmen von morgen.
VC Magazin: Welche Bedeutung hat der Bereich Defencetech für die Start-up-Szene in Bayern?
Gößl: Europa – und damit auch Deutschland – war in der Vergangenheit sicherheitspolitisch und industriell in diesem Bereich unterinvestiert. Der aktuelle Boom ist daher eine notwendige Korrektur. Für Bayern bedeutet das: Die gestiegene Nachfrage nach sicherheitsrelevanter Hightech-Produktion festigt bestehende industrielle Kompetenzen und bindet mehr Wertschöpfung in der Region. Gleichzeitig entsteht ein neuer Flächenbedarf, da viele Defence-Unternehmen ihre Entwicklung und Produktion zunehmend ins Umland verlagern. Insgesamt stärkt das aktuell boomende Marktsegment somit das bayerische Innovations- und Industrieökosystem – sowohl durch zusätzliche Investitionen als auch durch neue industrielle Clusterbildung außerhalb der Städte.
VC Magazin: Wie bewerten Sie die aktuelle Gründungsdynamik?
Gößl: Die steigenden Start-up-Zahlen in Bayern sind ein wichtiges Signal, gerade in Zeiten immer neuer Krisenmeldungen. Gleichzeitig ist es unser Anspruch, diese Dynamik langfristig zu verfestigen, um den strukturellen Wandel in der Industrie langfristig abzufedern. Gerade im Raum München sehen wir hierfür Potenzial, da viele Gründungen im Deeptech-Bereich stattfinden, wo neue, gut bezahlte Stellen für hoch qualifizierte Ingenieure und Naturwissenschaftler entstehen. Für eine relevante Skalierung brauchen wir aber wettbewerbsfähige Finanzierungsstrukturen, wie sie in angelsächsischen und skandinavischen Ländern seit vielen Jahren Standard sind.
Freund: Letztlich zählt nicht die absolute Zahl der Start-ups, sondern die Zahl derer, die zu global wettbewerbsfähigen Unternehmen heranwachsen und somit Arbeitskräfte in großem Stil aufnehmen können. Das ist aber im Deeptech-Bereich besonders anspruchsvoll, weil es häufig sehr großer Finanzierungsrunden bedarf – oft von über 100 Mio. EUR –, noch bevor Geschäftsmodelle vollständig validiert sind. In genau dieser Phase fehlen in Europa noch immer ausreichend große Venture Capital-Fonds. Zur Orientierung: SAP als das jüngste Unternehmen unter den Top Ten in Deutschland ist bereits fast 50 Jahre alt. In den USA hingegen sind mit Nvidia und Tesla einige der wertvollsten Unternehmen deutlich später entstanden – parallel zum Aufbau moderner Venture Capital-Ökosysteme. Das ist ein starker Beleg dafür, wie schnell neue Technologie firmen in einem passenden Finanzierungs- und Innovationsumfeld zu globalen Marktführern aufsteigen können. Hier müssen wir in Deutschland endlich schnellere und größere Schritte machen.
VC Magazin: Können Sie das konkretisieren?
Freund: Das Problem ist weniger ein Mangel an Kapital als dessen unzureichende Mobilisierung für Zukunftsinvestitionen. In Deutschland dominiert ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken – Kapital verbleibt noch immer zu häufig in niedrig verzinsten, wenig produktiven Anlagen, anstatt in wachstums- und innovationsgetriebene Bereiche zu fließen. Mit der WIN-Initiative wurde – von der Vorgängerregierung angestoßen und von der aktuellen Regierung aufgegriffen – ein wichtiger Rahmen gesetzt. Entscheidend ist nun die konsequente Umsetzung. Gleiches gilt für die im Koalitionsvertrag vorgesehenen zusätzlichen 25 Mrd. EUR, deren konkrete Marktwirkung bislang begrenzt ist. Von zentraler Bedeutung ist aber nicht nur die Bereitstellung staatlichen Geldes, sondern auch die systematische Öffnung großer, langfristiger Kapitaltöpfe über einen klaren Risikostreuungsansatz.
Gößl: Bereits 1979 hat der „Employee Retirement Income Security Act“ in den USA die Investitionsmöglichkeiten von Pensionsfonds deutlich erweitert und damit einen strukturellen Kapitalzufluss in Venture Capital ausgelöst. Übertragen auf Deutschland ergäbe sich ein potenzielles Volumen im Bereich von über 180 Mrd. EUR – ein Maßstab, der die Diskussion über einzelne Programme wie WIN relativiert. Entscheidend ist nun die politische Bereitschaft, institutionelles Kapital in größerem Umfang für die Wagnisfinanzierung zu erschließen. Dazu gehört auch, die Altersvorsorge strukturell neu aufzustellen. Die umlagefinanzierte Rente funktioniert als alleiniger Baustein nicht. Ergänzend braucht es eine breite, kapitalgedeckte Vorsorge – etwa über standardisierte Deutschlandfonds, die große Kapitalvolumina mobilisieren. Wenn es gelingt, im Sinne eines risikominimierenden Diversifikationsansatzes auch nur einen kleinen Teil davon in Wachstumsfinanzierungen wie Venture Capital zu lenken, vergrößern sich unsere Chancen erheblich, in Deutschland neue, global erfolgreiche Tech-Champions zu entwickeln. Entscheidend ist: Nach Jahren des Rückstands reicht inkrementelle Anpassung nicht mehr – erforderlich ist ein echter Systemsprung.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.
Über die Interviewpartner:
Heike Freund ist Vorstandsmitglied des Startup-Verbands und COO von Marvel Fusion.
Dr. Manfred Gößl ist Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK).



