Cleantech als Lösung

Europas Rohstoffabhängigkeit

David Wortmann, DWR eco
David Wortmann, DWR eco

Bildnachweis: DWR eco.

Die Blockade der Straße von Hormus infolge des Irankriegs hat bestätigt, was Energieexperten seit Jahren betonen: Europas Rohstoffversorgung ist strukturell verwundbar. Steigende Öl- und Gaspreise, akuter Kerosinmangel sowie drohende Düngemittelengpässe lösen eine Preiskaskade aus, die Industrie und Haushalte gleichermaßen trifft. Cleantech-Start-ups arbeiten daran, Lösungen zu skalieren, die diese Abhängigkeiten reduzieren.

Die Straße von Hormus gehört zu den strategisch bedeutsamsten Meerengen der Welt. Bis zur Blockade passierten täglich rund 20% des global gehandelten Öls und LNG diesen Korridor; ein Volumen, das nun auf dem Weltmarkt fehlt. Die strukturelle Antwort auf Europas Öl- und Gasabhängigkeit ist die Elektrifizierung mit erneuerbarem Strom für Industrie, Wärme und Mobilität. Die Technologie hat hier in den letzten Jahren signifikante Fortschritte gemacht und ist inmitten der Skalierung. Erneuerbare Energie macht weltweit 92,5% des Stromzubaus aus, Kosten für Batterien haben sich seit 2010 um 90% reduziert, Wärmepumpen werden in über 70% der Neubauten in Deutschland verwendet, und der Absatzmarkt für Elektrofahrzeuge in der EU hat sich seit 2019 verzehnfacht. Wie breit das Feld der Start-ups ist, die zu dieser Transformation beitragen, zeigt ein Blick auf die Portfolios spezialisierter Venture Capitalisten wie Vireo Ventures, PT1 oder Planet A.

Kerosin: Der blinde Fleck der Energiewende

Die Luftfahrt ist durch die Blockade besonders betroffen. Ein Großteil der Raffineriekapazitäten liegt im Nahen Osten und Asien. Mehrere europäische Fluggesellschaften haben bereits Treibstoffkontingente eingeführt, Kerosinpreise haben sich binnen Wochen nahezu verdoppelt. Sustainable Aviation Fuels (SAFs) gelten als zentrale Alternative. HIF Global zählt zu den Vorreitern bei E-Fuels, Neste bei Biokerosin aus Abfall- und Reststoffen. Noch decken SAFs keinen relevanten Anteil des globalen Kerosinbedarfs, die Krise verleiht ihrer Skalierung jedoch einen bisher nicht dagewesenen politischen Investitionsdruck.

Düngemittel: Verzögerte Folgen

Rund 30% der globalen Düngemittel wurden durch die Straße von Hormus exportiert. Hinzu kommt: Die Produktion vieler Düngemittel, insbesondere von Stickstoffdünger, ist erdgasintensiv und damit zusätzlich anfällig für die aktuellen Engpässe. Erste Preissteigerungen treffen Landwirte bereits, vollständig sichtbar werden die Folgen auf Lebensmittelpreise jedoch erst bei künftigen Ernten. Das schwedische NitroCapt entwickelt fossilfreien Stickstoffdünger. Einen anderen Ansatz verfolgt die finnische NPHarvest mit der Rückgewinnung von Düngernährstoffen aus dem Abwasser.

Chinaabhängigkeit: Resilienz durch Urban Mining

Durch die Hormus-Krise gewinnt auch eine andere strukturelle Herausforderung an Bedeutung. Europas Energiewende ist abhängig von China, sowohl beim Import von günstigen Batterien und Solarmodulen als auch bei seltenen Erden, die für den Aufbau eigener Produktionen notwendig sind. Urban Mining kann hier einen entscheidenden Beitrag zur Ressourcensicherheit leisten; mit neuesten Recycling-Verfahren werden über 80% der kritischen Rohstoffe wiedergewonnen. Das Münchner Start-up tozero hat 2026 eine Anlage zur Rückgewinnung von Lithium, Grafit und Nickel-Kobalt aus Altbatterien eröffnet; das Aachener Cylib verfolgt einen ähnlichen Ansatz.

Fazit

Für die kritischen Bereiche der Energieversorgung gibt es Lösungen – Reifegrad und Skalierung sind jedoch an sehr unterschiedlichen Punkten. Derartig große Versorgungslücken lassen sich nicht spontan füllen. Die Krise verleiht Cleantech-Alternativen jedoch eine akute politische und wirtschaftliche Dringlichkeit, die leider für viele greifbarer ist als die Folgen des Klimawandels.

 

Über den Autor: 

David Wortmann ist Gründer und CEO der Strategie-, Kommunikations- und Politikberatung DWR eco und Host des Podcasts „Deep Dive CleanTech“.