Wie wollen KI-Agenten geführt werden?

Orchestrierung von Mensch und KI

Dr. Carsten Behrens, Ariadne GmbH
Dr. Carsten Behrens, Ariadne GmbH

Bildnachweis: Ariadne GmbH.

Das agentische Zeitalter verändert Arbeit und Management so schnell und so stark wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Doch Obacht bei dem Versuch, alles auf die Automatisierungskarte zu setzen. Ohne menschliche Mitwirkung erreicht selbst der leistungsfähigste KI-Agent wenig – zumindest in der mittelständisch geprägten Unternehmenslandschaft, die den Kern der deutschen Wirtschaft ausmacht.

Der Grund: KI braucht spezifisches Wissen über den einzelnen Betrieb. Sie muss verstehen, wie Abläufe funktionieren, welche Ausnahmen es gibt und warum Entscheidungen wie getroffen werden. Dieses Wissen ist selten dokumentiert; es steckt in den Köpfen erfahrener Menschen. Wird dieses Wissen erschlossen – ob durch KI oder Menschen – entsteht ein KI-agnostischer Kontextlayer – das wohl wichtigste Asset von Unternehmen in den kommenden Jahren.

Das Prinzip der interaktiven Managementsysteme

Wer KI-Agenten sinnvoll einsetzen will, muss also zuerst die Frage beantworten: Wie schaffen wir den richtigen Kontext, damit KI-Agenten gemeinsam mit den Menschen skalierbare Wirkkraft entfalten? Eine Antwort liefert ein Konzept, das lange vor der KI-Ära entwickelt wurde: das Prinzip interaktiver Managementsysteme, das 2006 an der RWTH Aachen als Symbiose aus Business Process Management und Wissensmanagement entstand. Der Kerngedanke: Das Wissen einer Organisation wird nicht von oben verordnet, sondern kollaborativ zusammengetragen und weiterentwickelt. Dabei handelt es sich nicht um Basisdemokratie – alle Veränderungen unterliegen der Freigabe der Prozessverantwortlichen. Das Ergebnis ist eine partizipative, prozessorientierte Unternehmensführung mit hoher Akzeptanz und Identifikation der Mitarbeitenden. Was damals für Menschen konzipiert wurde, lässt sich direkt auf KI-Agenten übertragen: Sie benötigen denselben kollaborativ erarbeiteten Kontext, um verlässlich, compliant und im Sinne des Unternehmens zu handeln.

Wissen automatisiert erschließen

Wie entsteht nun ein gut kuratierter Kontext-Layer in der Praxis? Die expliziten und impliziten Spielregeln eines Unternehmens, die Menschen durch ihre Erfahrung erschaffen haben, kann KI weitgehend automatisiert identifizieren und systematisch erfassen – durch Speech Mining, aber auch durch Process- und Task Mining. Der dadurch entstandene Kontext kann mithilfe eines Agenten kontinuierlich auf Konformität mit Normen und Gesetzen geprüft werden; Handlungsempfehlungen werden automatisiert zurückgekoppelt. Das Ergebnis ist ein digitaler Zwilling der Organisation: verlässlich, compliant, prozessorientiert und kontextreich. Auf dieser Basis können KI-Agenten ganze Prozesse autark ausführen und ihre Erkenntnisse zurückkoppeln, sodass nicht nur Menschen Prozesse mit Wissen anreichern, sondern auch die KI. Da beide in natürlicher Sprache kommunizieren, gelingt die Orchestrierung sehr niederschwellig.

Betriebssystem der Organisation

Dieser Ansatz birgt ein Potenzial, das weit über die Prozessautomatisierung von durch Menschen umgesetzten Prozessen hinausgeht. Agenten mit einem so kuratierten Kontext-Layer sind in der Lage, nicht nur Automatisierungslücken agentisch zu schließen, sondern sogar einen Großteil der klassischen Workflow-Systeme – ERP, CRM, PLM – durch agentische Workflows zu substituieren. Denn lag der Wert dieser Systeme bisher in der mitgelieferten Intelligenz ihrer Workflows, entsteht diese nun durch einen kollaborativ human-agentisch gestalteten Kontext-Layer. Das Ergebnis sind deutlich individuellere und effektivere Prozessketten bei gleichzeitig hohem Automatisierungsgrad. In progressiven Unternehmen sind die ersten Anzeichen dieser Substitutionswelle bereits spürbar.

 

Über den Autor:

Dr. Carsten Behrens ist Experte und Speaker für agentische Managementsysteme. 2009 gründete er mit dem Software- und Beratungsunternehmen Modell Aachen GmbH einen der führenden Anbieter für interaktive Managementsysteme. Seit 2026 ist er Geschäftsführer der Ariadne GmbH, die interaktive Managementsysteme für das KI-Zeitalter entwickelt.