Rendite bei Raumtemperatur

Wie SaxonQ den Weg zum kommerziellen Quantencomputing abkürzt

SaxonQ Team
SaxonQ Team

Bildnachweis: SaxonQ, TGFS.

Quantencomputing gilt bei Investoren oft als kapitalintensive Wette auf eine ferne Zukunft. Das Leipziger Start-up SaxonQ tritt an, mit diesem Dogma zu brechen. Durch eine bei Raumtemperatur funktionierende Hardware-Architektur gepaart mit einer direkt anwendbaren Software-Schicht soll die Technologie schon heute wirtschaftlich nutzbar werden.

Die klassischen Superrechner stoßen an ihre Grenzen. Ob in der Logistik, bei komplexen Finanzrisikoanalysen, in der Materialsimulation oder – noch wichtiger – in der KI, der
Gesundheitsdiagnostik und der Medikamentenforschung: Die Compute-Kosten und energetischen Limits explodieren. Allein die KI-Industrie wird bis 2030 voraussichtlich 5% bis 7% der heutigen Energieerzeugung benötigen. Wenn Quantencomputing den Energiebedarf auch nur um eine Größenordnung senken kann, ist das ein massives Alleinstellungsmerkmal. Doch bisherige Quantenrechner erfordern fehleranfällige Kühlanlagen nahe dem absoluten Nullpunkt, Vakuumtechnik und elektromagnetische Abschirmung. SaxonQ wählt hier nun einen völlig anderen Ansatz.

Traction vor Skalierung

Paul Michalke, TGFS
Paul Michalke, TGFS

Anstatt auf den ultimativen Quantenchip zu warten, will SaxonQ über einen „Quantum-ready Software Layer“ schon jetzt kommerziellen Nutzen in bestehende HPC- und Cloud-Stacks bringen. Paul Michalke, Investmentmanager beim TGFS Technologiegründerfonds Sachsen, begleitet SaxonQ. Er macht deutlich, worauf es dem Fonds ankam: „Für unsere Investmenthypothese war am Ende nicht die Vision entscheidend, sondern ob sich heute schon echtes Geschäft abzeichnet.“ Der TGFS pochte auf harte Fakten: „Wir haben sehr klar auf kommerzielle Metriken geschaut: Gibt es zahlende Kunden? Werden Projekte wirklich umgesetzt?“ SaxonQ konnte hier Belege liefern: Erste Umsätze und validierte Use Cases bei Partnern wie dem DLR oder dem Fraunhofer IWU gaben laut TGFS den Ausschlag. Der Software-Layer wirke als Türöffner, der sich nahtlos integrieren lasse. „Dadurch entsteht früh eine gewisse Planbarkeit im Business“, betont der Investor. „Kunden sind heute schon bereit, dafür zu zahlen und damit zu arbeiten“, resümiert Michalke.

Quantenpower für die Hosentasche

Dr Frank Schlichting, SaxonQ
Dr Frank Schlichting, SaxonQ

Den technologischen Schutzwall bilden die über 100 Patente rund um die Hardware. Das sächsische Team nutzt sogenannte Stickstoff-Fehlstellen-Zentren (NV-Zentren) in Diamanten. Das technologische Ergebnis: Die SaxonQ-Rechner funktionieren laut Unternehmen bei Raumtemperatur und völlig ohne Vakuumtechnik. Hauptgeschäftsmodell ist dabei die Technologie- und Produktionslizenzierung an Halbleiterhersteller oder Anlagenbauer – ähnlich dem Erfolgsmodell des Chipdesigners ARM. Für Co-CEO Dr. Frank Schlichting ist der Verzicht auf tonnenschwere Kühlinfrastruktur ein historischer Wettbewerbsvorteil. Das ermögliche portables Edge und Embedded Quantum Computing. Beim autonomen Fahren müssen etwa riesige Datenmengen extrem energieeffizient in Echtzeit ausgewertet werden. „Sie können eben keine Vakuumpumpe oder Heliumflaschen im Kofferraum mit sich führen“, bringt Schlichting das Problem der Wettbewerber auf den Punkt. Auch bei der Routenoptimierung für Containerschiffe sollen die mobilen Rechner künftig direkt an Bord arbeiten. Zudem bilden diese Systeme dem Unternehmen zufolge die Basis für abhörsichere Kommunikation und helfen, kritische Infrastrukturen wie Energienetze durch lokale Auswertungen resilienter gegen digitale Eingriffe von außen zu machen.

Skalierung oder Abwanderung: Ein Weckruf

Ausgehend von portablen Systemen soll die Technologie zur skalierbaren „Quantum GPU“

SaxonQ
SaxonQ

weiterentwickelt werden. „Wir sind heute bereits in der Lage, einen mobilen, CE-zertifizierten Quantencomputer in Produktreife zu liefern. Jetzt geht es an die Umsetzung“, so Schlichting. Doch Hardware-Skalierung kostet Kapital. Schlichting warnt vor der Trägheit des europäischen Venture Capital-Ökosystems: „Was jetzt zählt, ist Geschwindigkeit. Es hilft nicht, sich tröpfchenweise über Fördertöpfe mit komplexer Antragstellung zum nächsten kleinen Meilenstein voranzuarbeiten.“ Seine Sorge ist real: „Dann werden wir von anderen links und rechts überholt – und Europa verliert das Rennen.“ Wenn Wachstumskapital fehlt, droht die Abwanderung in agilere Märkte wie die USA. Der Mitgründer stellt jedoch klar: „Ich würde die Technologie gern in Deutschland weiter vorantreiben.“ Um das zu finanzieren, treibt der TGFS die nächste Finanzierungsrunde voran. „Wir suchen Deeptech Venture Capitalisten mit echter Hardware-Erfahrung und strategische Investoren aus Industrie, Halbleiter oder Optik“, skizziert Michalke das Profil. Reines Kapital reiche nicht; man brauche erfahrene Partner, die bei komplexen Skalierungsfragen „Sparring auf Augenhöhe“ bieten und helfen, „SaxonQ zügig in Richtung globale Skalierung zu entwickeln“.