„Wir erleben eine zu starke staatliche Einflussnahme in der Frühphase“

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VC-Magazin: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation in der Frühphasenfinanzierung von Hightech-Unternehmen?

Dr. Köhler: Insgesamt sehr gut! Die Qualität der Businesspläne hat über die letzten zehn Jahre deutlich zugenommen. Insbesondere was den Formalismus angeht, wissen die Leute heute, wie man einen Businessplan macht. Inhaltlich sind die Geschäftspläne aber nicht grundsätzlich überzeugender als früher. Der Wettbewerb mit anderen Venture Capital-Gesellschaften stört mich nicht, eher die durch die öffentliche Hand geprägten Finanzierungsmodelle.

Diese verhindern teilweise, dass Gründer in einer frühen Phase gleich zu einer privatwirtschaftlichen Venture Capital-Gesellschaft gehen, und bremsen so deren Geschäftsentwicklung.

Wäckerle: In der Frühphase ist bisher noch relativ wenig privates Kapital im Markt. Es gibt kaum organisierte VC-Fonds, die dort investieren, die meiste Aktivität geht vom High-Tech Gründerfonds und von Business Angels aus. Sobald Unternehmen etwas reifer sind und in den Markt eintreten, gibt es mehr Finanzierungsmöglichkeiten. Unser Eindruck ist jedoch, dass sich viele Investoren auf IT und Biotech konzentrieren und Industriefelder meist außen

vor bleiben.

Köhler: In der Photonik und Sensorik, wo wir bevorzugt investieren, liegt die durchschnittliche Unternehmensgröße bei 15 Mio. Euro Umsatz. Das ist für Banken und größere Private Equity-Häuser in der Regel zu wenig, um sich zu engagieren. Wir sehen hier eine perfekte Nische für uns, weil es hohe Wachstumsraten gibt und die Innovationsfreudigkeit stimmt. F&E-Quoten von mindestens 10, in manchen Segmenten sogar von 30% sind hervorragende Voraussetzungen für den Einsatz von Venture Capital.

 

VC-Magazin: Herr Wäckerle, Sie sagen, es sei zu wenig Wagniskapital im Markt; Herr Dr. Köhler, Sie beklagen das Engagement der öffentlichen Hand in der Frühphasenfinanzierung. Wie würde das ideale Umfeld aussehen?

Dr. Köhler: In Deutschland wird sehr gern behauptet, dass in der Early Stage-Phase das Geld fehlt. Der Anteil der Venture Capital-Investitionen in der Frühphase liegt in Deutschland bei etwa einem Drittel, genau wie in den USA. Es ist nun mal einfach so, dass aus einhundert Businessplänen ein bis drei finanziert werden. Die anderen 97 Gründungswilligen erzählen natürlich, dass es an Kapital mangele. So wird dieses Gerücht hochgehalten. Wir haben kein Problem in der Seedphase, sondern in der Folgefinanzierung. Diese vielen Gartenzwerge, die hier aufs Fließband gestellt werden – unter anderem vom High-Tech Gründerfonds – nimmt niemand mehr vom Fließband runter. Wenn die Anschlussfinanzierungen ausbleiben, wird das Geschrei groß sein. Diese Marktverschiebungen sind für die private Venture Capital-Industrie nicht förderlich: Durchschnittlich liegt die Rendite eines europäischen Early Stage-Fonds bei -1%, in den USA bei +34%. Ein wesentlicher Grund hierfür ist das Überangebot an Finanzierungsmitteln, ein weiterer dürfte aber auch in der niedrigeren Qualität der Fondsmanagements in Europa liegen.

Wäckerle: Diese Dinge spielen tatsächlich zusammen. Die schlechten Renditen sind der Grund für die Probleme im Fundraising. Diese wiederum führen dazu, dass gute Fondsmanager nicht bezahlt werden können. Ich stimme Ihnen aber nicht zu, Herr Dr. Köhler, dass wir ausreichend Geld in der Frühphasenfinanzierung haben. Wenn man die Quote zwischen Venture Capital-finanzierten Gründungen und dem Bruttoinlandsprodukt bildet, liegen wir in Deutschland weit hinter den USA. Hierfür gibt es vielfältige Gründe: Nicht nur fehlendes Geld, sondern auch eine andere Einstellung zum Unternehmertum und der rechtliche Rahmen.

Dr. Köhler: Den Vergleich mit den USA finde ich immer sehr spannend, denn wer sich die USA genauer anschaut, erkennt, dass wir in Deutschland besser sind als 48 Staaten der USA. Bloß gegenüber Kalifornien hinken wir weit hinterher…

Wäckerle: Ich stimme Ihnen aber zu, dass wir durch die vielen staatlichen Stellen in der Frühphase in eine Schieflage geraten sind. Hierdurch wird ein gewisser Preisdruck aufgebaut, der für die Rendite der privaten VC-Gesellschaften nicht unbedingt förderlich ist.

Köhler: Wir erleben eine zu starke staatliche Einflussnahme in der Frühphase. Der Umgang mit Fördergeld ist einfach ein anderer als der mit privaten Mitteln. Deshalb setzen die Amerikaner auch stark auf Family, Friends & Fools – man muss zunächst mit eigenen Geldern etwas aufbauen, um die Ernsthaftigkeit seines Vorhabens zu beweisen. Oft fehlt den Investoren hierzulande auch das Kapital, um eine anfinanzierte Firma bis zum Break-even zu bringen. Die Attitüde in unserer Förderlandschaft, einfach mal anzufangen und irgendetwas zu tun, weil es sich ja nicht um das eigene Geld handelt, ist leider sehr verbreitet.

Dr. Köhler: Das ist wie über den Atlantik rudern und in der Mitte darauf hoffen, dass irgendjemand kommt und einen weiterzieht. Um Ihre anfängliche Frage zu beantworten: Mein Wunsch wäre, den High-Tech Gründerfonds beim nächsten Mal ausschließlich privat zu finanzieren oder/und alle in der Frühphase tätigen Venture Capital-Gesellschaften mit den gleichen Zuschüssen auszustatten. Ich sehe nicht ein, dass ich als Steuerzahler den High-Tech Gründerfonds finanziere, der dann viel mehr Geld ausgeben kann als meine eigene Beteiligungsgesellschaft. Sinnvoll wäre auch, wenn der EIF einen Dachfonds nur für Seedfonds auflegen würde, wo er dann aber auch andere Gebührenstrukturen akzeptieren muss. Früher bei der Technologieholding hatten wir eine Managementfee von 3,5%, das ist heute nicht mehr durchsetzbar. Ich brauche meinen monatlichen Scheck nicht mehr, aber einen sehr guten Manager mit den aktuellen Gebührenstrukturen in einen Frühphasenfonds zu locken, ist sehr schwer – es sei denn, man erwirtschaftet hohe Renditen und damit substanzielle Gewinnbeteiligungen fürs Fondsmanagement.

 

VC-Magazin: Wie generieren Sie Ihren Dealflow?

Köhler: Unternehmen, die wir uns genauer anschauen, kommen nur zu einem sehr kleinen Teil über Businesspläne zu uns. Auch Vermittler sind eine überschaubare Größe. Wir bringen unsere Investments aus dem Netzwerk und legen großen Wert darauf, dieses im für uns relevanten Bereich zu pflegen.

Dr. Köhler: Bei uns stammt etwa ein Fünftel der Geschäftsmodelle, die wir sehen, aus dem eigenen Netzwerk. Das Interessante daran ist jedoch die Trefferquote, die wesentlich höher ist als bei den rund 700 Businessplänen, die uns jährlich zugesandt werden. Gerade in bestimmten Bereichen wie Web 2.0 gibt es Leute, die glauben, an einem Nachmittag einen Businessplan schreiben zu können. Da ist dann natürlich wenig Substanz enthalten.

 

VC-Magazin: Sollte sich ein Kapitalsuchender dann nicht besser die Zeit für die Ausarbeitung eines Businessplans sparen und stattdessen den persönlichen Zugang – beispielsweise über Veranstaltungen – zu Venture Capital-Gebern suchen?

Dr. Köhler: Einen Businessplan können Sie heute ganz einfach per e-Mail an ganz viele VCs verschicken. Für uns bleibt dabei leider häufig die Frage unbeantwortet, warum ein Unternehmer gerade mit uns zusammenarbeiten möchte. Unternehmen wie Intershop und Micronas kamen früher ohne ausgefeilten Businessplan zu uns, sondern nur mit einem Konzept und haben dieses präsentiert. Mir hat das gut gefallen, weil ein dicker Businessplan

die eigentliche Geschäftsidee verdecken kann. Ich möchte zunächst wissen, ob jemand eine umsetzbare, originäre Geschäftsidee hat – und nicht von Excel-Tabellen geblendet werden.

Wäckerle: Ein Businessplan lässt immer die wichtigste Frage unbeantwortet: Was ist der Kapitalsuchende eigentlich für ein Typ? Denn selbst eine tolle Technologie wollen wir nur mit den richtigen Leuten finanzieren. Uns reicht daher im ersten Schritt ein Geschäftskonzept.

Dr. Köhler: Wer ein gutes Geschäftskonzept hat, kann uns anrufen und uns das erklären. Nach einer halben Stunde wissen beide Seiten eigentlich sehr genau, ob man sich eine Zusammenarbeit vorstellen kann.

 

VC-Magazin: Wie weit im Entwicklungsprozess sollte ein Unternehmen sein, damit eine Investition für Ihre Gesellschaften infrage kommt?

Wäckerle: Wir wollen schon etwas mehr sehen als eine Idee. Idealerweise gibt es erste Projekte mit Kunden beziehungsweise erste Umsätze, so dass sich das Wachstumspotenzial abzeichnet.

Köhler: Auch reifere Unternehmen, Turnaround-Situationen und Nachfolgeregelungen in unserem Technologiefokus sind für die DEWB durchaus interessant.

Dr. Köhler: Wir beteiligen uns bereits in einer früheren Phase. Ein Unternehmen, das eine viel versprechende Plattformtechnologie entwickelt, die noch ein bis eineinhalb Jahre vor dem Markteintritt steht, kann für uns bereits interessant ein.

 

VC Magazin: Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Andreas Uhde.

 

Zu den Gesprächspartnern

Dr. Gert Köhler ist Geschäftsführer der Creathor Venture Management GmbH, Bertram Köhler und Mirko Wäckerle sind Mitglieder des Vorstands der Deutsche Effecten- und Wechsel-Beteiligungsgesellschaft (DEWB) AG. Creathor investiert bis zu 7,5 Mio. Euro pro Unternehmen in allen Hightech-Bereichen von IT über neue Materialien bis hin zu Life Science, dort aber nicht in die Medikamentenentwicklung. Die börsennotierte DEWB investiert in Unternehmen der Photonik und Sensorik Beträge zwischen einer und 7 Mio. Euro und strebt dafür eine Beteiligung in Höhe von mindestens 25% an.