Skurril-buntes Spektrum an Social Networks

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Die Wachstumstreiber

Als der australische Medienmogul Rupert Murdoch im Juli 2005 satte 580 Mio. USD in die US-Community MySpace investierte, zweifelten viele Marktbeobachter an seiner Weitsicht wie an seinem Verstand. Aus heutiger Sicht ist dieser Preis ein Schnäppchen, denn für mickrige 1,6% am US-Konkurrenten Facebook zahlte Microsoft stolze 240 Mio. USD.

Wichtige internationale Social Networks

Wer                 populär in

bebo.com         UK
facebook.com   USA

friendster.com   Südostasien

hi5.com            Mittelamerika

myspace.com   USA

orkut.com         Brasilien

uboot.com        Österreich

Quelle: eigene Recherchen

 

Zum Jahreswechsel 2006/07 warteten auch deutsche Marktteilnehmer mit interessanten Neuigkeiten auf. Erst ging die heutige Xing AG als erstes Web 2.0-Unternehmen an die Börse, dann schluckte der Holtzbrinck-Konzern das Studentenportal studiVZ für kolportierte 85 Mio. Euro. Damit war endgültig klar – Social Networks treiben das Wachstum der zweiten Internetwelle. Wie groß die daraus resultierende Bugwelle wirklich ist, meldete die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) im Juni 2007: Das erstmals aufgenommene Portal StudiVZ verzeichnete 2,6 Milliarden Seitenaufrufe und übertrumpfte den vorherigen Primus T-Online um mehr als 15%.

 

Geld verdienen nur die Großen

Laut dem Wiki Blog-o-pedia, einer Quellensammlung rund um Bloggen, Wikis, Social Networks und Web 2.0, sind in Deutschland rund 600 Social Networks aktiv. Rund 100 Überregionale listet das Weblog zweinull.cc fein säuberlich nach Sparten sortiert auf; ein Besucher der Seite  – Web 2.0 lebt vom Mitmachen – sortierte sie nach ihrem Rang bei der Statistikseite Alexa. Deutschlands Top 3 nach Besucherzahlen sind StudiVZ, sein Ableger SchuelerVZ und lokalisten. Für die breite Masse an Netzwerken sehen bloggende Investoren wie Peter Schüpbach (Schweizer Business Angel des Jahres 2005) jedoch schwarz: „Oft sind die Macher stolz, dass sich 30.000 oder 40.000 registriert haben. Aber das reicht nicht.“ Da die Monetarisierung einer Community sehr aufwendig sein könne, sei die kritische Grenze erst ab einer Million Nutzer überschritten. Die populärsten deutschen Networking-Portale überspringen diese Hürde meist problemlos.

 

Deutschlands beliebteste Social Networks

(nach Besucherzahlen)

Rang    Adresse           Anzahl Mitglieder (Unternehmensangaben)

1.         StudiVZ            www.studivz.net            > 4 Mio.
2.         SchuelerVZ       www.schuelervz.net       > 2 Mio.
3.        
lokalisten          www.lokalisten.de         > 1 Mio.
4.        
Wer-kennt-wen  www.wer-kennt-wen.de  > 1,2 Mio.
5.        
Jappy               www.jappy.de                   641.000
6.        
Kwick!              www.kwick.de               > 1,1 Mio.
7.        
Xing                  www.xing.com              > 4,2 Mio. (1)
(1) weltweit                           Quellen: alexa.com (Stand 17. Januar), eigene Recherche

Unter den überregionalen Portalen nimmt das erst im November online gegangene Netzwerk kaioo.com in doppelter Hinsicht eine Sonderstellung ein. Einerseits bedient es das gute Gewissen, da sämtliche Gewinne gespendet werden sollen. Andererseits versteht es sich als eierlegende Wollmilchsau – es will Nutzer vereinen, die auf Partnersuche sind, berufliche Kontakte oder den Freundeskreis pflegen wollen. Bisher waren dafür drei verschiedene Portale notwendig.

Spezialisten überwiegen

Rein von der Masse der Angebote bilden die eher allgemein ausgerichteten Portale jedoch die Minderheit. Für nahezu jede Zielgruppe finden sich gleich mehrere Spezial-Plattformen: vator.tv richtet sich an die VC-Szene, myCellar.de an Weinfreunde, Sportme.de an Sportler und Sportfans, schwarzekarte.de an Lifestyle-Orientierte, meine-bundeswehr.de an Soldaten, Platinnetz an „Best Ager“, netmoms.de und ichbinpapa.de an junge Eltern, shelfmates.de an Bücherwürmer. Auch Tierliebhaber finden zahlreiche Anlaufstellen im Netz.

 

        Tierische Social Networks

rund um Hunde           um Tiere allgemein

dogSpot.de                   Deine-Tierwelt.de
DOGZunited.de
             myCat.de

HalloHund.de                TierCommunity.com

mywuff.com                  TierFC.de

Stadthunde.com            Tierfreunde.de

Quelle: zweinull.cc

 

Social Networks für

Eltern & Familie          ältere Menschen

1-2-3family.de               Feierabend.de
BabyVoten.de
               Forum-fuer-Senioren.de

familylounge.de             Platinnetz.de

FamilyOne.de               senVZ.com

ichbinpapa.de

MamaCommunity.de

mamily.de

Mamiweb.de

mummynetwork.com
NetMoms.de

paulsmama.de

verwandt.de

Quelle: zweinull.cc

 

„Die Fernsehsender der Zukunft“

Abgesehen von den angesprochenen Zielgruppen unterscheidet sich die Nutzung der jeweiligen Plattformen nur im Detail: Mal können die Nutzer ihre Profilseiten farbiger gestalten, mal stärker Multimedia-Inhalte einbinden, mal ist beides wichtig oder auch nicht. Im Vordergrund steht bei allen Anbietern jedoch immer ein Aspekt: Kommunikation. Damit bedienen die Portale „elementare menschliche Bedürfnisse“, wie Serial Entrepreneur Alexander Samwer im Spiegel-Interview erkannt hat: „Kontakt halten, Dates ausmachen, Unterhaltung, Kontakte knüpfen, Menschen und Länder kennenlernen, Austausch über gemeinsame Interessen.“ Gerade diese Nutzungsmöglichkeiten dürften dafür gesorgt haben, dass der TV-Konsum bei jüngeren Menschen zugunsten der Online-Zeit sinkt. Samwer, der mit seinen Brüdern Marc und Oliver erst in StudiVZ investiert war und seit Mitte Januar in dessen Vorbild Facebook, kommt daher zu dem Schluss: „Soziale Netzwerke sind keine Mode, sondern so etwas wie die Fernsehsender der Zukunft. Leute verbringen dort sehr viel Zeit, finden interessante Inhalte, die Freunde und Bekannte generieren.“

Konzern ungleich Erfolg

Wenn also scheinbar alle Welt sich in Social Networks rumtreibt und noch ordentliches Wachstum möglich ist (in Deutschland sollen erst 10% aller Bürger im Netz organisiert sein), dann wollen auch große Konzerne ihre Krümel von der Kuchenplatte. So wagte sich Bertelsmann im März 2007 mit bloomstreet.net ins Netz, im April folgte Web.de mit unddu.de. Ein großes Werbebudget führt aber nicht automatisch an die Spitze, bloomstreet.net verzichtet verschämt darauf, Nutzerzahlen offen zu legen. Auch die Strategie, die Community auf dem hauseigenen, besucherstarken Portal zu verlinken, muss nicht aufgehen. Die kürzlich erfolgte Übernahme der kleinen Community ShortView durch Web.de kann als Geständnis für das Scheitern des Aufbaus von unddu.de interpretiert werden. Noch radikaler beendete die Deutsche Telekom ihr Engagement: Zum Jahresende 2007 schaltete sie T-Community.com ab. Trotz hoher Kundenzahlen bei T-Online und der geballten Finanzkraft des Konzerns blieb der Erfolg aus.

 

Fazit:

Auch wenn der Trend zu immer mehr Social Networks ungebrochen ist, scheint der Markt der Massen-Netzwerke in Deutschland vorläufig entschieden. StudiVZ, Xing oder lokalisten zählen zu den Platzhirschen. Solange sie unpopuläre Aktionen vermeiden, etwa die Einführung (neuer) kostenpflichtiger Dienste oder die Durchsetzung fragwürdiger Werbemaßnahmen, werden selbst US-Größen wie Facebook hierzulande kaum Fuß fassen. Chancen bieten sich in diesem Umfeld vor allem spezialisierten Netzwerken, die eng umrissene Zielgruppen ansprechen wollen – etwa Hundefreunde oder Weintrinker. Offen bleibt bei fast allen Diensten die Monetarisierung. Selbst Holtzbrinck, Eigentümer von StudiVZ, meldete bisher keine schwarzen Zahlen. Durchhaltevermögen werden wohl nur die Netzwerke beweisen, hinter denen ein finanzstarker Investor steht. Größter Risikofaktor bleibt der Nutzer: Ist er einmal unzufrieden, liegt das nächste Netzwerk nur einen Klick entfernt. Und wem der ganze Community-Trubel zu viel ist, der findet Ruhe auf alleinr.de.

Torsten Paßmann