Gadowski: „Unternehmertum ist nicht immer cool“

Lukasz Gadowski
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VC Magazin: Als sogenannter Inkubator spürt Team Europe junge Internet-Start-ups auf und hilft ihnen mit Startkapital und Know-how bei den ersten Schritten in die Selbstständigkeit. Was macht den Reiz des Geschäfts aus?

Gadowski: Der Reiz ist, von Anfang an dabei zu sein, teilweise investieren wir noch vor der Gründung und bauen die Unternehmen gemeinsam mit den Unternehmern auf. Teilweise kommen die Ideen von uns und wir suchen interessierte Mitunternehmer, teilweise kommen Teams von außen mit Vorschlägen auf uns zu. Wir investieren nicht nur Kapital, sondern auch Execution Power, also Know-how und Umsetzungsressourcen. Intern haben wir rund 40 Spezialisten, die interimsmäßig Positionen in den Neugründungen übernehmen können oder dafür sorgen, dass die entsprechenden Bereiche mit geeignetem Personal besetzt werden.

VC Magazin: Wie genau sieht diese Unterstützung aus? Auf was legen Sie besonderen Wert?

Gadowski: Da wir auch mit Gründern zusammenarbeiten, die nicht aus dem Online-Bereich kommen, können sie sich das technische Verständnis für webbasierte Geschäfte dank unseres Netzwerkes innerhalb eines halben Jahres aneignen. Bei der Auswahl unserer Teams sind Erfahrungen im Online-Bereich auch nicht zwingend; uns ist wichtig, dass jemand eine Unternehmerpersönlichkeit ist und Qualitäten wie Führungstalent, Schnelligkeit und eine hohe Auffassungsgabe besitzt. Außerdem wachsen die von uns gegründeten Unternehmen sehr schnell, so dass wir Unterstützung nicht nur im Hinblick auf Fähigkeiten sondern auch bezüglich der Kapazitäten bieten können. Wenn man als Gründerpersönlichkeit theoretisch dazu in der Lage ist, virale Bereiche sehr schnell aufzubauen, ist das allein nur begrenzt möglich, denn der Tag hat nur 24 Stunden.

VC Magazin: Viele Ihrer Gründungen wurden mit Branchen- und Marktpreisen ausgezeichnet. Wie wichtig sind solche Ehrungen für Start-ups?

Gadowski: Die meisten Preise habe ich für meine eigene Gründung Spreadshirt bekommen. Da wir zum Zeitpunkt der Gründung 2002 keine Finanzierung hatten, haben wir vor allem wegen der Preisgelder bei vielen Businessplan Wettbewerben mitgemacht, u.a. beim NUK-Businessplan Wettbewerb und bei FutureSax. Nachdem ich studiVZ mitgegründet und verkauft hatte und Spreadshirt ein Erfolg wurde, wurde ich von Internet World zum Unternehmer des Jahres gewählt. Die Fokussierung auf Preise ist mittlerweile aber verschwunden, als PR-Instrument sind sie sehr erfolgreich, aber auch zeitaufwändig. Als Team sollte man sich genau überlegen, ob die Teilnahme an einem Wettbewerb im entscheidenden Moment das richtige ist, zumal Preise nicht viel darüber aussagen, ob man später im wirklichen Unternehmens-Alltag dauerhaft bestehen kann.

VC Magazin: Worauf kommt es für die erfolgreiche Umsetzung webbasierter Geschäftsmodelle an und was macht Team Europe so erfolgreich?

Gadowski: Am wichtigsten sind das richtige Geschäftsmodell und ein gutes Team. Gemeinsam mit Kapital, Distribution und Produkttechnik bilden sie ein 5-Bausteine-Modell, das wir zum Aufsetzen von erfolgreichen Unternehmen entwickelt haben. Durchsetzen kann man sich, indem man in jeder Unternehmensphase effizient, d.h. mit möglichst geringem Einsatz von Mitteln möglichst viel erreicht und so eine positive Dynamik in das Unternehmen bringt. Bei unseren Companies versuchen wir das z.B. durch die Einbeziehung von Distribution Deals. Bei den Firmen Mister Spex und brands4friends hatten wir von vornherein Vertriebsdeals mit studiVZ, bei Sponsor Pay hatten wir noch vor der Gründung mit GameForge unseren größten Kooperationspartner überhaupt. Bei Lieferheld beschleunigte eine Kooperation mit der Pro Sieben Sat. 1 Media AG die Entwicklung. Die Produkttechnik wird oft unterschätzt, ist nach unserer Erfahrung aber ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil und wird durch unser eigenes In House-Technik-Team abgedeckt. Je nach Geschäftsmodell ist natürlich auch Kapital wichtig, zu viel davon kann aber auch schädlich sein und von der eigentlichen Fokussierung auf die solide Unternehmensentwicklung ablenken – wenn man z.B. nur noch mit dem Einstellen neuer Mitarbeiter beschäftigt ist. In anderen Fällen ist es aber der entscheidende Erfolgsfaktor und verhilft zur Durchsetzung am Markt.

VC Magazin: Die Internet-Szene ist hart umkämpft, allein im Bereich des Online-Brillenversands gibt es allein in Deutschland vier Start-ups, u.a. die Team Europe-Gründung Mister Spex. Wie kann man hier – auch mit gutem Geschäftsmodell – dauerhaft bestehen?

Gadowski: Vielleicht sieht die Szene von außen derart wettbewerbsintensiv aus, nach innen ist sie das aber gar nicht. M&A ist auf jeden Fall interessant, mit SponsorPay haben wir z.B. GratisPay übernommen, auch bei Hitfox gab es wesentliche Transaktionen. Beim Brillenversand gibt es vielleicht vier Hauptakteure, bei genauerer Betrachtung sind deren Geschäftsmodelle aber gar nicht so ähnlich. Brille24 konzentriert sich auf einen extrem rabattierten Handel durch billige Eigenmarken und Direktexport aus China, während Mister Spex Markenbrillen vertreibt und sich als Retail Channel definiert. Direkter Wettbewerb findet oft also gar nicht statt.

VC Magazin: Manche Beobachter sehen in der umtriebigen Welt der Internet-Start-ups bereits die Gefahr einer erneuten Blase heraufziehen. Inwieweit sind die momentan aufgesetzten Geschäftsmodelle wirklich nachhaltig? Inwieweit ist alles „nur Hype“?

Gadowski: Ich glaube, nachhaltiges Wirtschaften ist eher die Regel als die Ausnahme, man muss eben genau differenzieren, was in den Medien ankommt. Natürlich gibt es spektakuläre Geschichten von Internet-Gründungen, die zu groß aufgebläht wurden und am Ende Gewinnerwartungen nicht erfüllen konnten. Groupon ist hier das beste Beispiel: ein Unternehmen, das drei Jahre alt und 1 Mrd. EUR wert ist, nach knapp einem Jahr an der Börse jedoch bei unter 10% der ursprünglichen Bewertung angekommen ist. Natürlich ist hier viel Kapital reingeflossen, die Verluste sind aber nicht durch Mängel im Geschäftsmodell oder Fehler im operativen Geschäft, sondern durch Spekulation entstanden. Es handelt sich also um keine operativen Verluste. Daneben gibt es viele Firmen mit Substanz, die nach drei oder vier Jahren Umsätze von 40 Mio. EUR erzielen, aber eben nicht täglich in der Presse erscheinen. Die Summen, die in Internet-Start-ups fließen, mögen teilweise skurril erscheinen, sind in den meisten Fällen aber doch gerechtfertigt.

VC Magazin: Viele Erfolge deutscher webbasierter Geschäftsmodelle gründen auf dem sogenannten Copycat-Modell. Oft zitiertes Beispiel ist Rocket Internet mit seiner wohl berühmtesten Gründung Zalando. Ist dies ein Vor- oder Nachteil für die deutsche Internet-Szene? Was bedeutet das für ihren Ruf im internationalen Kontext?

Gadowski: Allein das Kriterium, Schuhe wie ein anderer Wettbewerber online zu verkaufen, macht meiner Meinung nach noch kein Copycat aus. Zalando ist deutlich innovativer als Zappos und deutlich schneller gewachsen als das US-Vorbild, obwohl dort das eindeutig größere Marktpotenzial vorherrscht. Auch wenn eine Beeinflussung oder ursprüngliche Inspiration durchaus gegeben sein mag: Zalando als Copycat von Zappos zu bezeichnen, empfinde ich als absurd. Zudem wüsste ich nicht, wieso sog. Copycats ein Nachteil für die deutsche Internet-Szene sein sollen. Vielleicht gibt es eine Gruppe von Neidern, die erfolgreicheren Unternehmen den Vorwurf des Kopierens machen; das sind vielleicht meistens junge Unternehmen, die hip und cool sein wollen, ihre innovativen Geschäftsmodelle aber nicht am Markt platzieren können. Unternehmertum ist aber nicht immer cool, es geht um harte Arbeit. Jeder, der bereits gegründet hat, weiß, wie schwer das ist. Zudem gibt es in der Regel nie ein Vorbild, das man eins zu eins kopieren kann, eine Anpassung an den jeweiligen Markt muss immer erfolgen. Eine Abwertung von Geschäftsmodellen, die ihr Vorbild bei anderen Unternehmen suchen, finde ich deswegen respektlos.    

VC Magazin: Welche Rolle spielt der Standort Berlin? Wo steht die Hauptstadt im Vergleich zur weltweit bekanntesten Gründungsregion für Technologieunternehmen, dem Silicon Valley?

Gadowski: Ich glaube, Berlin ist sehr aufstrebend und hat sich als Gründer- und Unternehmermetropole etabliert. Hier hat die Hauptstadt eine kritische Masse erreicht, d.h. die Dynamik wird sich sicher selbst verstärken. Auch im Silicon Valley und in New York, also international ist der Ruf Berlins sehr gut, die Dynamik und die Entwicklungen der letzten Jahre werden durchaus registriert.

VC Magazin: Danke für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Verena Wenzelis.

 

Zur Person:

Lukasz Gadowski ist Serial Entrepreneur und Mitgründer des Berliner Inkubators Team Europe, der ausschließlich webbasierte Geschäftsmodelle aufsetzt und verfolgt. Momentan gehört der Online-Lieferservice Delivery Hero, das Online-Branchenverzeichnis Digitale Seiten sowie der Mobile-Werbedienstleister madvertise zum Portfolio der Talentschmiede.