Kommentar: Das Konzept Gründerzentrum

Mehr als je zuvor in den vergangen vier Jahrzehnten scheinen Gründergeist und Unternehmertum derzeit ein gesellschaftliches Thema in Deutschland zu sein. Hunger auf unternehmerischen Erfolg liegt förmlich in der Luft. Auch weil Start-ups als mögliche Lösung für die sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen von heute und morgen gelten. Selbst zu gründen wird zunehmend zur Karriereoption. In der Folge entstehen überall Acceleratoren, Entrepreneurship-Center und Inkubatoren, ergänzt um Co-Workingspaces und Gründer-Communities, -Stammtische, und -Kongresse. Wenn diese Einzelteile erfolgreich zusammenspielen, werden daraus Cluster, Hubs und Hotspots – oder mit anderen Worten: eine Szene. Soweit zur Theorie.

Doch all das beginnt meistens an einem Ort, durch wenige Personen initiiert. Häufig ist die Eröffnung eines Gründerzentrums der Versuch, einen solchen lokalen Nukleus zu erzeugen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass dieser Ansatz definitiv zum Erfolg führen kann. Gut umgesetzt kann von einem solchen Ort eine Entwicklung ausgehen, von der die gesamte Region nachhaltig profitiert. Gründerzentren können sich zu Epizentren des digitalen Fortschritts entwickeln und so für viel Dynamik und hohe Sichtbarkeit für den Standort sorgen.

Gründerzentrum, das, Nomen;

Nach meinem Verständnis ist ein Gründerzentrum ein neutraler Ort, an dem Gründer Starthilfe für die schwierige Anfangszeit erhalten. Wo sie optimale Voraussetzungen, Unterstützung, Feedback und Gleichgesinnte finden – und vielleicht sogar den Zugang zur ersten Finanzierung. Ziel der täglichen Arbeit muss es sein, Gründer und ihre Teams bestmöglich in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Allein die Gründer, deren Visionen und Herausforderungen, müssen im Fokus stehen. Zwar müssen viele Gründerzentren trotz öffentlicher Förderung auch Umsätze generieren, aber das darf niemals zur Hauptsache werden. Gleichzeitig bedeutet ein optimales Umfeld für mich nicht unbedingt, dass für die Gründer alles kostenlos ist. Unternehmertum hat automatisch auch mit Kostendruck zu tun. Würde man diesen Aspekt durch falsche oder zu viel Förderung völlig ausklammern, schüfe man künstlich Spielwiesen, ohne Bedrohungen, aber auch ohne jeden Bezug zur Realität. Überhaupt bin ich davon überzeugt, dass man Gründern und ihren Teams am besten hilft, indem man sie fordert. Als Gründerzentrum ist man wie der Beckenrand im Schwimmbad – ein guter Ort, um anzufangen und sich bei Bedarf daran festzuhalten… aber ins berühmte kalte Wasser muss jeder selbst eintauchen. Trockenübungen oder nur Füße reinhalten gilt nicht und hilft niemandem. Mittel- und langfristiges Ziel eines Gründerzentrums müssen in meinen Augen die Entwicklung eines funktionierenden regionalen Ökosystems, rund um technologische und digitale Geschäftsideen, und die Unternehmen dahinter sein. Ein solches aufzubauen ist nur im ständigen Doppelpass mit allen Beteiligten möglich. Es ist nicht damit getan, einfach nur Start-ups zu beherbergen. Es geht auch um die Vernetzung der Teams mit der Wirtschaft am Standort, um den Draht in die Hochschulen, um Visibilität für die Start-ups und vieles mehr.

Was ein Gründerzentrum nicht sein darf:

Mit diesen Zielen im Blick ist auch klar, welche Funktionen ein Gründerzentrum nicht übernehmen kann und darf:
– Kaderschmiede
Ganz besonders, wenn man als Einrichtung eng mit DAX-Konzernen oder bekannten internationalen Marken wie z.B. Audi oder Media-Saturn zusammenarbeitet, kann dieser Eindruck nach außen schnell entstehen…
Jedoch darf es niemals im Vordergrund stehen, junge Leute auszubilden oder fachlich zu entwickeln. In diesem Moment würden eigenverantwortliche und unabhängige Entrepreneure zu Studenten und Trainees und das Gründerzentrum zur Aus- und Weiterbildungseinrichtung. Das wäre eine totale Themaverfehlung.
– Forschungseinrichtung
Auch sind Gründerzentren nicht dazu da, die Entwicklung auf einem bestimmten Gebiet voranzutreiben. Das muss andernorts passieren. Ein fachlicher Fokus auf eine Branche oder Technologie kann durchaus Sinn machen, aber mit klaren Grenzen: Hier werden Technologien und neue Lösungen in Geschäftsideen übersetzt – nicht erfunden oder erforscht.

Genauso gibt es aus meiner Sicht auch Faktoren, die ein gutes Gründerzentrum ausmachen. Dazu gehören neben der genannten externen Verzahnung mit Partnern und Öffentlichkeit auch interne Aspekte:
– Wirtschaftliche Neutralität
Gründerzentren sind in aller Regel nicht gewinnorientiert. Sie werden am Impact gemessen, den sie erzielen, nicht an ihren Einnahmen. Das hat zur Folge, dass Gründerzentren normalerweise kein echtes wirtschaftliches Interesse an ihren Start-ups haben. Anders formuliert: Aufgrund der öffentlichen Förderung gibt es im Unterschied zu anderen Modellen keinen Grund, am Erfolg der Start-ups direkt partizipieren zu müssen. Es geht um Unterstützung – nie um Anteile.
– Community
Im besten Fall wird das Gründerzentrum sowohl Anlaufstelle und zentraler Treffpunkt für Entrepreneure und Kreative als auch zu einer Art Heimat auf Zeit für digitale Nomaden und Visionäre. Wo diese Gruppen aufeinandertreffen, kann Großartiges entstehen. Diese Anziehung kommt aber nicht allein durch Events und guten Kaffee. Viel mehr braucht es eine Community vor Ort und das positive Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein.
– Geschützter Raum
Ebenfalls für den Erfolg der Start-ups und damit auch des Zentrums wichtig: Founders’ Mindset. Es muss absolut legitim sein, an einer Herausforderung zu scheitern und von vorn anzufangen oder Dinge komplett über den Haufen zu werfen. So funktionieren Start-ups. Ohne diese richtige innere Einstellung herrscht ganz schnell allgemeine Frustration und Resignation. Leitgedanke: „Scheitern ist okay und Pivots sind gut.“

Fazit

In zwei Sätzen auf den Punkt gebracht: Eine Entrepreneurship-Szene lässt sich nicht künstlich erzeugen. Das Gleiche gilt für gute Geschäftsideen und erfolgreiche Start-ups. Man kann nur optimale Bedingungen schaffen – und genau das tun Gründerzentren.

 

Dr. Franz Glatz, brigk

Dr. Franz Glatz ist seit dem 01.07.2017 Geschäftsführer des brigk – des neuen Digitalen Gründerzentrums der Region Ingolstadt. Der promovierte Chemiker versteht sich selbst als Vernetzer und Vermittler zwischen Start-ups, Wirtschaft, Politik und der Öffentlichkeit. Er arbeitet bereits seit über 16 Jahren eng mit Gründern und Start-ups zusammen, war sechs Jahre Vorstand des europäischen Verbandes für Inkubatoren und Acceleratoren und leitete zuletzt als Geschäftsführer das Werk1 in München.