Gemeinsam statt allein gelingt die Digitalisierung

Bremens Mittelstand

Wer in die Digitalisierung startet, steht oft vor einem Wald aus Möglichkeiten und sucht den richtigen Pfad – so wie das Bremer Unternehmen Medical Helpline Worldwide, das sich auf internationales Notfallmanagement für Reise- und Tauchmedizin spezialisiert hat. Die beiden Geschäftsführer Sven Aumann und Marco Röschmann wollten im vergangenen Jahr ihr erfolgreiches Unternehmen weiter ausbauen und dabei stärker auf digitale Services setzen. Sie wandten sich daher an das Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum Bremen – eines von bundesweit 26 Zentren, die kleine und mittlere Unternehmen (KMU) auf ihrer Reise in die digitale Zukunft begleiten. Dank mehreren Workshops fanden sie schließlich einen Weg durch das digitale Dickicht. Aus ihnen folgte, dass man sich schließlich mit einem IT-Unternehmen zusammengesetzt hat, um die Architektur der Software – ein Herzstück der Firma – neu auszurichten, berichtet Röschmann.

Ein typisches Beispiel für Digitalisierung im Bremer Mittelstand? Ja und nein, denn der Mittelstand ist so vielfältig, dass man eigentlich nicht von typischen Fällen sprechen kann. Jedes Unternehmen ist einzigartig und hat seine individuellen Herausforderungen auf dem Weg in die Digitalisierung. Als eine der größten Industriestätten Deutschlands ist das Land Bremen geprägt von Branchen wie der Luft- und Raumfahrt, dem Automobilbau, der Nahrungsmittelindustrie oder der Hafen- und Logistikwirtschaft. Konzerne wie Airbus, Mercedes, ArcelorMittal, Nordsee oder Frosta sind überregional bekannt. Abseits der Großindustrie hat sich eine IT-Branche herausgebildet, die in Nischen wie E-Commerce, der künstlichen Intelligenz oder dem 3D-Druck Maßstäbe setzt. Das birgt gutes Anknüpfungspotenzial für die zahlreichen mittelständischen Betriebe Bremens, die auf dem Weg in die Digitalisierung sind und Unterstützung benötigen.

Viele Wege führen in die digitale Transformation

Denn der Wissensstand in Sachen digitale Transformation unterscheidet sich erheblich von Betrieb zu Betrieb. Für den einen ist Kundenkommunikation per E-Mail bereits Digitalisierung, während der andere von intelligenten Logistikprozessen und KI-gesteuerter Warenbestellung spricht. Man kann deshalb kaum von „dem einen“ Stand der Digitalisierung sprechen, wenn man den bremischen Mittelstand als Gesamtheit betrachtet. Fehlt es manchen Unternehmen da an einer Vorstellung dessen, was sich hinter dem Buzzword Digitalisierung verbirgt? Ganz klar – es existieren sehr unterschiedliche Wissensstände. Aber nicht immer muss sich hinter der digitalen Transformation gleich die Einführung eines völlig neuen ERP-Systems, einer künstlichen Intelligenz oder eine ähnliche Mammutaufgabe verbergen. Manchmal reichen auch kleine Schritte, um bestehende Prozesse durch digitale Lösungen entscheidend zu verbessern – und das Bremer Kompetenzzentrum sei ein Begleiter auf dem Weg dahin, indem es Möglichkeiten aufzeige und unabhängig informiere.

Technologietransfer nutzen – auf Köpfe setzen

Ein weiterer wichtiger Begleiter beim Vorantreiben der digitalen Innovation ist die Bremer Wissenschaftslandschaft mit ihren mehr als 50 Forschungsinstituten: Sie glänzen mit Leuchttürmen wie dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz oder dem Institute for Artificial Intelligence, an denen jeweils Forscher von Weltrang arbeiten. Andere Institute wie das BIBA – Bremer Institut für Produktion und Logistik, ein Pionier in Sachen Industrie 4.0 und Projektpartner des Bremer Kompetenzzentrums, arbeiten häufig mit lokalen Mittelständlern in Forschungsprojekten zusammen und transferieren so Wissen aus der Forschung in die Wirtschaft. Frisches Know-how gelangt zudem durch die zahlreichen Absolventen der Bremer Hochschulen in die Unternehmen.

Kleine Schritte gehen

Auch in Bremen unterscheiden sich die Anforderungen an die Digitalisierung von Branche zu Branche. Die maritime Wirtschaft etwa ist von oft geringen Margen und damit kleinen Investitionsbudgets gekennzeichnet. Aber auch mit knappem Geldbeutel lassen sich erste Schritte in die richtige Richtung gehen. Kooperationen könnten da etwa ein guter Ansatzpunkt sein, um Win-win-Situationen herbeizuführen – mit der Wissenschaft, mit etablierten IT-Firmen und besonders mit jungen, aufstrebenden Unternehmen: Start-ups. In der Hansestadt hat sich eine interessante Gründungsszene etabliert, die mit vielzähligen B2B-Dienstleistungen in den Bremer Schwerpunktbranchen sowie der IT aufwartet. Für diese Start-ups ist in Bremen und Bremerhaven das Starthaus eine zentrale Anlaufstelle: ein Ort, an dem Gründerinnen und Gründer an Wissen, Beratung und Finanzierung gelangen – und bei dem Venture Capital eine immer größere Rolle einnimmt. Zudem arbeiten das Starthaus und das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hand in Hand, führen gemeinsam Veranstaltungen durch, auf denen Kontakte und Partnerschaften entstehen können. Bremen setzt somit auf vielen Ebenen auf Kooperation – denn dem Mittelstand fällt es leichter, in Zusammenarbeit und nicht als Einzelkämpfer Innovationen zu stemmen.

Fehler vermeiden, auf Stärken setzen

Auf Kooperation zu setzen ist eine von vielen Lektionen, die Betriebe auf dem Weg in die Digitalisierung lernen müssen. Eine weitere: Es geht nicht nur darum, ob sich Prozesse digital umsetzen lassen; vielmehr gilt es häufig, den Prozess als Ganzes auf den Prüfstand zu stellen. Was analog nicht gut funktioniert, wird auch digital mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Da ist es besser, einen Schritt zurückzutreten und zu schauen: Ist es überhaupt sinnvoll, Dinge so zu machen, wie wir sie bisher gemacht haben? Ist das der ideale Weg, im Sinne unserer Kundinnen und Kunden? Oder sollen wir es völlig anders machen? Eine zweite Meinung ist da oft Gold wert – und meistens stellt sich dabei heraus, dass es eine sinnvolle digitale Lösung gibt. Das zeigt sich auch im Einzelhandel – der sehr kleinteilig geprägt ist, bei dem digitale Services oft noch ganz am Anfang stehen und Budgets klein sind. Deshalb hat das Land Bremen mit dem Digital-Lotsen ein Angebot speziell für die kleinen und mittleren Unternehmen des Einzelhandels, der Gastronomie und der Touristikbranche geschaffen. Die Digitallotsen gehen durch die Betriebe, schauen auf die Prozesse und finden gemeinsam mit dem Unternehmen heraus, wo das Digitalisierungspotenzial liegt. Manchmal ist das die Einführung von Kartenzahlung, die Einrichtung eines Webshops oder eines Internetauftritts – bis hin zur digitalen Warenwirtschaft und vollautomatisierten Lagerhaltung. Digitalisierung könne in vielen Facetten und Stufen kommen.

Der Mensch im Mittelpunkt

Aber eins sei dabei immer mitzudenken: der Mensch. Alle Unternehmen sollten daher stets den Menschen in den Mittelpunkt des digitalen Wandels stellen, nicht die Technologie. Das gilt für die Kunden wie auch für das eigene Personal, das bereits früh in den Prozess miteingebunden werden sollte. Oft besteht in der Belegschaft die unterschwellige Angst, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze gefährdet. Wenn Mitarbeitende dann aber sehen, dass digitale Lösungen eine echte Arbeitserleichterung bedeuten können und für sie wie auch den Kunden Mehrwert generieren, lassen sie sich in den Prozess miteinbeziehen und können oft wertvollen Input geben. Auch hier zeige sich wieder einmal: Gemeinsam gelingt die Digitalisierung im Mittelstand besser.

 

Daniel Schneider, Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum BremenDaniel Schneider ist seit 2019 Leiter der Geschäftsstelle des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Bremen. Der Wirtschaftsingenieur arbeitete zuvor als Projektleiter in verschiedenen KMU der Industrie und Dienstleistungsbranche sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen.