Investor im Porträt: Invest-Impuls-Fonds von hannoverimpuls und EnjoyVenture

Die Ökosystemmacher

Frühphasen-Venture Capital für Hannoveraner Start-ups von einer Wirtschaftsfördergesellschaft – klingt ambitioniert und lässt in der Betrachtung durch die Venture Capital-Brille an einem Erfolg eher zweifeln. 2006 geht der hannover innovations fonds (hif) mit rund 3 Mio. EUR Volumen an den Start und soll sich breit gestreut an kleinen Tech-Start-ups aus dem lokalen Umfeld mit bis zu 200.000 EUR beteiligen. Zeitversetzt startet in 2009 der Hannover Beteiligungsfonds (HBF) mit 24 Mio. EUR. Der HBF soll die vom hif finanzierten Jungunternehmen mit Wachstumskapital ausstatten, die sich besonders aussichtsreich entwickelt haben, wobei eine hif-Erstfinanzierung aber nicht Bedingung ist.

Beide Fonds werden als Evergreens aufgelegt, so dass Rückflüsse aus Exits wieder neu investiert werden können und somit ein Kreislaufsystem entsteht. Außerdem erhalten die Fonds mit EnjoyVenture einen unabhängigen und erfahrenen Manager. Die Rechnung geht auf: Bis heute wurden über 50 Beteiligungen getätigt, in die inzwischen mehr investiert wurde, als anfänglich an Kapital zur Verfügung stand. Gemeinsam mit einer Vielzahl regionaler bis internationaler Co-Investoren wurde in über 150 Finanzierungsrunden ein Gesamtkapital von rund 200 Mio. EUR bewegt und inzwischen auch attraktive Exits realisiert.

Ideale Basis für digitale Geschäftsmodelle

Für die Managing Partner von EnjoyVenture, Dr. Peter Wolff und Wolfgang Lubert, fußt das Erfolgsmodell auf mehreren Aspekten. „Zunächst haben wir bewusst einen breiten Peter Wolff, EnjoyVentureInvestmentansatz ohne besondere Fokussierung gewählt, denn die regionale Ausrichtung ist ja schon Fokus genug, so dass weitere Einschränkungen das Suchfeld zu klein gemacht hätten“, sagt Wolff. Allerdings muss man sich auch der Tiefe seiner Taschen bewusst sein, weshalb in Hannover von einer Begleitung kapitalintensiver Investmentfelder, wie etwa Biotech abgesehen wurde. „Die Invest-Impuls-Fondsvolumen sind vielmehr eine ideale Basis für digitale Geschäftsmodelle im B2B-Bereich“, so Wolff. Und dafür gibt es in Hannover als Dienstleistungs-, Versicherungs- und Industriestandort mit einer Vielzahl sowohl an innovativen Mittelständlern – unter anderem Kind, Viscom, Sennheiser – als auch an namhaften Konzernen, wie zum Beispiel VW, Continental oder MTU reichlich Potenziale. Die ausgeprägte Hochschul- und Institutslandschaft mit einem aktiven Ausgründungsgeschehen rundet das Fundament ab. „Es zeigte sich sehr schnell, dass wir es mit einem hochattraktiven ‚Jagdrevier‘ zu tun haben, das sich mit den Fonds zu einem lebhaften Ökosystem entwickeln lassen kann“, fährt Wolff fort. Wesentlicher Schlüssel hierfür war, dass das zu 100% aus Wolfgang Lubert, EnjoyVentureöffentlichen Geldern stammende Fondskapital allein nach privatwirtschaftlichen Marktregeln investiert werden konnte und damit sonst übliche Konflikte zwischen Rendite- und Förderzielen vermieden wurden. „Außerdem ermöglichte die bewusst gewählte Evergreen-Struktur, dass wir die Markterschließung nachhaltig vorantreiben konnten und nicht der Gefahr ausgesetzt waren, möglicherweise genau dann aufhören zu müssen, wenn es anfängt, Momentum zu entwickeln“, erinnert sich Lubert.

Ein Fonds im Spiegel seiner Zeit

Aus heutiger Perspektive mag ein regional begrenzt tätiger Venture Capital-Fonds ange-sichts zunehmender Globalisierung irritieren. „Man muss jedoch die Marktbedingungen beachten, in der Invest-Impuls entstanden ist“, gibt Wolff zu bedenken. „2006 hatten wir einen Venture Capital-Engpass. Potenzielle Gründer waren bei weitem nicht so gut ausgebildet und Technologien noch lange nicht so einsatzbereit wie heute.“ Fondskonzepte mit primär regionalem Fokus konnten damals vergleichsweise leicht Investoren aus dem dort ansässigen Unternehmens- und Family Office-Umfeld gewinnen, weil deren regionale Verwurzelung eine besondere Verbundenheit mit dem jeweiligen Standort bedeutete. Diese Geldgeber spielen zwar auch heute noch eine wichtige Rolle, werden mittlerweile allerdings zunehmend durch global agierende Investoren ergänzt. „Dies spiegelt sich auch in den Invest-Impuls-Investments wider, wo sich allein schon aufgrund der immer stärker werdenden überregionalen als auch internationalen Vernetzung der Startups die Investorenprofile in den letzten Jahren erheblich verbreitert haben“, ergänzt Lubert.

Ein neues Ökosystem für die Region

Letztlich entstand so ein völlig neues Ökosystem für die Region und weit darüber hinaus, welches sich von einer klassischen Wirtschaftsförderung massiv unterscheidet, weil es revolvierend ist und nicht nur Zuschüsse verteilt. „Worauf es wirklich ankommt ist eben nicht, einmalig etwas Gutes zu tun, sondern mit einer ausgeprägten Konsequenz vor-handene Potenziale zu identifizieren, bestehende Cluster aufzubrechen, miteinander zu vernetzen und langfristig zu entwickeln“, so Lubert. Als eines der ersten Investments wurde eine Beteiligung an der Firma Virtual Shape Systems abgeschlossen, einem Software-Entwickler für Automotive, der später erfolgreich an Autodesk verkauft wurde. Ein weiteres Erfolgsbeispiel ist der Verschlusshersteller Fidlock, der als junges Start-up in 2009 im Zuge des Investments seinen Sitz komplett von Berlin nach Hannover verlagerte, wo heute – zwei Jahre nach dem erfolgreichen Verkauf an einen Hidden Champion aus NRW – mittlerweile rund 100 Mitarbeiter beschäftigt werden. Der Technikvermieter Grover war eines der ersten deutschen Investments, welches bewusst auf das Thema Nachhaltigkeit und Shareconomy setzte. Und so ließe sich die Liste nicht nur mit Tripod, Hornetsecurity, connox, Newstore oder Timbertower, sondern mit noch weiteren attraktiven Technologie-, IT- und E-Commerce-Schmieden beliebig verlängern. Durch die Produktion erfolgreicher Exits und Rückflüsse konnte seit Gründung von Invest-Impuls deutlich mehr Geld in Unternehmen investiert werden, als Doris Petersen, Invest-Impulsursprünglich in den hif und HBF eingezahlt wurden. Das freut nicht nur das Fondsmanagement, sondern gleichermaßen auch die Geschäftsführerin der hannoverimpuls GmbH, Doris Petersen, die das Invest-Impuls-Modell auf den Punkt bringt: „Ganz viel bewegt, wenig verbraucht und den Innovationsstandort Hannover nachhaltig gestärkt – Wirtschaftsförderung vom Feinsten!“

Fazit

Das Ökosystem funktioniert somit prächtig und trotz Corona ist Wolff und Lubert nicht bange. „Die Planung unserer künftigen Investments laufen“, schließt Lubert. Das bein-haltet auch eine weitere Vernetzung im Rahmen der Vorfeldorganisation, etwa eine noch engere Zusammenarbeit mit dem Hannoveraner VentureVilla Accelerator. „Zuversichtlich voran“, lautet die Devise der Ökosystemmacher, die übrigens inzwischen fünf Fonds im Management haben und aktuell an Nr. 6 arbeiten.