Herausfordernd, aber nicht ausweglos

Private Equity im Kontext der COVID-19-Pandemie

Private Equity im Kontext der COVID-19-Pandemie: Herausfordernd, aber nicht ausweglos
Private Equity im Kontext der COVID-19-Pandemie: Herausfordernd, aber nicht ausweglos
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Bildnachweis: ©tiagozr – stock.adobe.com.

Noch zu Anfang des Jahres blickte die Private Equity-Branche auf ein Jahrzehnt sehr starken Wachstums zurück. Ihre Resilienz und Innovationsfähigkeit hatte die Branche nach der Finanzkrise 2008 erfolgreich unter Beweis gestellt. Welche Auswirkungen hat die COVID-19-Pandemie auf die Branche? Die Folgen der Pandemie sind zweifelsfrei vielschichtiger und umspannen Wirtschaft, Gesellschaft und (Geo-)Politik. Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Private Equity-Branche bis dato gezeigt und wie gehen die Fondsmanager damit um?

Vor Beginn der COVID-19-Pandemie zeichnete sich der Private Equity-Markt durch eine starke Nachfrage von Investoren aus. Die Anlageklasse ist begehrt und besitzt das Vertrauen von Investoren – die Kapitalzusagen führten zu rekordverdächtigen Summen an investierbarem Kapital. In einem wettbewerbsgeprägten Markt mit hohen Bewertungen stellte dieser Umstand die Fondsmanager vor die Herausforderung, das zugesagte Kapital gewinnbringend zu investieren.

Überblick über Private Equity-Aktivitäten in Europa

Zu Beginn der COVID-19-Pandemie stand nach Angaben des Branchendienstleisters Preqin die Höhe des investierbaren Kapitals von Fonds mit europäischem Investitionsschwerpunkt im Januar 2020 bei etwa 643 Mrd. USD. Im ersten Halbjahr 2020 kamen 115 Mrd. USD an Kapitalzusagen hinzu, was einen Rückgang von etwa 13% gegenüber dem Vorjahreszeitraum darstellt. Investoren konzentrierten sich auf größere Private Equity-Manager mit längerem Track Record: Die Fondsgröße der im ersten Halbjahr geschlossenen Fonds lag im Durchschnitt bei 540 Mio. USD und damit um 23% höher als im ersten Halbjahr 2019. First Time-Fonds haben es dagegen beim Fundraising extrem schwer, da der erfolgreiche Track Record das wohl entscheidende Kriterium bei der Kapitalbeschaffung ist. Eine Aufteilung der Kapitalzusagen auf einzelne Anlageschwerpunkte im Bereich Private Equity ergibt keinen klaren Favoriten: 28,7% der im ersten Halbjahr 2020 geschlossenen Fonds sind dem Bereich Wachstumskapital einzuordnen, 18,3% dem Venture Capital und 16,9% dem Anlageschwerpunkt Buyout; die übrigen Fonds finden sich in weiter diversifizierten Assetklassen wieder. Bei der Frage des Ländervergleichs liegen Fondspromotoren aus Frankreich und Großbritannien klar vorne – sowohl bei Anzahl als auch Volumen der kürzlich geschlossenen Fonds. Aber auch in der DACH-Region sind einige Fonds beim Fundraisng erfolgreich gewesen, beispielsweise von den Promotoren Mercer, der Deutschen Beteiligungs AG und Lakestar. Akquisitionen durch Private Equity-Fonds sind im ersten Halbjahr 2020 sowohl in Volumen als auch Anzahl in Europa klar gesunken: Der Wert liegt bei etwa 30% unter dem Vorjahreszeitraum. Dennoch kamen einzelne signifikante Transaktionen zustande, zu denen der Erwerb des ThyssenKrupp Elevator Business unter anderem durch die Private Equity Fonds Advent International sowie Cinven mit einem Transaktionswert von 18,8 Milliarden US-Dollar zählt. Auf Grundlage der Datenerhebung von Dealogic können mehr als 30% der Private Equity-Akquisitionen im ersten Halbjahr 2020 den Sektoren Technologie und Telekommunikation zugerechnet werden und immer noch zweistellige Prozentwerte den Bereichen Konsumgüter, Finanzdienstleistungen und Immobilien/Baugewerbe.

Corona-Zwischenbilanz von Private Equity-Managern

Wie reagieren Private Equity-Manager auf die aktuellen Herausforderungen? Laut einer Befragung von 317 C-Level Executives ist eine transparente, zeitnahe Kommunikation mit den Investoren von höchster Priorität. Private Equity-Manager klären ihre Investoren aktiv über das Ausmaß der Disruption im Portfolio auf und bereiten diese auf kurz- und mittelfristige Konsequenzen vor. Schwierigkeiten im operativen Geschäft der Portfoliounternehmen können beispielsweise Bewertungsanpassungen erfordern und den Nettoinventarwert beeinträchtigen. Ist das Portfolio stark in Frühphasen- und Wachstumsunternehmen investiert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass neue Liquidität erforderlich ist. Des Weiteren kann es zu Anpassungen des Limited Partnership Agreements oder des Fondsprospekts kommen, um dem Fondsmanager höhere Flexibilität bei der Ausübung des Investmentmandates einzuräumen.

Stärkeres Engagement bei den Portfoliounternehmen

Neben der engen Kommunikation mit Investoren sind Private Equity-Fondsmanager in der Krise operativ stärker von ihren Portfoliounternehmen gefordert. Dabei geht es um Liquiditätssicherung bei Aufrechterhaltung der Produktion oder des Serviceangebots. Die kurz- und mittelfristigen Budgetplanungen der Portfoliounternehmen werden überprüft und gegebenenfalls angepasst. Kann das Unternehmen bereits kurzfristig wieder reüssieren, oder wird eine längerfristige Umsatz- und Ergebnisanpassung erforderlich sein? Obwohl die COVID-19-Pandemie einen großen gesamtwirtschaftlichen Effekt hat, gibt es einige Branchen, die kaum von der Pandemie betroffen sind, hierzu zählen etwa Technologie und Gesundheitswesen. Andere Branchen sind massiv unter Druck geraten und benötigen zumindest kurzfristige operative und finanzielle Hilfen. Oft müssen aber auch strategische Fragen beantwortet werden: Welche Kosten hat regionale Diversifizierung? Wie lassen sich Lieferanten- und Partnernetzwerke optimieren, um ähnliche Disruptionen zukünftig besser abfedern zu können? Eine grundsätzliche Hinterfragung des Geschäftsmodells und eine Trennung von unrentablen Geschäftsbereichen werden in einigen Portfoliounternehmen nicht ausbleiben.

Haltedauer dürfte sich verlängern

Unterschiedlich bewerten Private Equity-Manager dagegen die derzeitigen Aussichten, erfolgreiche Transaktionen durchzuführen. Auf der einen Seite überwiegt die Erkenntnis, dass Transaktionen deutlich schwieriger realisierbar sind. Die Gründe sind einerseits die aus dem hohen Bewertungsniveau von 2019 resultierenden Erwartungen von Unternehmensverkäufern, die ihre Vorstellungen gegebenenfalls anpassen müssen. Andererseits sind die Finanzierungsbedingungen nicht einfacher geworden, und viele Banken kämpfen an anderen Fronten, beispielsweise mit der Bewilligung von Kreditanfragen von in Not geratenen Bestandskunden. Daher stimmt eine Mehrzahl von Private Equity-Managern der These zu, dass sich die Haltedauer von Portfoliounternehmen in ihren Fonds im Vergleich zur Vorkrisenzeit tendenziell verlängern wird. Trotzdem äußern sich erstaunlich viele Private Equity-Manager auch optimistisch; sie erkennen Chancen im Markt, sehen die Krise als Katalysator für die Umsetzung operativer Wertschöpfungspotenziale und nachhaltiger Geschäftsmodelle ihrer Portfoliounternehmen und geben an, in den meisten Fällen die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihr Portfolio Dank der konstruktiven Zusammenarbeit mit den Banken, der Nutzung staatlicher Stabilisierungsmaßnahmen und eigenem aktiverem Portfoliomanagement im Griff zu haben.

Fazit

Sofern die Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht gravierender werden, dürfte sich der Private Equity-Markt im weiteren Jahresverlauf positiv entwickeln. Unternehmen brauchen einen Sparringspartner, um ihre Geschäfte zu stabilisieren und ihre Lieferketten zu managen. Gut aufgestellte Finanzinvestoren können genau dies leisten. Auf Ebene der Portfoliounternehmen ist davon auszugehen, dass nach der Corona-Krise Liefer- sowie Produktionsketten neu überdacht werden und gegebenenfalls stärker in Europa gebündelt werden.

 

Stefan Rech ist als Senior Manager im Bereich Alternative Investments mit dem Schwerpunkt Private Equity & Venture Capital bei EY Luxemburg tätig. Dr. Carmen von Nell-Breuning ist Senior Manager bei EY Luxemburg und verantwortlich für den Bereich Business Development Private Equity & Venture Capital.