Universitäre Ausgründungen – Herausforderungen und Potenziale

Erste Studienerkenntnisse

Bildnachweis: Chris Kudler.

Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind Treiber ökonomischen Wachstums: So entstehen oft technologiebasierte und schnell wachsende Unternehmen. Beispiele für erfolgreiche deutsche Ausgründungen mit Einhornstatus, also einer Bewertung von mehr als 1 Mrd. USD, sind Celonis und Lilium von der TU München oder CureVac, ein Spin-off der Universität Tübingen. Dementsprechend ist es ein wichtiges strategisches Ziel vielzähliger Hochschulen, den Wissenschaftler*innen und Studierenden optimale Rahmenbedingungen zu bieten, ihre Erfindungen durch die Gründung eines Start-ups für die kommerzielle Nutzung zu erschließen. Für eine aktive Unterstützung von Gründungsaktivitäten haben Hochschulen eine Vielzahl von Instrumenten wie diverse Ausbildungsformate, Gründungsberatung, Prototyping-Werkstätten und Maker Spaces sowie Inkubations- und Accelerator-Programmen entwickelt.

An der TU München werden gründungsfördernde Aktivitäten vor allem in Kooperation mit dem An-Institut UnternehmerTUM durchgeführt, dem Zentrum für Gründung und Innovation. Im Rahmen einer Public-Private-Partnership ist so seit 2002 ein herausragendes unternehmerisches Ökosystem entstanden: Jedes Jahr nehmen circa 5.000 der mehr als 42.000 Studierenden der TUM an den Entrepreneurship-Education-Angeboten von TUM und UnternehmerTUM teil. Darüber hinaus unterhalten beide Institutionen ein Netzwerk aus mehreren Hundert Firmenkontakten, die für Gründende eine wichtige Rolle als Mentoren, Experten oder Kunden spielen. Zudem haben TUM und UnternehmerTUM ihre Angebote für unternehmerische Talente im Entrepreneurship Center in Garching unter einem Dach gebündelt. Gründungsinteressierte und Gründende finden alle Angebote unter einem Dach – von der ersten Idee bis zur Finanzierung. Als Ergebnis dieser gemeinsamen Anstrengungen kann die TUM jährlich auf circa 80 Deeptech-Ausgründungen blicken, also Start-ups, die eine innovative Technologie auf dem Markt etablieren und damit neue Produkte oder Dienstleistungen entwickeln.

Studie zu akademischen Ausgründungen

Auch wenn die Zahl von 80 Ausgründungen ermutigend ist und deren Wachstumspotenzial durch über 1.000 jährlich entstehende Arbeitsplätze unterstrichen wird, deuten die großen Mengen von Studierenden und Beschäftigten der TUM an, dass noch ein großes Potenzial für weitere akademische Ausgründungen besteht. Das TUM Entrepreneurship Research Institute hat deshalb mit Unterstützung der Joachim Herz Stiftung eine umfassende Studie zu akademischen Ausgründungen sowie deren Chancen und Herausforderungen initiiert. Im Gegensatz zu vorhergehenden Studien, die sich vor allem auf die gesetzlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für Start-ups fokussiert haben, zielt die neue Studie darauf ab, psychologische Faktoren im Ausgründungsprozess zu erforschen. Auch wenn die finalen Studienergebnisse erst für das Frühjahr 2021 erwartet werden, können schon jetzt Erkenntnisse gewonnen werden, die wichtige Implikationen für die Förderung von Ausgründungsaktivitäten an Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben.

Perfektionismus trifft auf Pragmatismus

Auf Individualebene untersucht die Studie, wie Gründende Rückschläge verarbeiten und wie Rückschläge die mentale Erholung von Gründenden sowie deren Lernfähigkeit beeinflussen. Interessanterweise zeigen die vorläufigen Ergebnisse, dass Abschalten ein zweischneidiges Schwert ist: Es erhöht zwar das psychologische Wohlbefinden, kann jedoch schon innerhalb kurzer Zeit zu Defiziten im Lernverhalten führen und damit den Fortschritt des Gründungsprojekts gefährden. Zudem deckt die Studie auf, dass Gründende unterschiedliche Arten von Rückschlägen verschieden verarbeiten; insbesondere spielt es eine Rolle, ob die Rückschläge innerhalb des Unternehmens stattfanden (zum Beispiel Scheitern eines Produkts) oder außerhalb (zum Beispiel Verlust eines Kunden oder Investors). Außerdem ist erwähnenswert, dass viele Wissenschaftler*innen und Studierende sich mit der neuen Rolle als Gründende vor allem deshalb schwertun, weil sie eine Abkehr vom „wissenschaftlichen Perfektionismus“ und eine Hinwendung zum „unternehmerischen Pragmatismus“ erfordert, bei dem auch suboptimale Lösungen oftmals genügen müssen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Gründungsberatung an akademischen Institutionen in der Zukunft mehr individuelle Faktoren einbeziehen sollte und der Fokus auf die Verbesserung der Produkt-Markt-Passung nicht ausreicht, um Wissenschaftler*innen und Studierende im Gründungsprozess zu unterstützen.

Herausforderungen bei interdisziplinären Teams

Die vorläufigen Studienergebnisse identifizieren zudem wesentliche Herausforderungen auf Teamebene. Erstens ist es wichtig, dass Gründende mit Teammitgliedern aus anderen Disziplinen zusammenarbeiten und eine erste gemeinsame Teamidentität entwickeln. Zweitens muss innerhalb dieser interdisziplinären Teams ein effektiver Informationsaustausch stattfinden. Dies ist oftmals schwierig, da geteilte Informationen von Teammitgliedern mit unterschiedlichem fachlichem Hintergrund zum Teil anders wahrgenommen und bewertet werden. Dieser Prozess wird stark von den begrenzten kognitiven Ressourcen (das heißt der Aufmerksamkeit) der Teammitglieder sowie dem Vertrauensverhältnis zwischen denselben beeinflusst. Die dritte Herausforderung für interdisziplinäre Gründungsteams besteht in der Entwicklung und Verfolgung einer gemeinsamen Vision und Strategie ihres Gründungsvorhabens. Dies ist oftmals schwierig, weil der Gründungsprozess eine Fülle neuer Informationen generiert, die von unterschiedlich ausgebildeten Teammitgliedern auch unterschiedlich interpretiert und bewertet werden, was zu einem Auseinanderdriften von Vision und strategischen Präferenzen führen kann. Insgesamt legen diese Erkenntnisse nahe, dass ein effektives Team-Coaching hinsichtlich der genannten Aspekte die Förderung von wissenschaftlichen Ausgründungen unterstützen könnte.

Spielerische Annäherung ans Gründen

Letztlich zeigen die Studienergebnisse auch Handlungsspielräume auf Organisationsebene auf. Insbesondere zeigt sich, dass fakultätsübergreifende, praxisorientierte Formate wie Hackathons oder Makeathons, aber auch eher grundlagenforschungsorientiere Projekte von Wissenschaftler*innen und Studierenden als willkommene Spielwiese betrachtet werden, um Ideen auszuprobieren. Wichtig ist hier, dass die Organisation den spielerischen Charakter solcher Veranstaltungen und Projekte betont, ohne die mögliche Kommerzialisierung oder Ausgründung zu sehr in den Vordergrund zu stellen. So werden vor allem auch Studierende angesprochen und motiviert, die sich von vorneherein nicht primär für kommerzielle Technologieanwendungen interessieren. Im Erleben des Teamprojekts kann sich deren unternehmerisches Interesse jedoch entwickeln. Damit ergibt sich die reale Möglichkeit der Bildung interdisziplinärer Gründungsteams, die die entwickelten Projekte weiterverfolgen oder sich gemeinsam neuen Herausforderungen widmen.

Fazit

Zusammenfassend haben Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland vor allem in den letzten Jahren große Fortschritte bei der Förderung akademischer Ausgründungen gemacht. Um deren Zahl und Qualität weiter zu fördern, könnten neue Ansätze, die neben der Produkt- und Marktentwicklung auch die Psychologie von Wissenschaftler*innen und Studierenden in den Mittelpunkt stellen, wichtige Impulse für das Mentoring und die Ausbildung unternehmerischer Talente und damit für akademische Ausgründungen geben.

 

Dr. Dr. Holger Patzelt ist Professor für Entrepreneurship am Entrepreneurship Research Institute der TU München und leitet zusammen mit Professor Nicola Breugst die dreijährige Studie über akademisches Entrepreneurship. Dr. Nicola Breugst ist Professorin für Entrepreneurial Behavior, ebenfalls am TUM Entrepreneurship Research Institute.